to whom it may concern


all diese reisen sind todernste angelegenheiten. es ist nicht nur so als ob deine seele deinem koerper hinterherschnellen muss - sie muss es wirklich. und du wirst ihren schmerz spueren.


in einem erinnerungslosen europa ohne Heldentum und epische groesse.


           H Y P N O S   „Roman“ von Thomas Findeiß         Die Musik war elektrischer Zucker. Mein Gedächtnis sagt mir, dass der Himmel mindestens zehntausend Meter hoch war, zehntausend Meter federnde blaue Luft über uns, durch die wir schnellten wie Delphine. Und weiter draußen das All, kalt, sanft, nah. Man hätte uns sehen können auf dem Foto. Aber das Foto gab es nicht mehr. Auf ihm wären wir zu sehen gewesen – wenn die Kamera überlebt hätte: zwei Mädchen, einander zum Verwechseln ähnlich, wie Zwillinge. Julias Fuß auf dem Gaspedal, die lackierten Nägel, ihre Hand lässig über dem Schaltknüppel wie der hängende Flügel eines Vogels, 190 km auf dem Tacho, ein einziger himmlischer loop. Zwei Mädchen, mit schmalen, glatten, sonnengebräunten Armen, Haare schimmernd und stark wie die Mähnen gesunder Tiere, funkelnd vor Freude Küss mich, meine Kleine!, kreischte sie. Das tiefe immaterielle Heulen des Porschemotors. Ich stand auf um ein Foto von uns beiden zu machen. Mein Haar knallte im Wind. Julia kreischte. Blitzlicht. Ich fiel auf den Sitz zurück. Das flache grüne Land verwischt, die Sonne geschmolzen, elliptisch. Die Straße schnurgerade, kein anderes Auto in Sicht. Dann eine leichte Biegung, der weiße Kleinlaster zoomte auf. Julia setzte nach links zum Überholen an, blendete auf, gab Gas. Der Traktor rollte aus dem Maisfeld, der Anhänger beladen mit Brettern, oder Bänken oder Baumstämmen. Der Fahrer hatte uns nicht übersehen können, kein Baum, kein Busch, kein Schild, nichts zwischen ihm und uns, außer diesem Scheißlieferwagen. Der Traktor rollte aus, war weg. Wir auf der linken Spur. Der Lieferwagen bremste. Mein Gedächtnis sagt mir, dass er abbremste. Aber mein Gedächtnis war nicht mehr dabei in diesem Moment. Mir war als ob sich unsere Hände ineinander krallten, in dieser allerletzten Sekunde, als der Traktor vor dem Lieferwagen auftauchte und plötzlich mitten auf der Straße stand. Die Explosion war schwarz. Kreischendes Metall flog in alle Richtungen. Dann tausend Jahre nichts. Absolute Leere. Stille. Es gibt einen Grad von Wirklichkeit, der einen glauben macht, dass man träume. Aber man hat nie weniger geträumt.   Alles woran ich mich wirklich erinnere war viel früher passiert: das blutige Hirschsteak auf meinem Teller, die Fledermäuse entlang der Buchsbaumhecke, schwarze Schatten in der tiefblauen Luft, Julias kirschrote Lippen. Der langhaarige libanesische Kellner mit dem fliehenden Kinn und den traurigen Augen, der immer wieder an unseren Tisch gekommen war weil wir ihm beiden gefielen. Auch er hielt uns für Zwillinge. Wir waren traurig. Deswegen lachten wir. Andere bekamen deswegen Schatten unter den Augen.   Ich wachte auf. Ich wachte auf in den Schatten weit gefächerter Lamellen. Alles um mich herum war tot. Ich selbst war tot. Etwas lastete auf mir das schwerer war als ich selbst. Etwas das anfing sich zu regen, träge und blind. Ich wollte nichts mehr. Ich war in den Schatten. Ich versteifte mich. Alles in mir weigerte sich. Ich wollte von innen heraus versteinern. Aber ich wusste nicht ob ich es war, die versteinerte, oder ob es sich in mir versteinerte, gegen mich, die versteinern wollte. Es war Verrat. Ich wollte nicht zurück. Ich wollte mich nicht mehr zurück. Ich lehnte ab. Aber sie holten mich ein. So sind sie - sie denken das Leben ist alles. Sie kennen nichts anders. Okay - wenn sie noch nicht durch die Hölle gehen, dann werden sie durch die Hölle gehen, eines Tages. Ich war im Himmel. Wenn der Himmel ein Ort ist von dem man nicht mehr weg will, dann war ich dort. Aber sie pumpten mich zurück ins Leben. Mein Gesicht war taub. Mein Hirn war wie ein durchgedrehtes TV-set, in dem alle Programme gleichzeitig liefen.   Sie gaben mir keinen Spiegel. Ich schrie nach einen Spiegel, aber sie gaben mir keinen. Mein Gesicht sei noch zu entstellt, sagten sie. Aber das würde sich geben. Eine Frau saß an meinem Bett, sie sah grauenhaft aus, sie hielt meine Hand wie einen gebrochenen Flügel. Aber ihre eigene Hand sah genauso aus. Eine Krankenschwester redete auf sie ein. Das Gesicht der Frau war alt und zuckersüß und voller Hoffnung. Und das verrückteste war: sie nannte mich Julia. Ein Pfarrer kam herein. Ich regte mich auf. Sie schickten ihn wieder weg. Schlagartig verstand ich was passiert war: sie hatten dich begraben, Julia, und dachten: du wärest ich - und jetzt hielt mich deine jammernde Mutter für dich, jammerte um dich, streichelte dich. Sie hatten uns verwechselt, wie so oft, zum letzten mal. Alles blieb stehen. Alles schoß mir mitten ins Hirn. Ich schrie und heulte. Zwei  Krankenschwestern brachten die Frau raus, die jetzt auch heulte und schrie: Deine Mutter. Sie konnte es nicht fassen. Sie begriff es einfach nicht. Sie wollte es nicht begreifen. Während meine Mutter an deinem Grab um mich geweint hatte. Scheiß drauf. Was haben denn Mütter jemals begriffen? Du warst ihre Tochter, aber meine Freundin. Und ich schämte mich dass ich lebte und du tot warst, tot und begraben, weg für immer. Dein süßer Arsch, deine schöngeschwungenen Lippen, deine blitzenden blauen Augen, deine hundsgemeine hinterfotzige Art. Ich würde sterben, anders als du, später, asynchron. Umsonst.   Nimm mich noch einmal, ein einziges Mal in deine Arme, jag mir noch ein letztes Mal die Süße der Lust in mein Hirn. Deine Schönheit hat mich tief verwundet, obwohl ich nicht einmal sagen könnte worin sie eigentlich bestand. Wenn ich versuche dich zu beschreiben dann ist es fast so a spräche ich mit dir. Es tröstet mich nicht darüber hinweg, dass es dich nicht mehr giebt. Wenn ich an dich denke weiss ich nicht was mich mehr quält: das es dich gab, oder dass es dich nicht mehr gibt. Vielleicht war es deine Stimme, weich, rauchig, genau in dieser mystischen Tonlage mit der freundliche Geister zu uns sprechen und man nicht anders kann als hören. Ich habe dich auch in anderen Stimmen reden gehört, offizielle Stimmen, Stimmen für den Hausgebrauch. Für mich war deine Stimme wie ein Skalpell das sich immer tiefer in mich senkte. Wir haben das beide nicht gewusst und nicht gewollt. Was hätte es auch für einen Unterschied gemacht? Deine sommersprossige Haut, weich und duftend nach dir, weit wie die Welt für mich. Dein Haar, Gold auf weichem Rembrandtbraun, deine Lippen auf denen ich oft den Schatten meines Namens schlafen sah. Dein Gesicht war ein absolutes Meisterstück. Aber es konnte auch zur Maske erstarren, wie jede Schönheit sich eine Maske verwandeln kann. Aber selbt diese Maske war noch schön, auch wenn sie mir einen traurigen Schrecken einjagte, eine Vorahnung des totalen Verschwindens. Ich suchte hinter dieser Maske nach dir – und habe dich immer wieder gefunden. Die Vorstellung dich jemals zu verlieren war für mich immer unvorstellbar wie der Tod. Dass es der Tod selbst sein würde der uns trennte hat mich überrascht. Wir hätten uns nie verlassen. Wie konntest du nur Julia heißen? Ich konnte nicht dein Romeo sein. Komm zurück, geh nicht für immer weg, ich gehe ein ohne dich. Ich wollte, ich hätte verrecken können mit dir. Hol uns zurück, fahr den verdammten Porsche eine Spur weiter nach links, damit wir beide draufgehen. Ich will dass es aus ist. Warum diese Qual? Komm zurück, das ist alles ein verdammter Trick. Sie haben uns ausgetrickst. Sie wollten uns immer auseinander bringen. Von Anfang an. Wie oft hast du gesagt dass du dich umbringen wirst, eines Tages. Ich hab nie geglaubt, dass du es ohne mich machen würdest. Jetzt hast du´s getan. Hast du gewusst, dass ich´s überstehn werde? Hast du damit gerechnet? In diesem Leben kann man sich auf nichts verlassen. Nicht mal darauf, dass man tot ist wenn man gestorben ist.   Und ich sah alles noch einmal wie ein langsam über allem schwebender Vogel: das zerfetzte Auto, den brennenden Lieferwagen, das zersplitterte Holz, in Zeitlupe flatterndes Papier, Taschen, Ausweise, Zigaretten, qualmende Reifen, Blut, Haare, Kleider, eine Thermoskanne - und dich. Alles schnellte vor und zurück wie in einem Film. Und dann vergaß ich alles, für immer.   Und als ich so dalag, auf dem Operationstisch, aufgeplatzt wie ein zerschossener Dummie, verdreht, bewusstlos, angeschlossen an die Herz-Lungenmaschine, schon fast tot, und die Chirurgen sich darauf vorbereiteten eine klaffende Wunde an meinem Hals zu schließen, schlüpftest du unbemerkt im letzten Moment hinein. Und als sie die Haut hinter dir vernähten, wusstest du, dass du bei deiner Kleinen bleiben würdest, jetzt da sie allein war, ganz allein, bis zum Schluss. So etwas gibt es: der Geist eines Toten bleibt bei seinem Geliebten, bis auch der stirbt. Erst dann können sie sich trennen. Und manche bleiben sogar darüber hinaus zusammen. Das hier ist ein solcher Fall.       Vita Nuova.     Zwei Jahre später sah Harriet wieder aus wie neu und hatte das Schlimmste überstanden. Sie fing ein neues Leben an; das was man ein neues Leben nennt. Nur hinter ihrem rechten Ohr, gut verdeckt vom Haar, war eine rosige Narbe geblieben. Die Chirurgen hatten ganze Arbeit geleistet. Aber der Schock saß tief und sie konnte ihre tote Freundin so leicht nicht vergessen. Und dann passierte etwas, das nicht hätte passieren dürfen, etwas, das nicht passiert wäre, wäre Julia am Leben geblieben. Um von vorne anzufangen: Harriet begleitete ihren Vater in den Iran, auf die Insel Kisch. Er war Architekt und hatte dort ein Projekt. Harriet sonnte sich zwei Wochen an einem siedendheißen weissen Strand und wurde braun wie eine Haselnuß. Und auf dem Rückflug fing es an. Der Eros übertrifft die Liebe. Die Liebe kann nur in ganz wenigen außergewöhnlichen Fällen mit dem Eros konkurrieren. Der Eros hat nicht die Geduld der Liebe, nicht ihre Gnade, nicht ihre Ruhe und nicht ihre Nachsicht, nicht ihre Fürsorglichkeit und nicht ihr endloses Verzeihen. All das sind die natürliche Gaben der Liebe. Eros dagegen ist ein Gejagter, ein Jäger und ein Gejagter.         1.               "In jeder Epoche werden die Dinge des Lebens neu definiert. Die Definitionen ähneln sich – die Menschen, die sie treffen, nie", sagte Henry und nahm einen Schluck von seiner Bloody Mary. Von Zeit zu Zeit gab er derartige Resümees zum besten. Wenn so etwas glaubhaft klingen sollte brauchte man Selbstvertrauen. Und Henry hatte nicht mehr all zuviel davon. Er hatte sich beim Rasieren geschnitten und zwei kleine blutige Scharten klebten wie die Spuren eines Krallenhiebs unter seinem Ohr. Die Altersflecken auf dem Rücken seiner Hand machten Harriet traurig: Wozu das alles, wenn man am Ende Komödie spielen musste? Es war eine verdammte Sauerei.             "Die Stewardess hat einen hübschen Arsch, findest du nicht?" sagte er mit gedämpfter Stimme. Das stimmte – auch wenn er das unter völlig anderen Voraussetzungen betrachtete als sie. Harriet hatte keine Lust sich über den Hintern der Stewardess zu unterhalten. Sie hätte gern geschlafen. Aber an Schlaf war nicht zu denken. Alles war zu hell. Alles war, wie immer, zu hell. Sie legte ihre rechte Hand auf ihr rechtes Knie und schloss die Augen. Sie suchte nach einer Erklärung in den Augen der Stewardess, die ihr den Gin-Tonic reichte. Aber hinter dem zuckersüß -freundlichen Lächeln einer Stewardess war nur eine professionelle Abwesenheit.             "Wie hieß der Engländer, der immer so über die Hitze jammerte", fragte Henry, "der sich immer verstohlen Gin seinen Orangensaft kippte?"             "Wellington", sagte Harriet.             "Jeder benimmt sich schlecht, wenn man ihm eine Chance dazu  gibt. Weißt du: es ist schlimmer, das Kurzzeit-Gedächtnis  zu verlieren, ich meine, schlimmer als das Langzeit-Gedächtnis zu verlieren. Für einen Künstler ist das der absolute Horror. Das kann ich dir sagen. Und ich habe mich selbstverständlich immer für einen Künstler gehalten"             "Ich weiß was du meinst, Henry." Das war ihr Vater: so, oder so ähnlich musste er mit den Frauen geredet haben, auf die er es abgesehen hatte, damals. Er war immer das gewesen was sie einen Lady’s-man nannten. Er kam gerade wieder da an, wo er angefangen hatte. Das perfekte Rund der Zitronenscheibe, das Saure, Metallische. Die Evolution. Alles wirbelte im Kreis. Harriet spürte das Echo der Flugzeugturbinen in ihrem Knie. Sie saßen in einer Maschine auf dem Flug von Teheran nach Frankfurt. Henrys Geschäfte zwangen ihn, zwei – drei Mal im Jahr in den nahen und mittleren Osten zu fliegen. Er behauptete zwar, dass ihm das jedes mal lästig wäre. Aber dafür trat er die Reise um so munterer an. Er gab sich bodenständig, aber er liebte es zu reisen. Und er genoss es, dass dieses Mal seine attraktive Tochter ihn, einen Mann in seinen Sechzigern, begleitete. Sein Architekturbüro hatte den 1,7 Milliarden Euro schweren Auftrag zum Bau einer state-of-the-art-high-tech-Urlaubs- und Geschäftstadt auf der Insel Kisch bekommen, mit allen Schikanen, Appartement-komplexen, shopping mall, Villen und einer Luxusmarina. Flower of the East sollte das Glitzer-Projekt heißen. Henry beaufsichtigte die Fortschritte beim Bau mehrerer Fünf-Sterne-Hotels. Gleich am ersten Tage verletzte er sich am Auge. Niemandem sonst passierten solche Sachen: Ein Blatt, ein gewöhnliches Blatt Zeichenpapier Din-A-4, das er, wütend über eine misslungene Korrektur seiner Pläne, in die Luft geworfen hatte drehte eine Pirouette und schnitt ihm scharfkantig quer über das offene Auge. Brüllend vor Schmerz hatte er sich zum Arzt bringen lassen. Die nächsten Tage lief er mit einer schwarzen Augenklappe herum und sah aus wie Mosche Dayan.     Zwei Wochen lang hatte Harriet an diesem blitzenden hitzeglühenden Strand gelegen, während ihr Vater seine Termine absolvierte. Abends trafen sie sich zum Essen und tranken ein, zwei alkoholfreie Cocktails, in die er unter dem Tisch aus seiner Taschenflasche Wodka kippte. Es war ihr nicht leicht gefallen, die Rolle der vermeintlichen Geliebten zu spielen. Aber sie hatte sich Mühe gegeben. Es waren nicht allzu viele ausländische Touristen da, aber viele iranische Familien. Das war das Eldorado der iranischen Upperclass. Das war das Macao des Iran. Und es war deprimierend zu sehen, wie schlecht und halbherzig der Westen hier imitiert und noch schlechter karikiert wurde. Und in ein paar Jahren – wer wusste das schon?   Harriet lag in einer Hängematte am Strand vor der kaum merklichen Meeresbrise. Ihre Haare hatten sich unter dem obligatorischen Kopftuch aufgeheizt. Sie hätte es gern abgenommen. Aber in dieser Hitze musste man jeden überflüssigen Ärger vermeiden. Zwei junge Männer, die auf dem Bauch im Schatten einer Palme lagen, redeten ganz offensichtlich über sie. Um sich abzulenken dachte sie über ihre Abschlussarbeit an der Filmakademie nach. Sie hatte drei vollkommen unterschiedliche Script-Entwürfe im Kopf. Eine Geschichte sollte von einer alternden Schriftstellerin handeln, die mit ihrem  Auto zum Ort ihres geplanten Selbstmordes fuhr, und der auf dem Weg dorthin die drei wichtigsten Begegnungen ihres vergangenen Lebens in die Quere kamen - alles in allen eine Tragikkomödie. Die zweite sollte ein musicclip zu Alexander Scriabins Etude Nr. 1 werden, mit Bildern von sich überlagernden Wellen, Schilf im Wind und schlüpfenden Kaulquappen; die dritte schließlich ein harter Pornofilm, in dem sie und Marc mit Masken agierten, die sie am Ende abnahmen, um zwei Köpfe ohne Gesicht zu zeigen.... Aber aus dieser letzten Idee würde wohl nichts werden, was sie, wenn sie ehrlich war, bedauerte.   Nachts setzte manchmal die Klimaanlage in ihrem Appartement aus. Es dauerte keine zehn Minuten und sie lag schweißgebadet auf dem Laken und wünschte, sie hätte sich das ganze erspart. Die Vorstellung, dass ihr Vater im Zimmer nebenan genauso schwitzend auf seinem Bett lag, ein nackter alter Mann, ein widerstrebend sterbender Körper, verwunderte sie. Die Zeit war vergangen, und es war unbegreiflich. Aber er trug immer ein frisch gebügeltes weißes Hemd, wenn er mit ihr zum Frühstück hinunterging. Er schaffte es sogar mit ihrer Hilfe, jedes Restaurant so zu betreten wie ein Mann, der wusste worauf es ankam. Es war zum Kotzen. Sie hatte ihn erst bedingungslos geliebt wie einen Gott, dann verehrt wie einen Helden – und schließlich bemitleidet wie einen hoffnungslosen Fall. Aber es war etwas in ihm, das sie nicht kannte und nie kennen lernen würde. Etwas, von dem nur er etwas wissen konnte: Wer er war bevor er sie gezeugt hatte. Das ist das einzige wirkliche und wahre Mysterium der Familie. Plötzlich ist man da, als ob es einen schon immer gegeben hätte. Die Erinnerung verliert sich im Vagen der Kindheit; aber sie reicht weiter. Das Erinnerungsvermögen entwickelt sich aus der DNS, oszilliert im Blut, geht über ins Gewebe, in die Muskeln, in die Haut und legt sich schließlich wie ein Mantel um das Bewusstsein. Die Erinnerung ist wie ein Kleidungsstück, das sich abträgt und irgendwann nicht mehr zu gebrauchen ist. Wenn sie abfällt, diese letzte Haut, zeigt sich, dass nichts mehr darunter ist.   Da war ein schüchterner Liftboy, der sie angehimmelt hatte. Seine Brust unter dem weißen Hemd war braun und muskulös, seine Brustwarzen wie zwei kleine schwarze Beeren. Sie hatte ein paar Mal geträumt von ihm in diesen überhitzten Nächten. Jedes mal wenn sie ihn sah, verlagerte sich etwas in ihr hin zu ihm, magnetisch. Und einmal als sie am späten Nachmittag vom Strand in den Lift kam, war sie kurz davor sich ihm an den Hals zu werfen. Aber er hatte es fertig gebracht, sie mit einer einzigen Bewegung seiner sichelförmigen Lippen abblitzen zu lassen. Sie hätte ihn am liebsten geschlagen. Sie hätte ihm so gerne seine süße Fresse poliert. Er hatte sie kein einziges Mal wieder angesehen.   Auch Marc war so, als sie ihn kennen gelernt hatte. Er hatte auf eine so rücksichtsvolle, beinah geschwisterliche Art mit ihr geflirtet, dass sie es erst merkte, als es schon zu spät war.  Marc war groß, gut aussehend, ein bisschen linkisch, schüchtern bis zur Langweiligkeit. Aber wenn sie sich dann von ihm abwandte, konnte er plötzlich aufdrehen und einen unerwartet desperaten Humor entwickeln. Er fing dann an mit den Leuten zu spielen wie ein junger Hund und redete sich dabei oft bis über die Grenze der Provokation in eine Verzweiflung, aus der er ohne fremde, ohne ihre Hilfe nicht wieder herausfand. Aber das Buch, an dem er schrieb, kam irgendwie zu keinem Ende. Genau genommen hatte sie nicht einmal den Anfang zu Gesicht bekommen. Irgendwann war ihr klar geworden, dass Marc keine unverzichtbare Rolle in ihrem Leben spielen würde - und sie nicht in seinem. Und gerade das hatte ihn fremd und wieder begehrenswert erscheinen lassen. Diesen Schwebezustand hätte sie beinahe für Liebe gehalten. Aber er wollte sie als eine lieben, die sie nicht war - und auch nicht werden wollte. Er lebte stur nach der Devise Jean Cocteaus: was immer sie an dir kritisieren - intensiviere es. Es war absehbar, dass er eines Tages zu der Sorte von Männern gehören würde, denen alles egal war. Aber vielleicht hatte ihr gerade das an ihm gefallen. Sie war sich niemals sicher.  Marc war Ingenieur bei Siemens. Er führte trotz allem – und das hatte sie nicht wenig überrascht - ein geregeltes Leben. Sie versuchte sich in dieses Leben einzuleben, aber stellte entsetzt fest, dass sie die ganze Zeit nur simulierte und sich selbst dabei beobachtete wie sie immer lethargischer wurde und die Zeit ungenutzt verfließen ließ. Marc lullte sie ein. Lächelnd beugte er sich über sie und sie ließ es lächelnd geschehen. Mit letzter Kraft bäumte sie sich schließlich auf und riss sich los. Sie hatten sich kürzlich ohne große Turbulenzen getrennt. Und vielleicht aus Mitleid, vielleicht auch aus Solidarität hatte Henry sie eingeladen, ihn auf dieser Geschäftsreise zu begleiten.     Als die Maschine zur Zwischenlandung in Dubai ansetzte, überwältigten Harriet Erinnerungen an das kleine Mädchen, das sie einmal war;  lange bevor sich Karen und Henry hatten scheiden lassen, und ihr Bruder kurz darauf bei einem Flugzeugunfall ums Leben gekommen war. Sie erinnerte sich an Familienreisen, wie sie in irgendeinem Restaurant gesessen, oder durch die Straßen einer fremden Stadt am Meer zum Hotel zurück gegangen waren. Sie hatte sich dann oft vorgestellt, wie schrecklich es wäre, allein in dieser Stadt zu sein.   Ihre Erinnerung sagt mir dass es diese Momente schon in meiner Kindheit gegeben hat. Damals, als sie - noch zu viert - in der Welt herumfuhren, sah sie manchmal aus dem Auto heraus Orte die ihr unbegreifliche Schauer über den Rücken jagten: verlassene Lagerhäuser zum Beispiel, in öden Straßen menschenleerer Städte, in der sengenden Nachmittagssonne, eine Tankstelle an der ein roter Sportwagen betankt wurde, ein Mädchen in einem blumengemusterten Kleid, das aus einem Obstgeschäft herauskam, um die Ecke bog und in einer staubigen Straße verschwand. Es waren Orte von denen sie wusste dass sie sie nie wieder sehen würde, Orte an denen sich die Vergänglichkeit und Flüchtigkeit aller Dinge angestaut zu haben schien um sich irgendwann, wenn der Damm brach, in einem einzigen Schwall über die ganze Welt auszubreiten. Wenn sie sich vorstellte  - und sie stellte es sich mit einem qualvollen Genuss vor - für immer an einem dieser Orte sein zu müssen, zu sehen wie jemand vorbeifuhr, auf der Durchreise, der sie sah - und Bescheid wusste, dann spürte sie diese Sehnsucht, als ob sie schon immer gewusst hätte, was auf der anderen Seite auf sie wartete - und von der sich später in ihrem Leben herausstellte, es ist noch nicht allzu lange her, dass auch sie nur Illusion war. Leicht erschauernd hatte Harriet damals die Hand ihres Vaters gedrückt. Und, als ob er spürte was sie dachte, hatte er ihre kleine Hand ein wenig fester in die seine genommen. Wie unendlich sicher und aufgehoben hatte sie sich damals in seiner Nähe gefühlt - wie sicher, das ahnte sie erst jetzt, da sie angefangen hatte, sich Sorgen um ihn zu machen. Sie schaute ihn von der Seite an. Er war eingenickt.     Es stiegen ein paar Leute aus und ein paar zu. Ein junger Araber tauchte im Gang auf, hoch gewachsen, schlank, dunkles Haar, sehr kurz geschnitten. Seine schwarzen Augen fixierten sie. Sie erstarrte. Er trug ein hellblaues T-shirt mit dem Logo No. 4711 since 1792: ein Araber, der genau so gut ein Brasilianer hätte sein können. Er setzte sich in die Reihe vor ihnen. Kurz nach dem Start wachte Henry auf und bestellte sich eine weitere Bloody Mary. Er nahm einen Schluck und sagte:             "Ich kann mir nicht helfen, aber ich empfinde jedes Mal eine gewisse Erleichterung wenn ich aus einem islamischen Land in die westliche Welt zurückfliege: der Alkohol, die Frauen, die Errungenschaften der Demokratie..."             "Kisch", sagte Harriet, "das ist eher eine verrückte Enklave für dekadente Iraner und reiche, ahnungslose Europäer..."             "Tatsache ist, dass die Iraner dort die direkte Tuchfühlung proben. Unsere Partner auf iranischer Seite sind außerordentlich souverän und kooperativ. Wenn man uns gelegentlich Pragmatismus und kalt kalkulierende Sachlichkeit vorwirft, dann kann ich nur sagen: die sind darin genauso gut, wenn nicht besser als wir, denn sie bilden sich – im Gegensatz zu uns - nichts darauf ein. Das ist die wahre Sachlichkeit." Er schwieg eine Weile und drehte dabei seinen Plastikbecher langsam in der Halterung. "Aber Tatsachen haben manchmal eine seltsame und unbegreifliche Macht, sich selbst als Fälschung erscheinen zu lassen."             "Der Wodka in deinem Drink ist echt, und es ist bereits der zweite, Henry."             "Daraus schließe ich, dass wir in die richtige Richtung fliegen", sagt er und tastete mechanisch in der Brusttasche seines Hemdes nach Zigaretten, die da nicht waren und die er nicht rauchen durfte. Der Typ vor ihr hatte seinen Kopf seitlich aufgestützt. Harriet sah sein Ohr. Sie hatte noch nie ein derart monströses Ohr gesehen, wulstig, überdimensional, und von absurder Hässlichkeit, wie eine völlig verbeulte Satellitenschüssel. Dann bemerkte sie, dass es gar nicht sein Ohr war; er hatte den Platz getauscht. Sie schaute zu Henry. Aus seinem Ohr wuchs ein grauer Pelz. Alle andern hatten ganz ähnliche Ohren. Und sie selbst natürlich auch. Sie hätte am liebsten laut geschrieen. Genau besehen war das Ohr des jungen Arabers nicht so hässlich. Makellose Haut, das leicht rötlich gefärbte Ohrläppchen, ein Hauch goldener Flaum, die Ohröffnung dunkel, sauber, unbehaart – und genau auf sie gerichtet.             "Weißt du - es gibt so viele Gattungen von Liebe, dass man zwei oder drei zugleich lieben kann, ohne dass sich eine - oder einer - von ihnen über Untreue beklagen könnte. So ist es nun mal - lass dir das von einem alten Mann gesagt sein, auch wenn er zufällig dein Vater sein sollte...." Harriet wollte etwas sagen, ließ es aber bleiben. Das alles war wie ein dummer Schaukampf, vor diesem Ohr, das nur darauf zu warten schien, zu hören was sie dachte.             "In Teheran", sagte Henry, "haben vor kurzem so genannte Reformer ernsthaft vorgeschlagen, so genannte Keuschheitshäuser einzurichten. Dort sollen unter staatlicher Kontrolle Zeitehen geschlossen werden. Im schiitischen Islam sind solche auf Stunden, Tage, Wochen oder Monate befristeten Ehen, Sigheh genannt, möglich. So wollen sie die Prostitution legalisieren und kontrollieren. Die Männer könnten dann absolut islamkompatibel, ohne schlechtes Gewissen und Angst vor der ewigen Verdammnis, einen Preis aushandeln, einen Ehevertrag auf Zeit schließen und sexuelle Dienstleistungen aller Art in Anspruch nehmen. Der Bedarf an Kondomen kann aus heimischer Produktion gedeckt werden. Bei Schwangerschaften stehen staatliche Ärzte zur Verfügung. Ist das nicht großartig? Von solchen Sachen haben wir in unserer Jugend geträumt. Arabia felix."   In diesem Moment setzte der Typ einen ipod-Kopfhörer auf. Harriet schloss die Augen. All diese Leute die zwischen den Kontinenten drifteten hatten eines gemeinsam: sie versuchten sich selbst zu vergessen. Ihre Pläne und Absichten lösten sich während des Fluges auf, verflüssigten sich und durchströmten ihr Bewusstsein wie eine ungreifbare und beunruhigende Erinnerung an etwas dessen sie zwar eine kurze interkontinentale zeitlang enthoben waren, von dem sie aber nicht loskommen konnten, wie sie von sich selbst nicht loskamen, niemals, nirgends. Und dabei war das Ich doch nichts weiter als eine Einbildung, eine intellektuelle Hilfskonstruktion, irgendwo im Innern eines Menschen erzeugt zu perfiden unbekannten Zwecken. Das Bewusstsein war genau genommen nichts weiter als ein PR-Gag der einer Marionette vorgaukelte, sie hätte auch noch etwas zu sagen.   Plötzlich drehte sich der Typ vor ihnen um und schaute Harriet an. Seine Augen waren jetzt stechend blau. Er musste sich Kontaktlinsen eingeschoben haben. Er brachte sie zum Lachen. Er reichte ihr die Ohrhörer. Sie zögerte einen Moment, dann setzte sie sie ein. Wie leicht war es doch sie herum zu kriegen. Sie wollte ihren Spaß – und sie sollte ihn bekommen - und eine Musik wie sie sie noch nie gehört hatte flutete ihr erwartungsvolles Hirn. Henry sah sie an. Sie nickte ihm beschwichtigend zu. Er lächelte und kümmerte sich um seinen Drink. Der Typ lehnte in seinem Sitz. Sie konnten sich nicht mehr sehen. Diese Musik war psychedelisch, raumgreifend, lyrisch und hart zugleich, ohne Worte, elektronisch und doch wie von einem Gewebe menschlicher Stimmen durchsetzt, Frauenstimmen, oder Stimmen von Männern, die wie die von Frauen klangen. Diese Musik war verloren – und wieder gefunden. Sie war wie eine Musik, nach der sie sich schon immer gesehnt hatte. Harriet beugte sich vor: der Typ hatte die Augen geschlossen. Er hatte ein zweites Paar Kopfhörer eingestöpselt. Er hörte dieselbe Musik wie sie.   Henry schlief. Der Rest seines Drinks zitterte im Becher wie abgestandenes Blut. Henry war farbenblind, von Geburt an. Seine Drinks waren alle mehr oder weniger grau. Harriet schaute aus dem Fenster. Eine paar formlose Wolken trieben weit unten über Sandwüsten und harten, scharfkantigen Bergmassiven. Das war der Planet; groß wie die Sehnsucht. Irgendwo dort unten hatte Mohammed sich vor dem Engel in einer Felsspalte verkrochen, schwitzte vor Angst und ergab sich und hörte.    Der Himmel über Frankfurt war bedeckt. Der Flughafen machte Harriet, wie immer, den Eindruck einer außerirdischen Raumstation. Im Bus stand er wie zufällig neben ihr, ignorierte sie, ein selbstsicheres Lächeln auf den Lippen. Sie hätte ihn am liebsten zum Teufel gejagt.  Henry ging es nicht gut. Er war bleich, er brauchte einen Kaffee, er brauchte jemanden, der sich um ihn kümmerte.              "Wie lange haben wir Zeit?" fragte sie.             "Eine Stunde."             "Gehen wir in die VIP-Lounge?" Er nickte müde. Der Typ lächelte einfach weiter, unbegreiflich aufreizend. Er war definitiv ein Mann, der uns gefiel: schlank, gut gebaut, schmal in den Hüften, lange Beine, vielleicht einen Kopf größer als sie. Gut aussehende Männer sind noch weniger in der Lage ihre Eitelkeit zu verbergen als schöne Frauen, dachte Harriet. Aber sein Gesicht war auf eine eher konventionelle Art schön. Irgendein Idiot hatte es erst in einem heroischen Stil entworfen, mit allen Anzeichen von Kraft, Charakter und Temperament. Aber ein letzter alles aufs Spiel setzender Schliff hatte diese Konzeption von der hohen Stirn aus, über die schwarzen dramatischen Augenbrauen, die nur noch andeutungsweise assyrische Nase, hin zu dem sinnlichen Mund, in Richtung einer Schönheit getrieben, die beinahe androgyn wirkte. Wie eine stumme Reaktion gegen diese Entgleisung lag um seinen Lippen eine Spur von Verachtung: ein Mund wie der eines Modells auf dem Cover eines Männermagazins, das hauptsächlich von Frauen gelesen wurde: ein Mund wie zum Schweigen gemacht. Seine Augen waren jetzt - zur Abwechslung -  unpassend grün als ob sie aus einer Maske schauten. Seine Haut war straff und porenlos wie matt poliertes Holz. Dieses Gesicht würde mit den Jahren schöner werden, wenn das Weiche daraus verschwinden und an seine Stelle ein strafferer Ausdruck treten würde. Die essentielle Struktur war da. Als ob ihm Harriets Meditationen allmählich auf die Nerven gingen sah er sie plötzlich frontal an. Sie lächelte ihm so distanziert wie möglich zu und wendete sich langsam von ihm ab, langsamer als sie wollte. Aber sie spürte seinen Blick weiter auf ihrem Nacken. Nach dem Aussteigen verloren sie sich aus den Augen.   Henrys Gang war schleppend, er schwankte leicht und ließ den Kopf hängen. Seine ewige dunkelgrüne Cordhose war ausgebeult und sein Kaschmirfischgrätjacket zerknittert. Es war nicht zu übersehen, dass er einen leichten Buckel bekam. In der VIP-Lounge besorgte sie Henry Kaffee, eine Kleinigkeit zu essen und die Neue Züricher Zeitung. Er las ein paar Minuten, dann fing er an vor sich hinzudämmern. Harriet nahm ihm die Zeitung aus der Hand und blätterte darin, ohne ein einziges Wort zu verstehen. Gegenüber saß eine Blondine, Mitte Dreißig, elegant, dunkelblaues Kostüm, die Jacke offen, cremefarbene Seidenbluse, üppiges Dekolté, glatt rasierte seidige Beine übereinander geschlagen, schwarze High Heels, ein Fuß sanft wippend, die linke Hand hinterm Ohr als ob sie lauschte, mit selbstvergessenem Blick, ein Lächeln auf den roten Lippen. Ein Stück weiter saßen zwei junge muslimische Frauen, Gazellen in Hijabs und teuren eleganten Schuhen. Sie unterhielten sich leise und ihre dunklen Mandelaugen wanderten immer wieder zu der Blonden. Draußen hinter getönten Scheiben manövrierten langsam Flugzeuge, wie träge geflügelte Fische in einem grauen Aquarium.   Im Warteraum zur Maschine nach Berlin saß er in einem Sessel, mit geschlossenen Augen müde wie eine abgelegte Maske. Harriet nahm sich vor, ihn ab jetzt zu ignorieren. Henry warf ihr einen müden aufmunternden Blick zu. Im Flugzeug setzte er sich mehrere Reihen hinter sie. In Tegel hielt Henry Ausschau nach einem freien Taxi. Und da war er wieder,             "Ich habe einen Chauffeur - wenn Sie nichts dagegen haben nehme ich Sie mit in die Stadt. Wo müssen Sie hin?" Es war einfach entwaffnend. Harriet zog Henry, der hilflos mit den Armen ruderte,  am Ellenbogen. Aber der Chauffeur hatte ihnen das Gepäck schon abgenommen, und sie stiegen in den nachtblauen BMW.             "Wo dürfen wir Sie hinbringen?" fragte er und lehnte sich lässig über den Sitz nach hinten. Sanfte, selbstsichere Stimme, nicht die Spur eines Akzents. Henry schaute sie an, und er war ihr noch nie so trottelig vorgekommen.             "In die kleine Oranienburgerstrasse 82, Mitte", sagte Harriet trotzig. Das war weit. Henry würde bei ihr übernachten. Er hatte darauf bestanden, im Alexander Palace  zu wohnen. Aber er fügte sich; wahrscheinlich war er nur fertig mit den Nerven. Der Typ sagte etwas auf arabisch zu dem Chauffeur.             "Entschuldigen Sie, ich darf ich mich vorstellen: mein Name ist Ibn Said", und er gab ihnen die Hand. Henry stellte sich sehr formell vor und betonte meine Tochter.             "Hat Ihnen die Musik gefallen?" fragte Said. Die Art wie er Henry aus dem Gespräch ausschloss hatte etwas Maßloses.             "Nein", sagte Harriet, "aber das muss gar nichts heißen", und hätte sich am liebsten in die Hand gebissen.             "Schade - aber das muss noch lange nicht heißen, dass ich einen guten Geschmack habe...", sagte Said - Harriet nahm sich vor, ihn, wenn schon, dann Mr. Said zu nennen:             "Macht nichts, Mr. Said. Sehr freundlich von Ihnen, dass Sie uns mitgenommen haben." Er lachte und steckte sich eine Zigarette zwischen die Lippen. "Stört es Sie, wenn ich rauche?"             "Nein", sagte Henry - und nahm eine von Saids Marlboros. Harriet lehnte gegen ihren Willen ab.             "Ich habe", sagte Said, " - unfreiwillig -  gehört, wie Sie gesagt haben, dass sie sich immer erleichtert fühlen, wenn Sie aus der arabischen Welt zurück nach Europa fliegen. Mir geht es ganz genauso. Der Alkohol, die Demokratie..."             "Die Frauen", sagte Henry. Langsam tauchte die Stadt auf. Sie bogen in die Otto-Suhr-Allee ein. Es hatte angefangen zu regnen und die Bremslichter der Autos schlierten auf der Windschutzscheibe.             "First we take Manhatten - and then we take Berlin", er lachte, "das ist von Leonard Cohen, 1989. Heute habe ich in der New York Times gelesen, dass seine Managerin mit seinem gesamten Kapital verschwunden ist..."             "The winner takes it all", sagte Henry. Harriet schnalzte mit der Zunge, stolz auf ihren Vater.              "The looser stands alone", sagte Said und schnippte die Asche seiner Zigarette in den Aschenbecher.             "High noon", sagte Henry. Harriet spürte, dass er am Ende seiner Kräfte war. Die Straße des 17. Juni war wie ein Boulevard über dem der Salznebel des Meeres hing. Eine Prostituierte stand am Straßenrand, unter einem roten Regenschirm, steif, mit gekreuzten Beinen wie eine Eistüte. Sie hatte ihr Handy am Ohr. Der Chauffeur sagte etwas und lachte. Said reagierte mit keiner Mine.             "Können Sie mir erklären, warum hier alle Prostituierten ständig telefonieren?" fragte Said.             "Wahrscheinlich hören sie den Wetterbericht ab", sagte Henry.             "Sie nehmen Kundschaft auch telefonisch an", sagte Said. "Wissen Sie wie die Prostituierten in Teheran arbeiten? Sie stehen züchtig gekleidet am Straßenrand und tragen eine rote Handtasche."             "Die Moden kommen und gehen. Wir leben in einer banalen Epoche. Kommen Sie aus Teheran?" fragte Henry.             "Nein, mein Vater stammt aus Beirut. Ich bin in Deutschland geboren. Ich war geschäftlich in den Emiraten. Und Sie - wenn ich fragen darf?"             "Wie bauen auf der Insel Kisch ein Hotel. Ich bin Anarchist." Der Fahrer nahm gelassen eine rote Ampel.             "Sie meinen Architekt?"             "Sie haben richtig gehört: jemand, der derartigen Kitsch auf Kisch baut ist entweder eine Null oder ein Anarchist. Ich habe mich für das letztere entschieden." Harriet fragte sich, ob sie Henry am Flughafen oder in der Maschine einen Moment aus den Augen gelassen hatte - und er sich weitere Drinks genehmigt hatte.             "Darf ich Sie noch zu einem Drink einladen?" fragte Said und zeigte das vermutlich charmantestes Lächeln, das er auf Lager hatte.             "Nein danke", sagte Harriet, "der lange Flug..., ich glaube es wäre besser, wenn..."             "Aber warum denn nicht", sagte Henry, "es ist doch noch früh am Abend, von Müdigkeit kann keine Rede sein."             "Schön", sagte Said, "ich kenne eine Bar ganz in der Nähe. Die Cocktails sind ziemlich gut dort."             "Nein, Henry, ich möchte nach Hause. Und für dich ist es ganz bestimmt besser, wenn du dich etwas ausruhst."             "Aber Harriet", sagte Henry, "..."             "Ich jedenfalls gehe nach Hause. Du kannst ja machen was du willst."             "Na dann - vielleicht morgen? Sagen wir: um die gleiche Zeit? Ich hole Sie im Hotel ab - einverstanden?"             "Einverstanden", sagte Henry.                 "Scheiße! Wie konntest du nur?", sagte Harriet als sie in die Hotelhalle kamen. "Hast du denn nicht gemerkt, dass es der Typ auf mich abgesehen hatte?"             "Na-na, ist das nicht ein bisschen zu egozentrisch von dir?" Harriet nahm ihre Reisetasche drehte sich um und ging.             "Ich ruf dich morgen Vormittag an", rief sie ihm über die Schulter zu.   Es war eine warme Augustnacht. Der Hackesche Markt hinter der Bahntrasse war ein einziges Gewimmel. Harriet schüttelte es vor Wut. Henry war ein perfekter Ignorant. Die Vorstellung, in ihre Wohnung zu kommen und den Anrufbeantworter abzuhören, war unerträglich. Die Tür der RIVA-Bar stand offen. Sie ging hinein, setzte sich an den Tresen und bestellte einen Gin-Tonic. Henry hatte einen Trinkkumpan gewittert und darüber jede Feinfühligkeit ihr gegenüber fallen gelassen. Das waren die alten eingefleischten Manieren, mit der er auch Karen, ihre Mutter, schließlich vertrieben hatte. Aber eine kaputte Familie war entschieden ein Vorteil. Man wusste wenigstens woran man war: ausgehebelte Existenzen, die nicht allein sein und nicht altern konnten. Sie liefen herum und suchten sich Spielkameraden. Je ichsüchtiger und bösartiger sie waren, desto besser spielten sie miteinander. Jede Familie war ein Abgrund. Eine kaputte Familie lieferte immerhin wertvolles Anschauungsmaterial. Der Barkeeper lächelte sie an. Er sah gut aus, hatte mit all dem nichts zu tun. Sein weißes Hemd, silberne Manschettenknöpfe, seine rautenförmig schwarz-golden gemusterte Krawatte, die unterhalb des dritten Knopfes verschwand, seine gebräunte Hand, die hellen Nägel, weiße Halbmonde, kein Ring an keinem Finger. Er redete mit jemandem neben ihr. Sie sah hinüber, und es war wie eine Bestätigung. Es hatte genau den Gehalt an Banalität, den sie jetzt brauchte.             "Was für ein Zufall", sagte sie.             "Was sonst", sagte er.             "Das ist die Bar in die ich Sie einladen wollte."             "Und ich hatte abgelehnt."             "Und warum sind Sie dann hier?"             "Ich sage ja: was für ein Zufall."             "Sie müssen ja nicht mit mir reden", sagte er und nahm einen Schluck aus seinem Glas. Er war allein. Und da bäumte sich etwas in Harriet auf, das alles andere war als Mitleid mit denen die allein waren. Sie wünschte sich dass er weiter machte. Sie fand er hatte ganz gut angefangen – und jetzt sollte er weitermachen. Und plötzlich wusste sie dass sie und er eine endlose verwegene Nacht vor sich hatten, mit ihren Sternen und ihren Galaxien, mit ihren geheimnisvollen Geräuschen und dem süßen nächtlichen Schrecken, eine Nacht in einer Hütte unter den Sternen, mit ihren großen weiblichen Momenten, mit ihrer Tiefe und ihrem Schrecken. Eine Nacht.             "Come on“, sagte sie. „ jetzt willst du mit mir ins Bett, ohne mich zu lieben. Aber danach wird es gerade umgekehrt sein. Und dann wärst du plötzlich in großen Schwierigkeiten - und die wollen wir uns doch ersparen, oder?" Er lachte, nicht aus Verlegenheit, er lachte ohne jeden Hintergedanken, als ob sie nur einen guten Witz gemacht hätte. Sie legte nach:             "Du willst mich ficken - und ich sage dir, du bist auf dem besten Weg dazu." Die Rückseite seiner Hand traf sie an der Augenbraue. Der Kellner hechtete über den Tresen und packte Said am Revers. Gläser klirrten. Eine Frauenstimme gellte.             "Lassen Sie ihn los!", sagte Harriet zu dem Kellner.             "Es tut mir leid", sagte Said.             "Sie hören doch was er sagt! - Lassen sie ihn bitte los." Irritiert ließ der Kellner von ihm ab. Zwei Knöpfe waren von seinem Hemd abgesprungen. Said reckte den Hals wie ein Kranich legte langsam beide Hände auf den Tresen, atmete hörbar aus und, ohne sie anzusehen, sagte er noch einmal: "Es tut mir leid. Ich hätte nie gedacht, dass Sie etwas derartiges sagen könnten..."             „Schlagen Sie immer gleich zu, wenn etwas Sie überrascht?"             "Nein."             "Sehen Sie eine Möglichkeit, das wieder gut zu machen?" Er sagte nichts, beugte sich zu ihr und küsste sie auf die Augenbraue.     Gegen Mittag rief sie Henry an und verabredete sich mit ihm am Abend in seinem Hotel. Er wollte sich eine Ausstellung mit Handskizzen von Mies Van Der Rohe zum Chicago Federal Center ansehen und fragte sie, ob sie mitkommen könne. Harriet schützte einen Termin an der Akademie vor.   Harriet rief von der Lobby des Hotels an. Dann setzte sie sich neben Said, der ein bisschen nervös zu sein schien. Sie hatten fast die ganze Nacht geredet. Said stammte aus einer reichen Familie aus Beirut. Sein Vater hatte in Bonn Elektrotechnik und Ingenieurwissenschaft studiert und dort Karen, Saids Mutter, kennen gelernt. Said war in Deutschland geboren und in Bonn aufgewachsen. Seine Mutter hatte sich von Anfang an geweigert im Libanon zu leben. Sie war zwar ein paar Mal dort gewesen und war mit dem ganzen Klan bekannt gemacht und ausgesprochen wohlwollend aufgenommen worden. Aber sie hatte ihren Standpunkt behalten und klargestellt, dass sie in Deutschland bleiben und ihre beiden Söhne auch dort aufziehen würde. Das Pulverfass des mittleren Ostens, drei Golfkriege und die Aussicht auf ein nukleares Desaster hatten ihr genügend Gründe geliefert. Zudem war Karen Jüdin. Said Senior zeigte sich ungewöhnlich geschmeidig. Er liebte seine Frau - und stellte sich gegen die Familie. Er wäre zermürbt worden, wäre er beruflich nicht so erfolgreich gewesen. Er gründete ein Imperium: Kommunikationstechnologie, Telefonanlagen. Schließlich übergab er alles seinem ältesten Sohn. Und der war jetzt gut im Mobilfunkgeschäft. Mit nichts konnte man soviel Geld machen wie mit Kommunikation. Wenn eine Frau und ein Mann nebeneinander im Bett lagen, dann kostete das gar nichts, vorläufig jedenfalls. Aber sobald sie miteinander reden wollten, kam das Geschäft in Gang. Zwei seiner Onkel und eine Tante mit Anhang lebten  in Berlin. Es sah ganz so aus, als ob ein beträchtlicher Teil des Said-Klans die Stadt infiltrierte hatte, libanesische Geschäftsleute - ein Geflecht hinter der sonoren Stimme Saids. Er schien völlig ausgehungert. Und sie war es auch.   Als Said in der Morgendämmerung eine Zigarette rauchte, nackt an ihrem Küchentisch, fast unbehaart, schmal und geschmeidig wie ein Fisch, musste sie sich eingestehen, dass er einer der schönsten Männer war die sie je gesehen hatte. Sein Körper hatte diese marmorne Kühle, die eine unwiderstehliche Lust in ihr erweckte, ihm nachzulaufen wie eine Schlafwandlerin, wohin auch immer. Und die Zeit, in der sie ihn nicht gekannt hatte, erschien ihr sinnlos und absurd und prädiluvial. Er nahm ihren Kopf zwischen seine Hände, küsste sie, drängte sie gegen die Fensterbank, dass sie sich mit ausgebreiteten Armen festhalten musste,  dass es jeder von draußen hätte sehen können.             „Es scheint, meine Dame, dass Ihnen nicht gerade viel an meinen Küssen gelegen ist.“             „Wie kommen Sie nur auf einen solchen Gedanken, Sir?“             „Ich verlange die Abschaffung dieser Förmlichkeiten. Ich habe Grund anzunehmen, dass ich wenigstens zu Ihren näheren Bekannten gezählt werden sollte. Nenn mich bei meinem Namen. Nenn mich Said.“   Die eine Hälfte des Schlafzimmers lag noch im Dunkeln, die andere strahlte schon in goldenem Licht. Sie blieben den ganzen Tag im Bett, ließen sich von einem Lieferservice Sushi bringen und eine Flasche Weißwein. Said war vierunddreißig, sechs Jahre älter als sie. Er hatte eine jüngere Halbschwester, deren Mutter eine Libanesin war und einen Bruder. Er erzählte nicht allzu viel von seinen Geschwistern, aber er schien sie sehr zu lieben.             "Was wirst du deinem Vater sagen?", fragte Said.             "Gar nichts", sagte sie, "vorläufig."     Henry kam aus dem Aufzug. Er trug seine grün getönte Henry-Miller-Brille, von der er behauptete, dass sie ihm einen Rest an Farbwahrnehmung verschaffte. Er sah erholt aus, kam mit forschem Schritt auf sie zu und wirkte in seinem sandbraunen, ein wenig dandyhaften, Dreiteiler mit dunkelgrüner Krawatte um Jahre jünger. Er hatte sich offenbar zusammengerissen. Er schien nicht überrascht.             "A new start in live!", sagte er und lies sich in einen Sessel sinken. "Was machen wir heute, Kinder?" Die Schnitte auf seiner Wange waren nicht mehr zu sehen.   Die Ausstellung hatte bis Mitternacht geöffnet - und Henry ging, die Arme hinter dem Rücken verschränkt, von einer Zeichnung zur anderen und betrachtete sie lange, versunken in jede Linie und jedes Detail. Er schien Said zu mögen. Die Beiden kamen leicht miteinander ins Gespräch. Said verstand einiges von Architektur, jedenfalls soviel, um Henry Stichworte zu liefern. Mit einer kaum beherrschbaren Aufwallung von Zärtlichkeit sah Harriet wie Said unwillkürlich die Körperhaltung ihres Vaters annahm.             "Ein großer Künstler", sagte Henry, "ist immer auch ein großer Kunstverhinderer und Kunstzerstörer, denn die meisten der wenigen, die ihn verstehen und anerkennen, gehen in dem Versuch ihn zu imitieren unter."             "Da hab ich ja Glück gehabt", sagte Said, "kein Künstler zu sein. Und vielleicht täuschen sich die Nicht-Künstler in der Kunst seltener als die Künstler, weil die in der Kunst eines andern nur den Aspekt suchen und finden, der sie in ihrer eigenen Kunst bestätigt."             "Gut gesehen - gut gesagt. Der Bogen einer Brücke schläft nie", sagte Henry. "Junger Mann, geben Sie acht auf meine Tochter, sie ist die einzige ihrer Art und vom Aussterben bedroht."     Said verabschiedete sich. Henry ging taktvoll zur Toilette und kam erst wieder als Said gegangen war.             "Ich fliege morgen Mittag nach München", sagte er,  "bin aber nächste Woche für ein paar Tage wieder In Berlin. Bist du dann da?"             "Wenn nicht, kannst du in meiner Wohnung übernachten."             "Wo willst du denn hin?"             "Wer weiß..."             "Wie findest du unseren arabischen Freund?" fragte er nach einer Pause.             "Ganz nett, ein bißchen zu spontan für meinen Geschmack...", sagte Harriet.             "Wirst du Marc wieder sehen?"             "Seit wann interessierst du dich so für mein Liebesleben, Henry?"             "Du musst es mir ja nicht sagen."             "Nein, das ist vorbei."             "Was? - dein Liebesleben? Dafür ist es noch ein bißchen früh, oder?"             "Deine Witze waren auch schon mal besser."             "Im Ernst - er hat Manieren." So redete Henry, wenn er jemanden wirklich  mochte.         2.     Said nahm ein Taxi und fuhr nach Haus. Er schämte sich immer noch; es war das erste Mal dass er einer Frau gegenüber die Beherrschung verloren hatte. Die Art wie sie reagierte war ihm vollkommen fremd. Das hatte alles geändert. Er hoffte, dass sie keine von den Frauen war, die solche Tricks und noch ganz andere in ihrem Repertoire hatten. Ihr Bild brannte auf seiner Retina. Er nahm sich vor, einen Tag zu warten, vielleicht zwei - und sie dann anzurufen, und wusste, dass er es nicht aushalten würde. Es hatte wieder angefangen zu nieseln. Er hielt seine Hand aus dem Fenster. Der Taxifahrer beobachtete ihn misstrauisch im Rückspiegel und drehte das Radio leiser. Henry war, bei aller Kauzigkeit, ein Mann, den seine Unersättlichkeit als letztes verlassen würde. Er erinnerte ihn, trotz aller verrückten Unterschiede, an seinen eigenen Vater. Sein Vater der gesagt hatte: Männer wie ich sollten 1000 Jahre leben. Als er starb war Said in den USA und schaffte es nicht mehr rechtzeitig zur Beerdigung zurück zu sein. Seine Familie nahm ihm das jetzt noch übel. Aischa, seine kleine Schwester, hatte ihn wochenlang nicht angesehen. Sie hatten sich über diesen Punkt nie verständigt. In diesem Moment kam The Comedians von Roy Orbison im Radio. Said bat den Fahrer etwas lauter zu drehen: ´... instead of absent friends, I drink to these comedians...´  Damals vor mehr als 10 Jahren waren sie von Manchester aus nach Cardigan gefahren. Aischa saß auf dem Rücksitz und spielte mit ihrer Puppe, die sie Fatima nannte - als sie dieses Stück im Radio spielten. Sie spielten es damals öfters, und jedes mal hatte es ihm die Tränen in die Augen getrieben. Er hatte die Warnblinkanlage angeschaltet, auf dem Seitenstreifen gehalten, und sie hatten sich das Stück angehört. Er hatte ein paar Sätze für Aischa übersetzt. Sie hatte aufmerksam zuhörte. Kurz darauf war eine Polizeistreife aufgetaucht. Said sagte, seiner kleinen Schwester sei plötzlich übel geworden. Sie hatte perfekt mitgespielt. Jahre später hatte Aischa ihm einen Brief geschrieben, in dem nur ein Satz stand: ´saving the symbol of life for You - instead of these comedians´. Aischa, seine kleine Schwester mit den glühenden Augen, die ihn bewunderte und die er liebte wie die Unvergänglichkeit.   Es regnete stärker jetzt und die Straßen glänzten wie chinesischer Lack. Die Blätter der Bäume waren unnatürlich grün unter den Gaslampen und schwer wie nasses Gefieder - und Said hätte fast aufgeschrieen vor Glück bei der Vorstellung mit diesen beiden Frauen zu leben, mit Aischa und Harriet. Er wählte Aischas Nummer. Sie war noch wach. Sie sagte er solle kommen, unbedingt, sofort. In ihrer Stimme war Angst. Said dirigierte das Taxi um.   Es dauerte lange bis sie öffnete. Dann flog sie ihm an den Hals. Sie war barfuss, trug Jeans und ein schwarzes T-shirt. Sie roch nach Sand mit einem Hauch von Patchouli wie immer - und darunter ein wenig nach Schweiß, Angstschweiß. Sie tanzten umarmt in der offenen Tür. Sie klammerte sich so fest an ihn, dass er hörte, wie seine Sonnenbrille in der Innentasche seines Jacketts zerbrach und wunderte sich, welche Kraft in diesem kleinen sehnigen Körper steckte. Er merkte erst, dass sie schluchzte, als er sich losmachte, um seine Reisetasche aufzuheben.                         "Ich bin so froh, dass du endlich da bist...", sagte sie, "du wolltest doch schon gestern kommen."             "Ja, aber ich habe..."             "Schhh...", sie legte ihm den Finger auf die Lippen und zog in ihn über die Schwelle. Bevor sie die Tür hinter ihm schloss warf sie einen Blick in das Treppenhaus. In der Wohnung war ein brandiger Geruch. Auf dem Boden des Flurs lag ein schmutziges Handtuch, und als er am Badezimmer vorbeiging sah er durch die halboffene Tür, dass trübes Wasser in der Wanne stand. Auf dem Tisch vor dem Sofa lag eine halbgegessene Lieferservicepizza, daneben eine Flasche Bier. Der Fernseher lief ohne Ton und von CD lief Hip-Hop.             "Was ist passiert?" fragte Said und öffnete die Tür zu dem kleinen Balkon. Am Boden lag ein Haufen schmutziger Wäsche.             "Verdammt noch mal - was ist eigentlich los mit dir?!" Aischa zündete sich eine Zigarette an und inhalierte tief. Sie schluckte und starrte vor sich hin. Sie trug keinen BH und unter ihrer Brust war ein brauner Fleck. Sie merkte, dass er den Fleck gesehen hatte, ging in den Flur zum Schrank und wechselte das T-shirt gegen ein frisches. Auf ihrem braunen Rücken waren zwei lange blutige Striemen, etwas weiter unten, auf Höhe der Nieren, ein blauer Fleck von der Größe eines Eies.             "Es reicht jetzt, Aischa - du sagst mir jetzt auf der Stelle, was los ist!"             "Ich  w e i s s  es nicht", sagte sie und schaute ihn mit steinernem Gesicht an. Als sie zur Anlage ging um die Musik auszustellen, hinkte sie leicht.             "Was soll das heißen, dass du es nicht weißt? wo kommen diese Verletzungen her? Hattest du einen Unfall? Hat dich jemand geschlagen?"             "Nein - das heißt; doch..."             "Könntest du vielleicht etwas präziser werden?"             "Ich ... ich werde verfolgt."             "Von wem?"             "Das ist es ja, was ich nicht weiß."             "Weiter", sagte er.             "Letzte Woche hat es angefangen...". Sie legte die Hand vor die Augen. Die Asche ihrer Zigarette fiel zu Boden. Said nahm ihr die Kippe aus der Hand, fand keinen Aschenbecher und drückte sie auf der kalten verkrusteten Pizza aus, in der schon andere Kippen steckten. Als er sich umdrehte war sie dabei, sich eine neue Zigarette anzuzünden. Er nahm sie in die Arme. Ihre Zähne nagten an seinem Schlüsselbein, sie zitterte. Sein Blick fiel auf ein magisches Quadrat, auf einem losen Blatt Papier, offenbar eine Fotokopie, mit zwei Reiszwecken die Wand geheftet. Es war das magische Quadrat auf Dürers Melancholia. Alle Zahlenreihen ergaben addiert 34 – sein Alter in diesem Jahr. In diesem Moment schrillte das Telefon - und Said hatte das Gefühl, dass Aischa, schon Sekunden vorher aufgeschrieen hatte.  Er deutet auf den Apparat. Aischa nickte, und es war nicht zu unterscheiden, ob der Krampf in ihrem Gesicht Entsetzen - oder Gier bedeutete. Said nahm den Hörer ab. Am anderen Ende war nur ein Grunzen zu hören, dann: You son of a bitch. Die Leitung war unterbrochen.             "So geht das seit Tagen..." sagte sie. Said zog die Telefonleitung aus der Steckdose.             "Das nützt nichts", sagte Aischa und lachte gequält., "auf die Idee bin ich auch schon gekommen. Es klingelt trotzdem. Verrückt, was?" Said nahm das Telefon, ging auf den Balkon und ließ es in den Hof fallen. Plastik splitterte trocken auf Beton.             "Hey-hey Baby: du ziehst dir jetzt was über und wir gehen was trinken. Das hier macht dich verrückt. Los - ich warte." Mechanisch wie eine Puppe ging sie in den Flur, nahm eine hüftlange Tarnjacke mit integriertem Gürtel aus dem Schrank, zog die Jeans aus und olivfarbene weit geschnittene Bundfaltenhosen an, schlang sich ein schwarzes Kopftuch um, das ihr Gesicht freiließ und schlüpfte in schwarze hochhackige Schuhe mit einem Riemen über dem Knöchel. Sie sah aus wie eine echte Gotteskriegerin, die die Kommandantur mit dem Laufsteg vertauscht hatte. Einen Moment lang glaubte er, das alles sei nur ein Scherz, und gleich würde sie anfangen, sich in Pose zu werfen und lachen. Aber sie lachte nicht. Sie sah ihn nur an und wartete. Said ging auf sie zu. Sie schloß die Augen, hob den Kopf und bot ihm ihren langen schlanken Hals. Und er küsste sie, wie er sie noch nie zuvor geküsst hatte. Ihre Hände vibrierten in seinem Nacken. Ihr Körper wand sich an ihm in langen Wellen wie eine Schlange.       Henry ließ sich in den Sessel fallen und drückte auf den roten Knopf der Fernbedienung. Er nahm einen Schluck von seinem Whisky und ließ die Eiswürfel im Glas klingeln. Sie zeigten Point Blank, von Robert Aldrich, die Szene, in der Lee Marvin diesen endlos langen Flur entlang geht, das unerbittliche Klacken seiner Schuhe, das Appartement seiner Freundin, die in Panik die Tür verbarrikadiert, sein undurchdringliches entschlossenes Gesicht. Das Klacken. Als die Tür splitterte drehte sich Henry unwillkürlich um. Das Telefon klingelte.             "Geht´s Dir gut?" fragte Harriet. Lee Marvin schoß, "...ist alles in Ordnung?"             "Ja, warum fragst du?". Er schaltete den Ton aus und stellte sein Glas geräuschlos auf dem Tisch ab.             "Was siehst du?"             "Keine Ahnung - das heißt rohe Gewalt, wie immer: ein eifersüchtiger Kerl schoß gerade eben auf ein leeres Bett..."             "Du hättest die Szene sehen sollen, als er sie zum ersten mal sieht und sie umeinander herum gehen und sich anlächeln, immer im Kreis..., Liebe auf den ersten Blick. Treffen wir uns morgen noch, zum Essen, bevor du fliegst?"             "Aber ja - gern. Sag: hat es dir eigentlich gefallen auf Kisch?"             "Mich mitzunehmen - das war die beste Idee die du seit langem hattest."             "Wirklich?"             "Ich hole dich, sagen wir um zwei Uhr am Hotel ab, ja?"             "Wunderbar. Freut mich sehr, dass du..."             "Schon gut. Also, dann bis morgen. Schlaf gut."             "Du auch."     Henry legte auf und schaltete den Ton des Fernsehers wieder an. Er ging auf den Balkon, das Glas in der Hand und schaute auf die Stadt, in der seine Tochter lebte. Das hier war das alte Zentrum, aber es sah nicht danach aus.  Alles war hier aus der Balance geraten, im Raum und in der Zeit. Die Tragödie die von hier ausgegangen war blieb das Wasserzeichen dieser Stadt. Ein leises Rauschen wehte mit dem warmen Aufwind hier herauf in den zwanzigsten Stock. Was würde aus Harriet werden in diesem Land? Würde sie eine Familie haben? Würde sie ihn vergessen. So wie er jetzt dabei war, sein eigenes Leben zu vergessen. Jeder vergaß jeden, irgendwann. Gewisse Gefühle waren langsam und unauffällig aus seinem Leben verschwunden, wie Gäste einer Party, die gegangen waren ohne sich zu verabschieden. Er hatte es nicht bemerkt, während es passierte. Dann war es plötzlich zu spät. Man stieg von der Zunge auf die Spitze des Gletschers zu - und wenn man die endlich erreicht hatte, gab es den Berg nicht mehr. Der immense Raum, der schier endlose Ausblick, die unauslöschliche Erwartung, der Enthusiasmus der Jahre war verflogen wie Rauch im Dunkeln. Was hatte er schon erreicht im Leben: drei Ehen, zwei Kinder, von denen nur Harriet am Leben geblieben war. Karen lebte noch immer in Kopenhagen,. Dort hatte er sie kennen gelernt. Auf der Bühne, in Schwanensee. Dann war er ihr zufällig in einem Café wieder begegnet. Sie war hellblond, weiße Haut, grüne Augen, so unglaublich strahlend, dass er nicht anders konnte als zu ihr hinzugehen und ihr zu sagen, dass er sie wieder sehen musste. Sie hatte ihn lange angesehen und dann gesagt: ´Es ist schön, dass Sie  mir das sagen.´ Er hatte nicht verstanden, was sie damit meinte. Später hatte sie ihm ein Foto gezeigt: ein Mann in einem Anzug mit einem Regenschirm und einer Zeitung unter dem Arm vor dem Hotel Atlantik in Hamburg. Das war 1939. Das war ihr Großvater. Er, Henry, sah ihm auffallend ähnlich. Karens Mutter war vor den Nazis nach Dänemark zu einer kinderlosen Familie gebracht worden, die sie vor den Invasoren versteckt hatten. Und schließlich war sie, wie fast alle dänischen Juden, nach Schweden in Sicherheit gebracht worden. Ihre gesamte Familie war ausradiert. Karen war in Dänemark geboren. Eine nordische Schönheit mit jüdischem Blut. Harriet war ihr wie aus dem Gesicht geschnitten. Harriet war ein Kind des Desasters, wie alle Europäer. Er selbst war ins Spiel gekommen, an einem Abend, an dem er mit absolut nichts gerechnet hatte. Zehn Jahre, vielleicht fünf davon glücklich. Dann hatten sie sich verloren, wie Möwen im Sturm. Aber Harriet war immer in seiner Nähe geblieben. Er hatte nie genau gewußt warum. Wie ein Schiboleth - so nannten sie es. Karen hatte ihm Harriet mitgegeben. Und er - er hatte ein paar Glas- und Stahltürme, ein Museum in Murcia, einen Flughafen in Benghazi gebaut, er hatte ein paar Geliebte gehabt, mehrmals seine Überzeugungen gewechselt und irgendwann aufgehört, überhaupt Überzeugungen zu haben. Er glaubte nicht an Gott, die Kunst war kein nennenswerter Ersatz.. Das Meiste von dem was sie als große Kunst bezeichneten war nicht einmal großartiger Schrott. In stillschweigender Übereinkunft hatten sie einen Kanon aufgestellt, der nichts weiter war als ein Kartenhaus. Sie wagten nicht daran zu rühren, weil sie wussten, dass es bei der leisesten Berührung einstürzen würde, und sie nichts anderes hatten. Sie mochten bestimmte Sachen, weil sie einen Teil ihrer selbst darin wieder erkannten, den Teil, vor dem sie in sich selber längst, zur Sicherheit, kapituliert hatten. Kunst gab ihnen die Illusion von Vollständigkeit. Sie beten bestimmte Werke an, nicht weil sie die Stärke in ihnen kannten, sondern weil sie sich ihrer eigenen Schwäche allzu bewußt waren. Deswegen schämten sie sich. Und um diese Scham zu kaschieren begeisterten sie sich, dekorierten und brüsteten sich mit ihrem Kunstverstand. Dann fühlten sie sich gleich besser. Aber dieser künstliche Rausch brachte ihnen einen permanenten Kater ein. Und um diesen Kater zu  ertragen brauchen sie neue Kunst - und neue Moden. Und was am meisten aus der Mode war, würde mit Sicherheit die nächste Saison beherrschen. Kunst war im innersten Ekstase und nach außen Camouflage. Kunst war nur bedeutend für den Künstler selbst. Er hatte immer bezweifelt, dass Architektur zu den Künsten zu zählen war.   Ein Hubschrauber flog über den Tiergarten, zwei Scheinwerfer nach unten gerichtet, wie die Beine eines Insekts. Henry ging hinein und genehmigte sich einen weiteren Whisky. Sein eigenes innerstes Selbst würde niemals vollständig sein. Es würde untergehen, weil er, sein Betreiber, sein Zuhälter, sein Besitzer, starb. Die Rechnung ging nicht auf, das Spiel war nicht aus. Aber es gab keinen Spieler mehr. Er war kein Stoiker, er war unmusikalisch, er spürte keinerlei Sehnsucht. Er trank zuviel, er hatte keine Freunde und wollte auch keine mehr haben. Er trank sein Glas in einem Zug aus und bestellte sich ein Taxi. Dann zog er sich ein frisches Hemd an, band sich eine Krawatte um. Dem Taxifahrer sagte er eine Adresse am Savignyplatz in Charlottenburg.   Er sah aus wie ein Geschöpf Frankensteins und nahm ihn schon von weitem auf´s Korn. Henry ließ ihn stehen und ging die Treppe zur Belle-Etage hinauf. An der Bar saßen zwei Frauen, eine dunkelhaarig, die andere blond. Ein Gast an der Bar, ein untersetzter bulliger Typ mit einer Tätowierung auf dem Unterarm begrüßte ihn überschwänglich. Henry stellte klar, dass es sich um eine Verwechslung handeln müsste. Die beiden Frauen lachten. Die Blonde ging hinter den Tresen und legte eine CD ein. Er setzte sich an die Bar und bestellte einen Drink. Die Blonde, die sich als Geschäftsführerin herausstellte, ließ im ´Salon´ servieren. Dort waren die Vorhänge ganz zugezogen. Eine künstliche Palme, tief liegende Sofas und eine Unmenge von Sitzkissen sollten dem Ganzen einen orientalischen Touch geben. Über allem schwebte die Disko-Kugel. Aus einem Flur kam ein drittes Mädchen und setzte sich auf die Lehne eines Sofas. Dabei blies sie ein paar mal auf ihre Fingernägel; der Lack war noch nicht ganz trocken. Henry fing an mit der Blonden zu plaudern. Im Schein einer Schwarzlichtlampe leuchtete ihr Blazer und die gebleichten Haare. Seine Fingernägel und das Zifferblatt seiner Armbanduhr leuchteten auch und er fragte sich, wie es wohl mit seinen Zähnen stand. Der Korken der ersten Flasche ‘Hausmarke’ knallte, man stieß an - das alles zog sich hin. Die Frau mit den frisch lackierten Fingernägeln sagte ihm noch am ehesten zu. Die Blonde gab ihr einen Augenwink, und sie kam träge herüber und setzte sich neben ihn. Der Geruch des Nagellacks vermischte sich mit ihrem schweren Parfüm und vernebelte ihm das Hirn. Sie war sehr blass und hatte große umflorte Augen, Haar von einer undefinierbaren Farbe. Ihr Rock war hoch gerutscht und ließ ihre kräftigen Schenkel in glänzenden fleischfarbenen Nylons sehen. Die schwarzen Plateauschuhe waren an den Fußspitzen abgestoßen. Die Blonde zeigte mit Abstand am meisten Temperament. Sie war Polin und erzählte abstruse Geschichten aus ihrer Heimat; sie hatten damals im Land des kleinen Generals mir der dunklen Brille ihr Schwarz-Weiß-Fernsehgerät mit einer bunten Folie überklebt, das ihm PAL-Standard verschaffte. Solidarnosc - das war die beste Zeit. Auch von lustigen Segeltouren auf masurischen Seen war die Rede. Henry lehnte sich zurück und ließ sich von der Dunkelhaarigen den Bauch kraulen. Die Blonde hatte offenbar den Eindruck, dass die Dinge allmählich in Fluss kamen. Sie stand auf, ging rüber und redete mit dem Tätowierten. Eine Lampe blinkte über der Tür und ein neuer Gast kam herein: ein älterer untersetzter Mann, den schmalkrempigen Hut, frech in die Stirn gezogen, den er aufbehielt, als er sich an den Tresen setzte. Henrys Mädchen war nicht sehr gesprächig. Sie wohnte in Berlin-Moabit und hatte in der Nacht eine Ratte in ihrer Wohnung entdeckt. Henry zündete für sie und sich eine Zigarette an und schaute sich um, ob es vielleicht noch ein anderes Mädchen gäbe. Aber dann packte ihn ein Gefühl und er fragte, ob sie Lust hätte, mit ihm zu tanzen. Und sie fingen an zu der leisen langsamen Musik eng aneinander gepreßt zu tanzen. Und das war es, was sie konnte. Zeit verging. Schließlich fragte sie ihn ob er jetzt mitkommen wolle. Sie hatte ein Muttermal unter der linken Brust. Sie erzählte von ihrer hypermotorischen Tochter und wie froh man doch sein könnte, wenn man gesunde und normale Kinder hatte. Alles was sie mit ihm machte war genau das richtige. Ihre Brüste hüpften mechanisch. Sie ritt ihn ab. Und sie schaute dabei die ganze Zeit auf ein Bild an der Wand, außerhalb seines Blickwinkels. Danach öffnete sie das Fenster. Einzelne Stimmen waren zu unterscheiden, ein Mädchen rief einen Namen, eine Autotür öffnete sich, entließ eine Wolke von Technomusik und wurde wieder zugeschlagen, dann das Röhren eines kaputten Auspuffs. Henry stand auf, warf einen Blick auf das Bild und konnte nichts weiter erkennen als ein weißes Pferd im Nebel. Er hörte den Lärm schon im Flur. Als er in den Salon zurückkam, tanzte der untersetzte Mann mit der Blonden wie ein Verrückter Rock´n-Roll. Das Hemd hing ihm aus der Hose und er hatte nur noch einen Schuh an. Sein Hütchen hing schräg auf seinem Kopf. Gläser gingen zu Bruch, er rutschte aus und fiel. Dabei riss er die Blonde mit um. Einen Moment sah es aus, als hätte sich ihr Kopf vom Rumpf getrennt und flöge in hohem Bogen davon. Es war ihre Perücke. Darunter klebte ihr kurzes echtes Haar am Schädel. Die Beiden landeten auf dem Sofa. Alle klatschten und johlten. Auch Henry lachte, wartete, bis sich die ehemals Blonde die Perücke wieder aufgesetzt hatte. Dann bezahlte er die Rechnung.           3.           Aischa war nicht verrückt geworden. Nach einer halben Stunde, so erzählte es Said Harriet später, hatte er herausbekommen was passiert war: die Familie ihrer Mutter besaß ein weitläufiges Grundstück in einer der besten Viertel von Beirut. Ihr Bruder, Aischas Onkel, plante ein mehrstöckiges Bürohaus auf diesem Grundstück - genau gegenüber der Villa eines Nachbarn, ein für seinen Jähzorn bekannter Geschäftsmann . Dessen Villa stünde dann im Schatten, jeder Aussicht beraubt. Er fühlte sich gedemütigt. Aber aus baustatischen Gründen war ein anderer Standort für den Neubau nicht möglich. Man hatte verhandelt, sich gestritten, Korruption, Erpressung und Androhung physischer Gewalt waren dazugekommen, und der Streit eskalierte. Der Onkel, den Said kaum kannte, lebte mit seiner Familie seit einem Jahr in Berlin-Moabit, hatte aber seine Mittelsmänner in Beirut, die das Projekt konsequent vorantrieben. Auch die gegnerische Partei hatte einen Standbein in Berlin. Ein Brüder und ein Neffe des Nachbarn betrieben einen Fruchtgroßhandel und eine Videothek. Und so verliefen die Schützengräben quer durch Berlin. Beide Parteien hatten nun hier und in Beirut das Gerücht gestreut, dass Aischas Stiefvater ihre Mutter, in die dieser Nachbar einmal hoffnungslos verliebt gewesen war, an andere Männer auslieh und dabei selbst auf seine Kosten kommen würde. Aischas Mutter war immer noch eine sehr attraktive Frau - und sie fühlte sich im Westen wohl. Sie hatte durchgesetzt, dass Aischa eine eigene Wohnung bekam, studieren konnte - und sie machte kein Geheimnis daraus, dass sie in Deutschland bleiben wolle. Sie hatte nur gelacht über diese bizarre Geschichte. Sie wusste, dass der Nachbar die Abweisung nie verwunden hatte - und ließ ihm bestellen, dass er sich ja schließlich auch auf die Warteliste setzen lassen könne. Das war so ihre Art aber vielleicht ein bißchen zu frivol und hatte die ganze Sache nicht gerade entschärft. Ihr Mann und der Onkel hatten diese lächerliche Verleumdungskampagne anfangs ignoriert. Aber die Provokationen rissen nicht ab. Und irgendwann war der Punkt erreicht, an dem die ganze Sache eine diffuse Eigendynamik bekam. Und beide Parteien schauten zu wie sich die Wolken über ihren Köpfen zusammenballten und warteten nur noch auf den ersten erlösenden Blitz. Ihre Mutter, die einzige in diesem verrückten Spiel, die einen kühlen Kopf bewahrt hatte, schlug vor, das Grundstück zu verkaufen und dem Nachbarn ein Vorkaufsrecht einzuräumen. Aber ihr Bruder hatte sich schon zu tief in die Sache verbissen; er fühlte sich in seiner Ehre wohl doch tiefer gekränkt als er zugeben mochte. Seine Schwester eine Hure und ihr Mann der Zuhälter - jedenfalls war er nicht bereit auch nur einen Schritt zurückzuweichen - im Gegenteil: er setzte sogar noch ein Stockwerk oben drauf und verhandelte bereits mit einer deutschen Firma, die an dem Standort interessiert war. Der Nachbar war zu einem korrupten Kommissar der Polizei gegangen und hatte ihren Onkel denunziert; er solle mit Staatsfeinden paktiert und in den Waffenschmuggel verwickelt sein. Die Untersuchungen waren nicht abgeschlossen und ihr Onkel durfte derzeit nicht in den Libanon einreisen. Aber das war nur die Oberfläche, das Lokalkolorit. Mitglieder beider Clans waren in den Rauschgifthandel verwickelt und hatten entdeckt, dass sich unter dem Deckmantel dieser Familienfehde, die, solange es nicht zu Mord und Totschlag kam, die deutsche Polizei nicht interessierte, bestens Geschäfte machen ließen.   Aischa bestellte sich noch ein Glas Wein. Sie war entspannter jetzt, lachte ab und zu und ihre schwarzen Augen bekamen wieder diesen feuchten Glanz, dem er in ihnen vermißt hatte. Sie sah aus wie eine dunkelhäutige Madonna. Ihre langen Wimpern warfen in dem Kerzenlicht schwebende Schatten und ihre schönen Hände bewegten sich wie selbstständige Wesen, die zu einer unhörbaren mystischen Musik  tanzten. Sie sprachen arabisch und man hielt sie wohl für ein Liebespaar. Said dachte an Harriet und ihre makellose weiße Haut. Und diese beiden Frauen verschmolzen zu einem einzigen fließenden Geheimnis, dem er ausgeliefert war ohne dass er irgendeinen Halt mehr finden konnte.   Aber diese haarsträubend dumme und doch so typische Geschichte war noch nicht zu Ende: der Nachbar hatte sich in einer fatalen Mischung aus gekränkter Männlichkeit und hirnverbranntem Patriotismus hinreißen lassen, dem Abtrünnigen, dem Verräter und dekadenten Überläufer einen Killer auf den Hals zu schicken. Was daran Hysterie oder ernst zu nehmende Bedrohung war blieb im dunkeln. Aischa war unfreiwillig Zeugin eines Telefonats geworden, in dem der achtjährige Sohn des Onkels mit dem Tod ´durch einen Unfall´ bedroht wurde. Das war vor einer Woche passiert, und seitdem sei sie selbst zweimal auf offener Straße von zwei ihr unbekannten Männern angegriffen worden. Daher stammten ihre Verletzungen. Telefonterror und merkwürdige Ereignisse vor und in ihrem Haus. Panik.             "Du musst uns helfen", sagte sie plötzlich und schaute ihn mit einem fremden steinernem Gesicht an, einem Gesicht, das er noch nie zuvor gesehen hatte.         4.     Harriet stand im gläsernen Aufzug des Sony-Centers, der lautlos hoch in den achten Stock der Filmakademie glitt. Ein amerikanischer Regisseur, der sie in einer Akademieproduktion gesehen hatte, an der sie als Schauspielerin beteiligt war, erwartete sie in dem leeren Kinosaal. Helene die Chefsekretärin, warf ihr einen aufmunternden Blick zu, als Harriet an ihrem Büro vorbeiging.             "Viel Glück, mein Schatz, er wartet schon", sagte Helene leise und warf ihr eine Kußhand zu. Harriet trug ein kurzes schwarzes Kleid mit schmalen Trägern und rote Sneakers, auf dem Kopf ein rotes Barett unter dem ihre sonnengebleichten blonden Harre auf ihre Schultern fielen. Sie war sich darüber im Klaren, dass sie hinreißend aussah. Sie fragte sich, ob sie Said gefallen würde. Und sie sagte: Ja; und das verschaffte ihr eine ungeheure Souveränität. Sie nahm sich vor, ihn gleich nach dem Gespräch anzurufen. Ihr Handy glühte in ihrer Handtasche. Sie hatte ein schlechtes Gewissen, denn das was sie zu Said in dieser Bar gesagt hatte, stammte aus einem französischem Film. Sie hatte das Zitat nur leicht abgewandelt. Eine Schauspielerin zu werden, das war das letzte was sie sich wünschte - aber warum eigentlich nicht? Der Typ war viel älter als sie erwartet hatte. Er wirkte ausgeruht, dynamisch, drahtig. Blaugraue Augen in einem fein ziselierten Gesicht. Er ließ sie nicht einen Moment aus den Augen. Er trug ein weißes Hemd mit Schmetterlingskragen, eine in dunklen Blau- und Gold-tönen rautenförmig gemusterte Krawatte, das Jackett hatte er über eine Sitzlehne geworfen. Er hatte den Herald Tribune gelesen und klemmte sie zusammengefaltet unter den Arm als er aufstand um sich mit deutlichem amerikanischem Akzent vorzustellen. Sein Name war Hunter Lee Grant - wie die gleichnamigen Bürgerkriegsgeneräle. Harriet kannte zwei seiner Filme. Er war keiner der ganz Großen, aber er war einer der ganz Ehrenwerten. Vor dreißig Jahren hatte er noch Western gedreht. Einen Film in Europa zu machen, das sei die letzte große Challenge seines Lebens. Er roch gut, Grey Flanell, wenn sie sich nicht täuschte. Sie fand ihn auf Anhieb sympathisch, setzte sich mit dem uralten Vorrecht der Frauen in einen der roten Kinosessel, schlug die Beine übereinander und legte die linke Hand auf ihr Knie. Er ließ einen Platz zwischen ihnen frei. Von diesem Mann ging eine sanfte, nicht unangenehme Barbarei aus, wie von so vielen Amerikanern aus dem Filmbusiness. Er stammte aus Tennessee. Ein deutscher Freund hatte ihn auf sie aufmerksam gemacht. Nein - er würde nicht verraten, wer dieser Freund sei. Es wurde eine Spur dunkler in dem Saal. Harriet sah den Schatten des Vorführers in der Kabine und musste lächeln.             "Was würden Sie sagen, wenn ich mich auf der Stelle in Sie verliebe?"             "Dann würde ich sagen: machen Sie aus mir erst einmal einen Star." Er lachte und zeigte seine schönen weißen künstlichen Zähne. Eine alte Rolex hing lose an seinem Handgelenk: "Einverstanden. Ich bin verheiratet habe zwei Kinder und eine verflucht gefräßige Bande erstklassiger Schauspieler, die Sie in der Luft zerreisen werden, sobald Sie den Set betreten."             "Das schreckt mich nicht. Worum soll es in dem Film gehen?."             "Gehen wir etwas essen, ich werde Ihnen alles erklären Kennen Sie ein gutes Restaurant hier in der Gegend?."   Die Art wie er mit den Kellnern sprach, bestellte, aß und trank und sich schließlich eine Zigarre anzündete war von einer Einfachheit - und zugleich raffiniert, wie sie nur ein Mann entwickelt haben konnte, der alle entscheidenden Feinheiten gesellschaftlicher Riten in sich akkumuliert hatte. Harriet verfolgte jede seiner Regungen wie die eines seltenen Lebewesens, das am Ende einer bestimmten Entwicklungsform der Spezies in einer Aura melancholischer Noblesse kurz vor dem Aussterben stand. Dieser Mann war eine Enzyklopädie vergangener Lebensformen. Während des Essens schaltete er einen Gang zurück. Er plante einen Kinofilm, der in Berlin und Triest gedreht werden sollte. Worum es in dem Film ging sagte er nicht. Aber er suchte noch immer nach einer interessanten Schauspielerin. Je länger sie redeten, desto jünger kam er ihr vor. Sie hatte den Eindruck, dass sie diesen Mann schon seit langer Zeit kannte - ihn aber aus irgendeinem unerfindlichen Grund vorübergehend vergessen hatte. Harriet versuchte sich vorzustellen wie er als junger Mann ausgesehen haben möchte. Aber die Essenz der Persönlichkeit eines Menschen drückte sich, wenn überhaupt, dann nur in einem bestimmten Lebensalter aus; und in diesem war dieser Mann. Er war einer dieser archaischen Typen, die wahrscheinlich in allen Epoche anzutreffen sind und musste schon immer so verwittert und so jung ausgesehen haben wie gerade jetzt.             "Versuchen Sie mal, den Schwung bestimmter Passagen in Tschaikovski´s Violinconcerto zu beschreiben", sagte er, "oder den Geschmack von Tintenfisch.... Die Sprache ist doch immer ein behelfsmäßiges Instrument. Man muss sehen, wie jemand sich bewegt wenn er spricht - und wie er spricht wenn er sich nicht bewegt. Wenige Schriftsteller haben das gesehen und konnten es beschreiben: vielleicht Proust, manchmal Italo Svevo - definitely not this french Bastard Houllebeque..."             "Und William Faulkner", sagte Harriet, um die transatlantische Balance wieder herzustellen.             "Ein Onkel von mir", erzählte er, "machte mal ein Interview mit ihm. Als sie in Faulkners Haus kamen, war er gerade am Whiskey. Ein kleiner, zierlicher Mann, blendend gelaunt, erzählte er Geschichten aus seinem Leben, von denen jeder wusste, dass sie nicht stimmten. Aber er hatte sie schon so oft, und in immer neuen Varianten, erzählt, dass er längst selbst daran glaubte. Vielleicht übte er auch nur... Faulkner war ein Mann, der die Wände seines Arbeitszimmers mit Notizen voll schrieb. Später, als er schon ziemlich betrunken war, sagte er plötzlich: ´Ich weiß doch, warum Sie gekommen sind, meine Herren: Sie wollen sehen, wie ich mich vollaufen lasse. Und weil ich ein höflicher Südstaatler bin - tue ich Ihnen gern den Gefallen´ D a f ü r  hätten sie ihm den Nobelpreis geben sollen, these goddamned comedians! ..."  Hunter lachte leise in sich hinein. Diese Geschichte machte ihm wirklich Spaß. Sein scheinbar so hermetischer Stil, der aus so vielen geradlinigen und regelmäßigen Formen zusammengesetzt war, hatte also im Lauf seines langen Reptilienlebens auch unvorhersehbare Risse bekommen und schlecht geflickte Stellen, durch die seine Kraft und seine Konzentration plötzlich entwichen wie Gas – Risse durch die Angst eindrang.  Aber er war hart zu sich selbst; es war gut, sich selbst gegenüber hart zu sein: alle interessanten Leute waren das.  Als er seine Hand ganz kurz auf ihre legte und Harriet bat, zu einem Casting zu kommen war sie sofort einverstanden. Sie sollte mit zwei seiner Schauspieler eine Szene improvisieren.             "Und darf ich Sie bitten", sagte er zum Abschied, "das gleiche zu tragen, das sie heute anhaben?" Sie nickte.             "Sie sehen müde aus, Harriet; legen Sie sich ein paar Stunden hin."   Saids Stimme am Telefon klang enerviert. Es war der falsche Zeitpunkt. Harriet wollte auflegen, aber er hielt sie fest und fragte, ob er sie am späteren Abend sehen könne.   Sie ging die Friedrichstraße entlang und fühlte sich elend. In den spiegelnden Schaufenstern sah sie ein Gespenst, das Gespenst der Freiheit. Sie ging in ein Zeitungsgeschäft und kaufte Zigaretten und rauchte auf der Straße. Sie haßte jeden einzelnen der Passanten. Sie wartete nur darauf, dass sie jemand anrempeln würde, um ihn anzuschreien. Sie alle waren so dämlich und verrückt zu glauben, dass die Zeit verging, und sie selbst bleiben würden. Sie alle waren so abgrundtief häßlich und ahnungslos und selbstgefällig, glotzen in alle Richtungen und fotografierten sich gegenseitig als ob sie Affen im Zoo waren. Die Mädchen waren fast alle zu fett und grell angezogen und die Männer trugen abgelatschte Sandalen, lächerliche Hütchen, wulstige Bauchbinden und schreckliche Sonnenbrillen. Aus den Autos wummerte stupide Musik und über allem lag der Gestank der Verwesung. Sie fragte sich, ob der alte Amerikaner sie verhext hatte, oder ob das Essen vergiftet gewesen war. Jedenfalls merkte sie jetzt, wie sehr das Gespräch mit Hunter sie angestrengt hatte - und sie konnte sich vorstellen, welche Energie ein Schauspieler haben musste, der unter seiner Regie haben stand, wenn er nicht zusammenbrechen wollte. Sie ging in ein Starbucks und trank einen lauwarmen scheußlichen Kaffee zur Hälfte aus und warf ihre Kippe in den Rest. Ein Kellner mit einem kaffeebraunen Käppi mit dem Kettenlogo starrte sie an. Sie steckte ihm die Zunge heraus und ging ohne zu zahlen. An einer roten Ampel wartete ein Cabriolet. Am Steuer saß ein After-work-chiller. Sie sprang auf den Beifahrersitz und fragte, ob er sie nach Hause fahren könnte.             "Home is where Your heart ist, Baby", sagte der Idiot. Sie drehte die wummernde Musik seiner Bose-Bordanlage auf und dirigierte ihn wortlos durch den Verkehr. Dann stieg sie aus, warf ihm eine Kußhand zu und verschwand im Hausflur.             "Hey-hey-hey - wart doch mal!", rief der Typ ihr nach. Aber hinter ihm hupten sie schon und er wurde weitergedrängt.   Harriet warf sich aufs Bett und weinte. Es war genau das passiert, was nicht hätte passieren dürfen. Als sie aufwachte war es schon fast dunkel. Durch die Ritzen zwischen den Dielenbrettern tanzten gespenstisch gelbliche Lichtstrahlen, und leise aber deutlich waren die Gesänge von Bergleuten zu hören, die im Deckenraum zwischen den Etagen anscheinend Erz förderten. Harriet  bewegte sich auf leisen Sohlen um sie nicht zu stören, die feinen Herren. Sie machte sich etwas zu essen und stellte den Fernseher an. Gegen neun klingelte das Telefon. Said entschuldigte sich. Er musste sich um seine Schwester kümmern; etwas, das ´mit der Familie´ zu tun hatte, etwas das er jetzt nicht erklären konnte. Es würde später werden. Er könne gegen zwölf in der Bar sein. Harriet sah auf die Uhr. Mein Mädchen, meine Kleine, hörte Harriet Julias Stimme, ich bin hier, ich bin bei dir und immer bei dir, und du wirst mich nie verlieren, weil ich zu dir gehöre, und ich habe es ein für allemal beschlossen. Und ich werde meinen Mut nicht verlieren. Und Harriet stand einen Augenblick still und lächelte, scheinbar grundlos.   Sie wartete seit einer Stunde. Der Barkeeper warf ihr von Zeit zu Zeit einen Blick zu, in dem es unentschieden zwischen Mitleid und Bewunderung stand. Verzweifelt wünschte sie sich in den Bewußtseinszustand zurück, in dem sie Said damals im Flughafenbus taxiert hatte wie ein extravagantes Kunstobjekt, das interessant war, aber sie total kalt ließ. Es schien Jahre her. Diese langwellige Unterströmung ruhiger interesseloser Betrachtung, auf der sie sich hatte treiben lassen können, war verschwunden. Und diesen Moment der Kontemplation, den sie für eine Zwischenphase, einen belanglosen, eigentlich leeren Zustand gehalten hatte, erschien ihr jetzt als ein Moment unwiederbringlichen Glücks; jetzt, da sie wartete wie ein Junky und keinen anderen Plan oder Vorsatz mehr fassen konnte, der über die absehbare Tatsache hinaus ging, dass sie hier an diesem Tresen sitzen würde, bis der Kellner ihr, hoffentlich ohne jeden Kommentar, die Rechnung vorlegte. Sie musste an Hunter denken - und wie sehr sie sich freuen würde, wenn er jetzt hereinkäme und sie seine trockene Stimme hören und sich in das Muster seiner Krawatte hätte versenken können. Sie riss sich zusammen und bestellte einen zweiten Cuba-Libre. Sie spielten windelweiche Lounge-music. Es war eine weiche Kultur, eine triviale Kultur, offen und wehrlos wie eine aufgebrochene Auster. Die Bar war voll jetzt. Und es dauerte nicht lange bis sie einer ansprach: ein leicht schwankender Typ in einem zerknitterten Jackett und langen zurückgekämmten öligen Haaren, der selbstzufrieden und verschlagen grinste wie ein fetter Kater, der wusste, wo noch mehr Wellensittiche waren. Harriet ignorierte ihn, aber er redete weiter in einer leisen einschmeichelnden Sprache auf sie ein, die eine entfernte Ähnlichkeit mit Rumänisch hatte. Dabei wippte er wie ein kleiner Junge auf den Fußballen. Plötzlich stand der Barkeeper neben ihm und sagte: "Würden Sie bitte aufhören diese junge Frau zu behelligen. Sie sehen doch, dass sie zur denkenden Klasse gehört  - im Gegensatz zu Ihnen." Der ölige Typ schaute den Barkeeper begeistert an und einen Moment lang sah es fast so aus als wolle er ihm um den Hals fallen. Dann sagte er mit der exquisiten Höflichkeit des Betrunkenen:             "Wer würde sich einem so salomonischen Urteilspruch nicht bereitwillig beugen?" - und zu Harriet: "Entschuldigen Sie bitte, es war nicht meine Absicht, Sie zu belästigen. Ich wollte Ihnen nur sagen..., ich wollte nur sagen..." Seine Lippen bewegten sich, es schien ihm nicht einzufallen. Eine plötzliche Unruhe überschwemmte sein Gesicht, und es kam, mit bestürzenden Ehrlichkeit: "... dass ich heute Geburtstag habe, und dass ... mein Name Jonny ist..." Dann drehte er sich um und ging leicht schwankend zu seinem Platz am Tresen zurück. Als er sein Glas in die Hand nahm hörte Harriet ihn sagen: Jonny, wenn du betrunken bist.... Sie lächelte dem Barkeeper dankbar zu. Es gab Zeiten, in denen man Betrunkene mit Ehrfurcht betrachtete. Sie bewegten sich traumwandlerisch sicher durch magische Räume der Schranken- und Hemmungslosigkeit und mit verstohlener Neugier hoffte man auf Enthüllungen, die, wie alle Nüchternen denken, von Nüchternen nie zu erwarten waren. Zeiten, in denen Betrunkene als sozial deklassiert oder gar krank gelten, mussten einen Teil ihres Glaubens an sich selbst verloren haben. Harriet fragte sich, was für einen Film Hunter wohl drehen wollte. Vielleicht etwas in der Art von Sternbergs Filmen mit Marlene Dietrich. Da gab es einen, in dem sie ihrem Mann untreu geworden und mit ihrem Kind irgendwo in Mexiko versackt war. Er fand ihr Versteck und holte sich das Kind eiskalt zurück. Und sie stand allein auf einem gottverlassenen Bahnhof. Hunter war ein Mann für solche Sachen. Eine andere Geschichte fiel ihr ein: ein junger Bergmann hatte sich verlobt. Das Mädchen das ihn liebte band ihm an diesem Morgen ein rotes Halstuch um und er ging untertag und wurde verschüttet. Sein Mädchen hielt ihm ein Leben lang die Treue. Sechzig Jahre später fand man die Leichen von damals. Sie waren in saurem Lehm konserviert und sahen aus wie am Tag ihres Todes. Und die alte Frau sah ihren Geliebten wieder, wie an dem Morgen, an dem sie ihm das Halstuch umgebunden hatte. Und sein Blick war in ihren Augen.      Gegen Eins stand Said plötzlich neben ihr. Sie hatte ihn nicht hereinkommen sehen. Einen Moment lang fürchtete sie, dass er sie schon seit längerem da sitzen gesehen hatte. Er sah blaß aus. Harriet sagte nichts.             "Es tut mir leid, dass es so spät geworden ist", sagte er. "Du siehst sehr schön aus, Harriet. Jedes mal wenn ich dich treffe, siehst du schöner aus."             "Wie viele Male wirst du mir wohl noch geben?" Er bestellte etwas zu trinken.             "Was ist passiert, Said?"             "Etwas unglaublich Lächerliches, das dabei ist ins tragische Fach zu wechseln..."             "Erzähl´s mir. Ich will wenigstens nicht umsonst gewartet haben." Und Said erzählte die ganze verworrene, verrückte Geschichte und sagte zum Schluß: "Diese Leute leben in einer Welt, die sich seit tausend Jahren nicht geändert hat. In diesem Punkt greifen ungeschriebene Gesetze über die sich keiner der Beteiligten hinwegsetzen kann, ohne das Gesicht zu verlieren. Aischa, meine Schwester, ist ... in Schwierigkeiten. Auf sie haben sie es offenbar abgesehen...."             "Und wie reagiert sie?"             "Sie will, dass ich etwas unternehme..."             "Und was hast du vor?"             "Ich weiß es noch nicht. Ich bin der älteste Sohn. Alles was ich tue hat ein besonderes Gewicht."             "Verdammte Scheiße - du willst dich doch nicht etwa in diesen Rachefeldzug einmischen?!"             "Ich werde erst einmal mit allen Beteiligten reden müssen." Said nahm seinen Drink in Empfang. Der Barkeeper lächelte ihm freundlich zu.             "Kennst du die Geschichte von dem Tod in Bagdad?"             "Man kann es jeden Tag in den Zeitungen lesen."             "Mir hat man sie schon als Kind erzählt. Sie geht so: Ein reicher Mann in Basra hatte einen Lieblingssklaven. Den schickte er eines Tages auf den Markt um Besorgungen zu machen. Plötzlich sah er in der Menschenmenge den Tod umhergehen, als ob er nach jemandem suchte. Der Sklave rannte zurück zu seinem Herrn und erzählte ihm wen er gesehen hatte. Der Herr ließ sofort sein bestes Pferd sattelt, gab dem Sklaven Geld und sagte er solle sich sofort in Sicherheit bringen. Der Sklave bedankte sich weinend und ritt so schnell es das Pferd erlaubte nach Bagdad. Am Abend ging er dort durch die Straßen und geriet in einen Menschenauflauf. Er drängte sich hinein. In der Mitte stand der Tod - und sagte zu ihm: ´Was machst du hier in Bagdad, mein Freund? Ich habe dich doch in Basra erwartet...´ "             "Und das ist eine blumige Umschreibung des Sachverhalts?" fragte Harriet.             "So könnte man es sehen."             "Würde es nicht reichen, deine Schwester eine zeitlang aus der Schußlinie zu nehmen?"             "Das würde nichts nützen..."             "Sie könnte eine zeitlang bei mir wohnen..."             "Harriet - ich will nicht, dass du in diese idiotische Sache hineingezogen wirst."             "Ich denke, das ist bereits der Fall..."             5.     Hunter Lee Grant lag in seinem Hotelzimmer auf dem Bett und schaute zum offenen Fenster. Auf der Glasscheibe mischten sich die Farben des Sonnenuntergangs mit den Reflexionen künstlichen Lichts. Er dachte daran, wie viele Sonnenuntergänge er im Laufe seines Lebens schon gesehen hatte - und wie wenig Sonnenaufgänge. Das Leben war ein Kontinuum von Möglichkeiten. Schlaf und Traum wirbelten all diese Möglichkeiten durcheinander, und manche von ihnen, die unwahrscheinlichsten vielleicht, traten plötzlich ein wie alte Bekannte, die sich seit Ewigkeiten nicht mehr hatten blicken lassen. Er wünschte sich, noch einmal von Zinaida zu träumen, der Liebe seines Lebens, zerbrechlich und ungeheuer intensiv, wie eine Libelle, die über dem Wasserspiegel schwebte. Damals, als sie geheiratet hatten, war er ganz und gar er selbst gewesen, wie nie zuvor und nie mehr danach. ´Du wirst mich nicht immer so lieben wie jetzt,  aber du wirst dich an diesen Moment erinnern. Und ich werde tief in mir niemals aufhören die zu sein, die ich jetzt bin.´ Das hatte sie gesagt. Sie war so nass zwischen ihren Beinen, dass er es hören konnte als sie zum Fenster ging. Alles war verschwunden. Die Art wie du mich anschauen konntest, Zina, wenn du vor mir lagst lässt mich jetzt noch erschauern vor Lust. Und weißt du noch, dass du mir ein paar Mal fasst die Knochen gebrochen hast, so stark waren deine Orgasmen manchmal, so stark.   Sie war in den achtziger Jahren mit einem Russen nach Taschkent gegangen. Aber das Beste an ihr war ihm vorbehalten gewesen: wilde anmaßende Jugend, Siegeslächeln auf roten Lippen, dunkles Lied ihres braunen schlanken Tierleibes. Sie hatte genug armenisches Blut in sich, um die scharfe orientalische Kontur ihres Gesichts - und genug russisches, um eine dunkle Begehrlichkeit in sich zu konzentrieren, wie einen schweren betäubenden Sirup. ´Look at this man, so blessed with inspiration´, hatte sie plötzlich in einem Gespräch auf einer Party zu einer New Yorker Hyäne gesagt, und ihre Hand auf seine, Hunters, Schulter gelegt, als ob sie ihn zum Ritter schlug in diesem Moment. Fernes Echo ihres Lachens noch immer in den innersten Kavernen seines Gedächtnisses; es würde nie ganz verschwinden, er würde es nur irgendwann nicht mehr hören. Erst dann würde er wirklich tot sein. Er hatte nicht umsonst gelebt. Er hatte umsonst gelebt. Wenige Menschen hatten das Zeug zu einer solchen Liebe, ein-, selten zweimal in einem Leben. Man kennt einander nie. Love is all there is and should be. Alles andere war nichts weiter als eine sentimental journey. Aproximativ, eine mehr oder weniger gelungene Form, nie mehr diese Essenz. Was nützte es, zu rekonstruieren was es nur noch in der Erinnerung gab? Hunter nahm das Buch, das er verfilmen wollte vom Nachttisch, betrachtete den Einband, die beiden schön klingenden italienischen Worte des Namens des Autors - und legte es wieder weg. Kein Wesen auf diesem Planeten schien Uhr und Kalender zu vermissen, außer der Mensch. Ihm war im Lauf der Evolution das Organ für die Zeit abhanden gekommen, in dem Maße in dem er sich seiner Vergänglichkeit bewusster geworden war. Nur ohne dieses Organ konnte der Mensch in der Evolution vorankommen. Das war die Wahrheit. Die Meßbarkeit der Zeit, so willkürlich sie auch war, sie gab das paradoxe Gefühl von Dauer und Ewigkeit.   Die Diagnose stand fest. Die Ärzte gaben ihm noch ein Jahr, wenn es hoch kam ein paar Monate mehr. Die letzten Wochen würden qualvoll werden. Er erwartete die Schmerzen wie Raubkatzen in der Nacht, die seine Witterung aufgenommen hatten und ihn zerfleischen würden. Sie würden ihn bekommen, ganz und gar. Sie würden nichts von ihm übriglassen. Der Tod, an den niemand glaubte. Letztes Jahr hatten sie Orson begraben. Orson, einer seiner wenigen wirklichen Freunde: ein Musiker, ein Trompeter. Niemand hatte je From Here to Eternity besser gespielt als er, damals in Key West, als der Abendhimmel dieses unglaubliche schreiende vatikanische Lila angenommen hatte. Sie hatten seine Asche in sein Flügelhorn gefüllt und es begraben. Ein Trompeter aus seiner letzten Band spielte Kufstein, ich muss dich lassen.   In seinem Alter versuchte der Tod einen Menschen auf etwas zu reduzieren, das es in Wirklichkeit gar nicht mehr gab. Er machte einen auf die schäbigste Weise egoistisch. Es war eine Schande, sich an ein sinkendes Schiff zu klammern. Aber es war genauso lächerlich, als letzter von Bord zu gehen. Das Leben war ein Schiff mit nur einem Passagier. Montaigne hatte gesagt, in der Kindheit liegt der Lebensgeist in den Beinen; deshalb rennen Kinder und halten nicht still. In der Mitte des Lebens steigt der Lebensgeist auf in die Lenden. Und im Alter legt er sich in der Kehle auf die Lauer. Er, Hunter Lee Grant, aus ... Tennessee, weizenblond, sonnenverbrannt und hungrig wie ein Wolf, unsterblich geboren, Lucky Lee Hunter, hatte sein Leben lang getrunken. Und der Alkohol hatte ihn immer und zuverlässig vor dem Schlimmsten bewahrt. Er hatte ihn schließlich sogar dazu befähigt, ehrlich zu sein. Alle seine Ehen waren mehr oder weniger daran zerbrochen. Aber das Trinken hatte ihn auch darüber hinweggebracht. Als er damit aufgehört hatte, vor zwei Jahren, war er zum ersten mal in seinem Leben ernstlich krank geworden. Er hatte sich wieder erholt. Aber dann hatten sie den Krebs in seiner Prostata entdeckt.   Es waren Filmfestspiele in der Stadt und die Paris-Bar in der Kantstraße war voll mit all diesen Filmleuten und Schauspielern, deren Köpfe hin und herschwankten wie Seepflanzen in der Drift. Hunter nahm nicht mehr wahr, dass ihn einige kannten und sich nach ihm umdrehten. Er brauchte einige Zeit um Werner ausfindig zu machen. Er saß mit zwei sehr gut aussehenden Frauen und einem blonden jungen Mann mit einer runden Hornbrille, der ein aussehen wollte wie Truman Capote, an einem Tisch in der Ecke. An der Wand hing ein Schwarzweißfoto: ein nacktes Paar in sexual intercourse. Das war so der Stil dieses Lokales.              "Endlich, Hunter", sagte Werner und umarmte ihn. "Das ist Margarete. Und das ist Harriet Anderson, in dem neuen Film von Jarmush, und das ist Mister La Fong: capital L, small a, usw.. La Fong machte ein saures Gesicht. Seine Augen waren hinter den starken Brillengläsern klein und runzlig wie getrocknete Bohnen. Er gab Hunter die Hand und sagte:             "Capital H, small u ..." Hunter lachte sein entwaffnendes amerikanisches Lachen, in das die beiden Frauen einstimmten.             "Mr. La Fong, wenn das nicht so damned lustig wäre müßte ich Ihnen jetzt einen rechten Haken verpassen."             „Nur zu Monsieur, Sie wären der einzige Mann, der, wenn er schreiben würde, einen Roman mit dem magischen Wort obwohl anfangen dürfte...“             "Und - wie hat sie Dir gefallen?" fragte Werner, um von seinem schlechten Gewissen, diese Unstimmigkeiten ausgelöst zu haben, abzulenken und bestellte ein weiteres Glas.             "Sehr gut, ich danke Dir, Werner. Ich weiß nur noch nicht ob sie es wirklich kann..."             "Ich dachte, nach Ihrer Auffassung komme es in dieser Branche nicht auf Können an sondern aufs Sein", sagte Mr. La Fong.             "Das ist schon richtig", sagte Hunter, "aber auch das will gekonnt sein."             "I only believe what I see in the movies...", sagte La Fong. La Fong, Produzent eines französischen Wettbewerbsfilms, der Aussichten hatte den goldenen Bären zu bekommen, konnte einfach nicht aufhören. Werner goss ihm Wein ins Glas und bemerkte erleichtert, dass La Fong ganz offensichtlich auf Harriet scharf war und sie in ein Gespräch über Jim Jarmush und dessen Vorliebe für ausrangierte Typen mit Comebackpotential verwickelte. "Ich bin ausschließlich daran interessiert das Leben als ein Phänomen zu betrachten das sich selbst ad absurdum führt. Es gibt keine Meister - nur Fälscher", sagte La Fong. Er versuchte ernsthaft so schwul und geistreich zu wirken wie Truman Capote. Werner tauschte einen Blick of old aquaintance mit Hunter - und erzählte Margarete, wie Hunter und er sich eines Nachts in Los Angeles in einem Drugstore getroffen hatten: "Hunter hatte eine Pistole gezogen, zwei Flaschen J&B verlangt, bekommen und war verschwunden. Ich fragte den verschreckten Verkäufer, ob der Mann das zum ersten mal gemacht hätte. Nein, sagte der Mann, das sei schon das dritte Mal; aber am Tag darauf wäre immer eine Dame mit russischem Akzent vorbeigekommen und hätte bezahlt. Ich hatte Hunters Filme alle gesehen. Ich lief ihm also nach und fragte ihn ob er eine kleine Party gebe - und ob ich mich anschließen dürfe. ´Zeigen Sie mir Ihre Dienstmarke´, hatte Hunter gesagt. ´Ich bin mit dieser Marke, J&B, voll und ganz einverstanden´, sagte ich. So sind wir Freunde geworden..."             "When You have nothing but a hammer - everything is a nail", sagte Hunter.             "Warum müssen Amerikaner nur immer so schrecklich direkt sein?" fragte Margarete.             "Die Franzosen laufen uns darin allmählich den Rang ab", sagte Hunter. La Fong sah kurz auf, wollte weiterreden, ließ es dann aber sein.              "Aber die Zeiten ändern sich - too many nails for one hammer...", sagte Hunter, und hatte das unangenehme Gefühl, dass es exakt das war, was La Fong hatte sagen wollen. Dann redeten sie über den geplanten Film. Werner würde ihn produzieren. Außer Jeremy Irons, stand noch keine der weiblichen Hauptrollen fest. Sie kamen wieder auf Harriet zu sprechen. Werner erklärte Harriet, dass es sich um eine Namensvetterin handelte. La Fong und Harriet verabschiedeten sich: "Und nichts für ungut Mr. Grant", sagte er, "hat mich wirklich gefreut, Sie zu sehen. Auf bald." Harriet küsste Margarete auf beide Wangen: "Vielleicht sehen wir uns später noch..." Und Hunter war sich absolut sicher, dass diese Harriet eine Lesbierin war.             "Wer ist denn diese andere Harriet?" wollte Margarete wissen.             "Sie ist hier an der Filmhochschule", sagte Hunter, "Werner hat sie in einem kleinen Film gesehen und sie mir vorgestellt." Hunter fragte sich, warum sich all diese Leute ausgerechnet in diesem Lokal trafen. Vielleicht war es diese Mischung aus Schäbigkeit und Prätention, beides in seiner lässigsten Form.             "Mögen Sie diese Bar, Mr. Grant?" fragte Margarete.             "Irgendwo muss man sich ja treffen", sagte Hunter. Ihr dunkelblondes Haar lag in festen Wellen um ihren kleinen Kopf wie ein Helm. Und ihr zartes ruhiges Gesicht schien noch aus der Zeit zu stammen, bevor Hitler die Gesichter der Deutschen erst zur Grimasse der Selbstaufgabe verzerrt, und Adenauer ihnen dann die unerschütterliche Mine der Unschuld verpaßt hatte. Ihre großen blaugrauen Augen, die weiße, sommersprossige Haut, ihr schmaler blasser Mund, das reservierte Lächeln, die Art wie sie an ihrem Glas nippte, sich mit der Unauffälligkeit und aristokratischen Diskretion am Gespräch beteiligte, ohne wirklich daran teilzunehmen - sie musste aus einer alten, entmachteten aber blutvollen Familie stammen. Sie erinnerte ihn an gewisse Frauen in Visconti-Filmen, die dem Machaivellismus ihrer Männer unterkühlte Loyalität entgegensetzen. Alles bewegte sich im Kreis. Er haßte diese unvermeidliche Seite des Filmbusiness, die Eitelkeit, die Wortgefechte; all diese Komödianten, die sich für Künstler hielten. Das Leben hatte wenig Einfluß auf sie; aber sie umso mehr auf das Leben. Und sie gingen damit so sorglos um wie Kinder, die mit Handgranaten spielten. Film war ein tödliches Retrovirus, das sie mit der ihnen eigenen Ahnungslosigkeit in alle Welt verschickten, ein alles durchdringendes Virus, das mit unaufhaltsamer Raffinesse permanent neue Lügen generierte. Das Filmbusiness, das waren die Freier die Penelope belagerten – und der Film, das war das Hemd, das Penelope am Tag wob, und in der Nacht wieder auflöste. Er wünschte sich, etwas in der Art der Storys von A. P. Lovecraft zu machen, einen Horrorfilm, in dem keine Frauen vorkamen und keine Lügen. Einen Film über die Verlassenheit eines Mannes unter der funkelnden Sichel Borea Aurealis. Man musste zeigen was nicht gesagt werden konnte. Man konnte nicht mehr zeigen, als was gesagt worden war. Und es war immer besser gesagt worden als es gezeigt worden war. Er, Hunter Lee Grant, war auf dem falschen Weg.             "Woran denken Sie, Mr. Grant?" fragte Margarete.   6.      Aischa stellte ihre Tasche neben dem Gästebett in Harriets Wohnung ab und schaute sich um. Jetzt, da Said die Sache in die Hand genommen hatte, fühlte sie sich sicherer. Harriet brachte den Tee. Die beiden Frauen schauten sich erwartungsvoll an.             "Liebst du ihn?" fragte Aischa. Harriet atmete aus.             "Das hab ich mich auch schon gefragt..."             "Du weißt es nicht?!"             "Ehrlich gesagt..."             "Weißt du, Said ist mehr als mein Bruder, er ist ... der wunderbarste Mann, den eine Frau finden kann..." Harriet setzte sich, nahm einen Schluck Tee und verbrannte sich die Zunge. Dieses Mädchen hatte etwas in sich, das so hart war, dass jede Vernunft daran abprallte.             "Jetzt bist du seit fünf Minuten hier und sagst mir schon, was ich zu fühlen habe."             "Tut mir leid. So hab ich das nicht gemeint"             "Was wird Said tun?"             "Er wird erst einmal mit ihnen verhandeln."             "Und wenn das nichts bringt?"             "Verdammt - was denken sich diese Hunde eigentlich!? Sie werfen mit Schmutz nach uns! Sie haben meine Mutter eine Hure genannt!" Harriet überraschte dieser Ausbruch nicht. Sie hatte darauf gelauert. Sie musste wissen, welchen Einfluß dieses leidenschaftliche Mädchen eigentlich auf Said hatte. Aber wovor sie erschrak war, dass sie sich Sorgen um Said machte.             "Du kennst diese Leute nicht, Harriet: wenn sie in einen Streit wie diesen geraten, dann sind sie nicht mehr sie selbst. Ich weiß nicht ob Said es dir gesagt hat. Aber um zu verstehen musst du wissen, dass in der vorletzten Generation, also der meines Großvaters, einer seiner Söhne ein Mädchen aus der anderen Familie dieses Nachbarn entführte. Die beiden liebten sich, aber sollten sich nicht bekommen. Sie verschwanden und tauchten nie wieder auf. Bald darauf fand man einen anderen seiner Söhne mit durchschnittener Kehle." Aischa sprach ein fast akzentfreies Deutsch. Aber das was sie sagte kam aus einer anderen Welt.             "Das ist keine Geschichte aus Tausendundeinenacht", sagte Aischa, "solche Sachen passieren immer noch in dieser Gegend der Welt..." In einem plötzlichen Impuls, das alles abzuschütteln wie einen bösen Traum, ging Harriet zum Fenster und schaute auf die Straße: ein Konvoi hupender Autos fuhr gerade vorbei, weiße Bänder und Girlanden an den Antennen und Seitenspiegeln; in der Mitte ein knallroter Mercedes mit einem Blumenbukett auf der Motorhaube. Sie drehte sich um. Aischa schaute sie an; sie war wirklich ausgesprochen schön. Aber da war etwas an ihr, etwas Dunkles, Insignifikantes, wie die Schneide eines Messers.             "Ich muss jetzt weg. Du weißt ja Bescheid. Wenn irgendetwas ist, ruf mich an." In der Tür drehte sie sich noch mal um: "Und mach dir keine Sorgen. Hier bist du erst mal sicher, Aischa." Es war das erste Mal dass sie den Namen ausgesprochen hatte. Aischa lächelte.   Harriet ging ins Kino und sah sich den französischen Wettbewerbsfilm an. Aber sie konnte sich auf nichts konzentrieren. Die Geschichte kam ihr flach und hysterisch vor. Bei jedem Szenenwechsel konnte sie die Kamera sehen, das Stativ, die Monitore, die Tonangel, das Scriptgirl, das dem Tonassistenten mit den muskulösen Armen einen blasen würde, den Fahrer, der im Bus saß und Michele Houllebeque las, die Schauspieler, die in ihrer eitlen affektierten Art gleich als solche zu erkennen waren, in den Drehpausen, Plastikbecher mit Kaffee in den Händen, rauchend, umgeschminkt herum standen und darauf warteten bewundert zu werden, den apoplektischen Kameramann mit dem Euro-2001-T-shirt, die Girls mit den Cargohosen und den verschwitzten Gesichtern, die Beleuchter mit den Folklorehemden und Pferdeschwänzen, die Regieassistentin, verlebt und enttäuscht, und den Regisseur, der bis vor kurzem gut ausgesehen und auch mal was besseres als das vorgehabt hatte, ein Glas in der Hand, eine Zigarette in der anderen, in unglaublich kleinen Schlückchen trinkend, aber offensichtlich schon leicht angetrunken - er war auf eine Schwarzhaarige scharf, die für die Continuity sorgte und eine Nase hatte wie die schlangenbewehrten Tänzerinnen auf den alten minoischen Reliefs. Die ganze Szene war so überflüssig - und das was da gedreht worden war auch. Man sah es einem Set doch schon an, was dabei herauskommen würde. Über einer Szene in einem verregneten nächtlichen Paris liefen die ersten Takte von Gaspard de la Nuit  von Maurice Ravel - und diese Musik erinnerte sie derart intensiv an Said, an die marmorne Kühle seiner Haut, die eine Lust in ihr erweckte, ihm zu folgen, wie eine Schlafwandlerin, wohin auch immer.   Danach ging sie einkaufen. Sie kaufte einen jadefarbenen BH und dazu passende Slips, ein Paar stark heruntergesetzte schwarze High Heels. Sie kaufte Nagellack, Lippenstift, Eau de Soir und Tampons. Dann rief sie Said an. Es dauerte lange bis er ranging.             "Harriet, ich kann jetzt nicht sprechen. Ich ruf dich in genau einer Stunde an." Sie starrte auf das Display: Verbindung beendet. Gesprächsdauer 4 Sekunden.             "Okay, okay", sagte sie und schluckte. Sie brauchte ihn. Statt dessen saß seine kleine fanatische Schwester in ihrer Wohnung. Wo sollten sie sich treffen? Sie wusste nicht einmal wo er wohnte. Bald  sollte sie sich mit Hunter treffen. In ein paar Tagen musste sie sich entschieden haben, welche Idee sie für ihren Abschlußfilm nehmen wollte. Sie tendierte zu der Selbstmordstory. Sie tendierte dazu, ein Urlaubsjahr zu nehmen. Ihr Leben nahm gerade eine andere Richtung ein. Es war wie wenn man um eine Ecke ging und einem plötzlich ein warmer duftender Wind ins Gesicht wehte. Sie setzte sich vor ein Café und zündete sich eine Zigarette an. Dann wählte sie Henrys Nummer. Auch er war in Eile; auch er wollte sie zurückrufen.             "Nein: ich ruf dich später an", sagte sie. Sie wollte nicht, dass er ihr Telefon blockierte, wenn Said anrief.   Norman kam die Straße runter. Er trug, wie immer, khakifarbene Hosen, ein schwarzes Hemd und seine Lederjacke. Sie waren in der gleichen Klasse und Harriet hatte in Normans letzten Film eine Rolle gespielt. Es war der Film, in dem sie Hunter aufgefallen war. Norman setzte sich an ihren Tisch blinzelte in die Sonne, als ob er auf nichts anderes gewartete hätte:             "Hab schon gehört, dass man dich entdeckt hat..." Harriet mochte ihn. Norman erinnerte sie immer an eine weise, dozierende Ratte. Er fiel nie aus der Rolle, schien immer genau zu wissen, was er wollte; aber was das war, darüber konnte man nur rätseln. Seine coole, stoische Art beeindruckte jeden; bei den Dreharbeiten hatten alle das Gefühl, er wüßte genau, worauf er hinauswollte. Alle dachten, sie würden an etwas Großem mitwirken, an etwas Mythischem. Aber irgendwie hatte es sich nicht wirklich gezeigt. Bei der Filmabnahme war allen Beteiligten klar, dass sie etwas gemacht hatten von dem keiner genau wusste, was es eigentlich war. Norman selbst hüllte sich in Schweigen. Aber sobald man ihn aus den Augen verlor, musste man unweigerlich darüber nachdenken, welcher obskuren Obsession er wohl nachging. Harriet hatte nie herausfinden können, welche. Möglicherweise hätte man ihn in einer Pornovideothek finden können, ungeniert in der hard-stuff-Ecke. Die Zahl seiner Ideen war unüberschaubar. Er nahm jede von ihnen ernst, experimentierte und baute sie aus. Er las viel. Er hatte ein soziales Gewissen. Er war ein Theoretiker - und würde es auch bleiben. Norman war alles in allem eine großartige Ablenkung, zum genau richtigen Zeitpunkt.             "Egal, was du hier suchen solltest - du wirst es nicht finden", sagte Harriet. Sie spielten sich gelegentlich Zitaten aus Filmen zu, die sie mochten.             "Ich habe eine Menge gelernt in meinem Leben", sagte er, "das mir wenig eingebracht hat - im Gegensatz zu dir. Erzähl schon - was hat sich ergeben?"             "Noch nichts konkretes. Ein älterer amerikanischer Regisseur Hunter Lee Grant - kennst du ihn?" Norman nickte. "... er will mich testen, zusammen mit seinen Schauspielern."             "Willst du denn überhaupt Schauspielerin werden?"             "Warum nicht."             "Ich glaube, du hast das Zeug dazu."             "Meinst du?"             "Ich weiß es."             "Und weshalb bist du dir da so sicher?"             "Du kontrollierst deine Gefühle, ohne dass sie kontrolliert erscheinen, und dann spielst du sie den Zuschauern zu. Ich denke, das macht einen guten Schauspieler aus: dass er nicht reagiert wie normale Leute im wirklichen Leben. In denen bleiben die Reaktionen stecken und kommen nicht wieder heraus, oder wenn, dann kontaminiert von ihrer Erfahrungen, die keiner kennt, und für die sich keine Sau wirklich interessiert. Warum auch? - sie reagieren für sich, nicht für andere. Ein Schauspieler läßt sie durch sich hindurchfließen und gibt sie weiter, an die Kamera, an das Publikum, in die Augen der Welt. Deshalb sind Schauspieler auch so liebesbedürftig und eitel. Die Amerikaner mit ihrem Realitätssinn haben das Starsystem erfunden. Und in diesem System wachsen Schauspieler nach wie auf einer Nährlosung im Labor. A good actor is a looking-glass, cool und transparent, wie Catherine Deneuve in Belle De Jour. Ich habe gesehen, dass du das kannst."             "Dann bist ja du mein Entdecker, Norman."             "Komm mir bloß nicht mit Vorwürfen, wenn´s schiefgeht."             "Wird schon schief gehn."             "Was hat er denn eigentlich vor? Ich meine Lee Grant?"             "Hab nicht danach gefragt."             "Du springst im Dunkeln von einem Turm in ein Becken und weißt nicht mal, ob Wasser drin ist."             "Man muss Vertrauen haben."             "Kennst du die Ökonomie des Erfolgs? Ich meine: how to become a superstar?"             "Du bist auf dem laufenden, was?"             "Stars brauchen nicht unbedingt ein großes Talent haben, sie müssen manchmal nur im richtigen Moment anspringen, da sein und exakt im richtigen Moment am richtigen Ort sein und anspringen. Das ist wie bei einem Banküberfall: wenn der Zaster raus gebracht wird muss der Fahrer halt schon auf dem Gaspedal stehen. Die Superstars der Branche sind Industriestandart. Sie werden von den Konsumenten, denn die sind die eigentlichen Akteure, zur Senkung ihrer Suchkosten geschaffen, und zwar auf den Märkten auf denen der Nutzen der gehandelten Ware von den Kommunikationsmöglichkeiten der Konsumenten dieser Ware abhängt. Konsumenten sind faul und folgen nur ihren Gewohnheiten. Scheiße, so ist es eben. Und so war es schon in der Steinzeit. Den Rest erledigt die Propagandamaschine. Busta Rhymes ist nicht zehntausend mal besser als irgend ein anderer Fucker nur weil er hunderttausend mal soviel kassiert. Und für die Systemmanager des Spektakels ist es kein nennenswert größerer Aufwand sechzig Millionen zu manipulieren als sechshundert Millionen."             "Ist es wirklich das, was du mir sagen willst, Norman?"             "Würdest du heute Abend mit mir essen gehn?"             "Bin schon verabredet. Aber ein andermal, gern."             "Muss weiter. Halt mich auf dem Laufenden, Harriet." Er stand auf und ging. Das war so seine Art. Und Harriet wusste wieder einmal nicht, ob sie Mitleid mit ihm haben, oder ihn bewundern sollte. Die Kellnerin brachte seinen Kaffee. Harriet sagte, dass sie ihn nehmen würde. Ein paar Minuten später rief Said an.             "Die Dinge sind fürs erste geklärt", sagte er, "wie geht es Aischa?"             "Sie ist in meiner Wohnung... Wir haben geredet, es geht ihr, glaub ich, ganz gut. Hast du nicht mit ihr gesprochen?"             "Noch nicht. Ich werde sie gleich anrufen. Kann ich dich heute Abend sehen?"             "Wo?"             "Komm zu mir."             "Wo ist das?"             "Am Engelbecken Nr. 32, Kreuzberg. Mein Name steht an der Klingel."             "OK - wann?"             "Ich habe noch ein paar Stunden zu tun - um zehn, einverstanden?"             "Einverstanden."             "Harriet..."             "Ja?"             "Vertrau mir."             "Ja?"             "Vertrau mir."             "Ja."           7.       Ein warmer Wind strich über den Platz. Der Abend war voller Polizeisirenen und der Sonnenuntergang langsam wie eine schwache chemische Reaktion, die umkehrbar schien. Harriet sah zu den Fenstern des Hauses hoch: Altbau, renoviert. Sie war zu früh da und ging einmal um den Platz. An einer Dönerbude trank sie eine Cola und rauchte eine Zigarette. Sie konnte die Fenster von hier aus sehen. Es war idiotisch. Die Tasche mit ihren Einkäufen stand auf dem Bord. Der Türke sah die obenauf liegende Schachtel mit dem BH und einen der schwarzen Schuhe - und blinzelte ihr zu: Grundausrüstung. Es war ihm nicht übel zu nehmen. Sie dachte daran, rüber in den „Würgeengel“ zu gehen; dort waren immer Leute, die sie kannte. Sie konnte sich gehen lassen, etwas trinken, ihr Telefon abstellen, bei einer Freundin übernachten, ihr die ganze Geschichte erzählen, ihre Ratschläge anhören, sie verwerfen - oder akzeptieren, morgen Aischa anrufen und ihr sagen, dass sie in München sei, erst nächste Woche zurückkäme und sie in der Wohnung bleiben könne, solange wie nötig. Sie schaute dem türkischen Verkäufer in die Augen. Er nickte ihr väterlich zu. In einem kleinen TV zwischen den Flaschen und Dosen lief ein türkisches Musikvideo: ein junger Mann in einem goldtressenbesetzten Tschacko stand auf einem Berg in der Abenddämmerung, im Hintergrund brannte ein Lagerfeuer, an dem die Musiker saßen.   Sie klingelte unter dem Namenschild: Said. K.. Sie hörte ihn an die Tür kommen. Er trug ein weißes Hemd mit silbernen Manschettenknöpfen, eine schwarze Anzughosen. Er sah müde aus, er lächelte. Im Flur nahm er sie in die Arme, streichelte ihr Gesicht, küsste sie vorsichtig, wartete auf ihr Entgegenkommen. Sie hatte sich vorgenommen, sich zurückzuhalten; sie konnte es nicht.             "Was ist das?" fragte er als er ihre Tasche sah.             "Einkäufe..." Er zeigte ihr die Wohnung: spartanisch, teuer, geschmackvoll, hohe Fenster, im Schlafzimmer ein King-Size- Bett mit dem Abdruck seines Körpers, die Tür zum Balkon offen, weiße Vorhänge, leise Musik, die selbe, die sie im Flugzeug gehört hatte, auf einem Glastisch eine Vase mit einem Strauß frischer roter Rosen, ein Arbeitszimmer mit einem großen antiken Schreibtisch, Bücher, eines war von Jaques Le Goff, Histoire de l´ Europe, ein flacher weißer Labtop, von Hand beschriebene Blätter, mit einem Stück weißem Marmor beschwert, ein Füllfederhalter, eine kleine Digitalkamera, die Wände weiß, keine Bilder, Bullhauptküche, auf dem Tisch eine Flasche 91-er Bordeaux. Harriet ging durch die Wohnung, sie wollte alles sehen, alles was zu ihm gehörte. Aber aus all dem wurde sie nicht schlauer. Sie setzte sich an den Küchentisch.             "Möchtest du ein Glas Wein?"             "Wer bist du?" fragte sie.             "Der, der dich liebt." Sie fing an zu weinen und wusste nicht warum.   Es wurde langsam hell als sie aufwachte. Er lag neben ihr, auf dem Rücken, seine Hand auf ihrem Haar: Er murmelte etwas im Schlaf; es klang sehnsüchtig, flehend, es war Arabisch. Sie glaubte, den Namen Aischa heraus zu hören. Dann wurde er still, atmete ruhig, schlief tief. ´If you are afraid of wolves, keep out of the woods´, hatte Stalin gesagt. Sie stand auf und ging auf den Balkon. Sie erkannte diese Stadt nicht wieder. Jede Stadt der Welt konnte das sein, solange sie auf einem Balkon stand - und er ein paar Meter von ihr entfernt in einem Bett lag und schlief. Sie legte ihre Hand auf ihre Vagina, wie zum Schwur. Unten auf der Straße hielt ein Taxi. Ein Mann stieg aus, sah zu ihr hoch. Es war nicht klar, ob er sie gesehen hatte. Dann ging er die Straße runter und verschwand. Lautlos zog ein Flugzeug durch den wolkenlosen Himmel. Der Dönerimbiss an dem sie gestanden hatte war geschlossen. Lichtjahre entfernt. Als sie wieder zurück ins Bett kam wachte Said auf und nahm sie mit einer solchen Heftigkeit, dass sie einen Moment lang dachte sie würde zerbrechen.   Er musste am Morgen ins Büro und bot ihr an, solange wie sie wolle in seiner Wohnung zu bleiben. Er könne am Nachmittag gegen Drei zurück sein. In seinem dunklen Anzug sah er aus wie smarter Geschäftsmann. Harriet, in einem seiner Pyjamas, verabschiedete ihn an der Tür mit einem Kuss, wie eine Ehefrau.             "So sollte es sein...", sagte er.             "Sollte es?"             "Ja."   Als er gegangen war machte Harriet sich Tee und ließ sich ein Bad einlaufen. Das Fenster im Badezimmer stand offen und die Sonne schien direkt auf ihre noch von der iranischen Sonne gebräunte Haut. Es war so hell, dass sie ihr Sonnenbrille aufsetzte. Sie dachte daran, wie viele andere Frauen schon in dieser Wanne gelegen haben möchten. Said war ein Frauentyp, auch wenn er in diesem 4711-shirt leicht nancyhaft gewirkt hatte; er musste sich darüber im klaren gewesen sein. Vielleicht täuschte sie sich kolossal. Was wusste sie schon über ihn? Es war nichts arabisches an ihm - im Gegensatz zu seiner Schwester, bei der unter dem Firnis westlichen Stils etwas anderes lag, wie ein mit Hieroglyphen beschriebenes Blatt Papier unter einem Teppich. Die Filmmusik zu Bladerunner  ging ihr durch den Kopf; die kirschroten Lippen des extrem weiblichen Androiden, in den Harrison Ford sich verliebt hatte. Ihre eigenen Projekte fielen ihr ein; keines interessierte sie wirklich. Vielleicht wäre es besser, ein Urlaubsjahr zu nehmen und etwas ganz anderes zu machen, vielleicht Hunters Film. Oder eine Reise mit Said. Die Zeit der großen mythischen Filme war vorbei, hatte Norman einmal in seiner apodiktischen Art gesagt: weil das Mythische nur im Glauben einer Kultur an sich selbst liegen konnte, weil der Mythos all das zusammenfasste, was diesen Glauben ausmacht - und dabei mehr war als das was er zusammenfasste und mehr als dieser Glaube selbst. Mythos ist der Traum einer Kultur von sich selbst und gleichzeitig seine Erfüllung, seine Überwindung. Gone with the wind. Der Westen gab nichts mehr her. Ohne einen mythischen Gegner, einen Gegner, den man übertrumpfen mussten, der den Stoff gab aus dem die großen Geschichten von Gut und Böse – und die großen Komödien - gemacht werden konnten, war das Leben irgendwie sinnlos und schal geworden. Für die einen verging die Zeit zu schnell und für die anderen zu langsam. Keiner von beiden schaffte es mehr, in seiner eigenen Gegenwart zu leben. Harriet wählte die Nummer der Filmakademie und sagte Helene, dass sie ein Urlaubsjahr nehmen wolle. ´Das ist genau das Richtige für dich jetzt, Kleines´, sagte die Chefin, ´das ist genau die richtige Entscheidung - und schau, dass du mit Lee Grant ins Geschäft kommst, ich wünsch dir viel Glück. Lass dich mal sehen hier, auf einen Kaffee, wenn du in der Nähe bist.´ Diese Frau verstand einfach alles. Harriet hätte sie umarmen mögen. Die Sonne war gestiegen und der Schatten des Fensterrahmens auf das Badewassers teilte ihren Körper in zwei Hälften. Sie konnte sich an Saids Schreibtisch setzen und einen langen Brief zum kurzen Abschied an ihn schreiben, mit seinem Füllfederhalter auf sein Papier. Das wäre wahrscheinlich das vernünftigste gewesen was sie jetzt tun konnte. Aber das melodramatische daran schreckte sie ab. Sie überlegte, Henry anzurufen - aber was konnte er ihr schon sagen? Und abgesehen davon wartete sie auf nichts anderes als zu hören, wie Said die Tür aufschloss, sie in seine Arme nahm und küsste.   Sie stieg aus der Wanne. Das Wasser floss schnell ab. Nackt stellte sie sich vor den Spiegel im Schlafzimmer. Sie war schön und in einem Moment unklarer Hellsichtigkeit wusste sie, warum Said sie wollte. Das Telefon klingelte. Sie ging nicht ran und nahm eine von seinen Zigaretten. Sie schmeckte besser als je eine zuvor.       8.       Als Said Richtung Berlin/Mitte fuhr beobachtete er im Rückspiegel einen dunkelblauen Kleinlieferwagen, der ihm schon seit einiger Zeit gefolgt war. Said bog in eine Seitenstraße, nahm eine weitere. Der Lieferwagen blieb hinter ihm. Er konnte zwei Männer erkennen, der Fahrer hatte einen schwarzen Schnurrbart und trug eine Sonnenbrille, der andere eine Sonnenbrille und Schirmmütze. Said blinkte und bremste um ihn vorbeizulassen. Der Lieferwagen schien anzuhalten und setzte dann zum Überholen an. Als er auf gleicher Höhe war sah Said eine Pistole auf sich gerichtet, warf sich auf den Beifahrersitz und hörte zwei Schüsse. Sie waren leise, nur ein Ploppen, wie Gummi auf Beton. Glas splitterte. Er konnte hören wie der Wagen beschleunigte.  Eine Kugel hatte die Scheibe der Hintertür durchschlagen und die Sitzbank aufgerissen. Said war unverletzt, der Lieferwagen verschwunden. Auf dem Gehsteig standen zwei junge Männer mit entsetzten Gesichter, unschlüssig, was sie tun sollten. Said fuhr weiter, bog ein paar Mal ab. Dann schwenkte er wieder in seine Route ein und fuhr zum Büro. Er parkte den Wagen im Hof, die beschossene Seite zur Hauswand, tippte den Code in den Türöffner.               "Guten Morgen", sagte die Sekretärin mit ihrem gewöhnlichen süßlichen Lächeln, das auf ihren Lippen einfror, "aber was ist denn ... fühlen Sie sich nicht gut? Ist was passiert?" Vor ihr stand der Kaffeebecher und die Keksdose.             "Alles in Ordnung, Irene. Bringen Sie mir bitte einen Kaffee. Danke." An seinem Schreibtisch wählte er die Nummer seines Bruders. Ghassan nahm ab.             "In was für eine Sache bist du da verwickelt?!" fuhr Said ihn an. "Sie haben zweimal auf mich geschossen, im Wagen." Ghassan schwieg. Said hörte wie er die Musik im Hintergrund abstellte.             "Wo bist du jetzt?" fragte Ghassan.             "Im Büro."             "Ich bin in zwanzig Minuten bei dir." Er legte auf. Irene kam mit dem Kaffee herein.             "Kein Grund zur Aufregung, nur ein kleiner Unfall mit dem Wagen", sagte Said mit erhobene Händen, "Irgendwelche Anrufe?" Irene gab ihm eine Liste. Er überflog sie: nichts Außergewöhnliches.   Ghassan machte einen verstockten Eindruck. Er saß da und hielt seinen Kaffeebecher mit beiden Händen fest. Er trug, wie immer, diese weiten Hip-Hopper-Hosen und eine Kapuzenjacke. Aber diese Sachen wirkten irgendwie appliziert. Nicht er trug sie sondern sie schlossen sich um ihn wie eine Rüstung. Sein kompakter durchtrainierter Körper war das vorläufige Resultat eines kurzen, glücklos harten Lebens das ihn an die Grenzen seiner selbst gebracht hatte – und wahrscheinlich darüber hinaus. Seine Haare waren extrem kurz geschnitten. Er sah müde aus und kaute nervös an einem Fingernagel, und es war etwas abstoßend atavistisches an diesem Nagen: es war als ob es ihn zurückbeamte in den Gebärmuttersack ihrer gemeinsamen Mutter und er dort, im Fruchtwasser treibend, wie ein kleiner schwachsinniger Homunculus an seinen durchscheinenden unentwickelten, fischigen Fingern saugte. Ghassan war nur vier Jahre jünger. Aber Said wurde das Gefühl nicht los, dass mindestens ein Jahrzehnt zwischen ihnen lag. Nie hatte er einen echten Kontakt zu seinem jüngeren Bruder herstellen können. Später hatte er die Nähe älterer Männer gesucht. Er brauchte Autoritäten. Knochenlos und lianenenhaft war er ihm immer erschienen, geschmeidig und ohne Eleganz, seltsam unterprivilegiert. Daran war nichts zu ändern. Ghassan hatte sich schon als Kind lieber zurückgezogen und abgeschlossen, als etwas im Streit auszutragen. Es war als ob er etwas zutiefst als minderwertig empfundenes schützen wollte, hinter einer Maske, die er einer Tages fallen lassen wollte. Und dieser Tag schien gekommen zu sein.             ”...ich hab dich da raushalten wollen”, sagte Ghassan.             ”Aus was?!”             ”Je weniger du weißt, desto besser für dich, Said.”             ”Du willst mir also allen Ernstes erklären, dass es in Ordnung ist, dass ich jederzeit damit rechnen muss erschossen zu werden - ohne zu wissen warum! Ist es das was du meinst?”             ”Sie werden es kein zweites Mal machen. Es sollte eine Warnung sein...”             ”Eine Warnung wovor? Ghassan?!”             "Dinge..."             "... von denen ich besser nichts weiß - ich weiß. Hör zu: ich werde mich nicht in deine Angelegenheiten einmischen. Egal was du anstellst - es ist deine Sache. Du weist, dass ich von Familienehre, Blutrache und Treueschwüren und dieser ganzen Scheiße nichts halte. Mich widert das an. Ich will damit nichts zu tun haben. Aber wenn da etwas läuft, das Aischa und mich dazu zwingt uns zu verstecken, dann haben wir zumindest ein Recht darauf, zu wissen warum!" Said war laut geworden. Und über den Knöcheln seiner geballten Hand wurde die Haut weiß.                         "Was ist mit Aischa, wo ist sie?"             "Sehr aufmerksam, dass du danach fragst. Sie ist bei einer Freundin untergebracht. Sie wurde auf offener Straße bedroht, von unseren ehrenwerten Landsmännern. Wann wirst du endlich kapieren dass du nicht allein auf der Welt lebst?"             "Ich werde mich drum kümmern. Ich verspreche es dir, Said. Ich verspreche es dir, beim Propheten." Said schloss einen Moment lang die Augen. Als er sie wieder öffnete, sah er wie bleich Ghassan war. Sein Gesicht war an den hohen Wangenknochen aufgehangen. Seine Finger zitterten als er sich eine Zigarette anzündete. Er würde nicht auspacken - noch nicht. Er hatte Angst. Die Angst machte ihn schön. Ghassan war immer schön gewesen. Seine Schönheit schien unzerstörbar, archaisch.             "Laß uns zurück gehen", sagte Ghassan, "lass uns wieder da leben wo wir hingehören. Lass uns wieder Brüder sein."             "Wir sind Brüder, und wir werden immer Brüder sein, tot oder lebendig."             "Wir sind uns so fremd, merkst du das nicht?"             "Brüder werden sich immer fremd - und weißt du warum?  - weil sie von derselben Mutter stammen." Ghassan sah ihn verständnislos an.             "Was hast du vor?"             "Das sollte ich dich fragen! Was auch immer da läuft - bring es in Ordnung. Halte mich da raus, verstanden! Hast du eine Freundin?"             "Ich - warum willst du das wissen?"             "Dann such dir eine.             "Ich brauche keine Frau."             "Männer ohne Frauen drehen durch."             "Was soll das? Was hat das denn mit Frauen zu tun?"             "Mehr als du denkst."             "Und wie steht´s mit dir? Ich meine, du hast immer Frauen gehabt - und was haben sie dir gebracht? Du machst Geld, eine Menge Geld, okay. Du machst eine Menge Geld. Aber macht dich das glücklich? Du lebst in keiner Welt mehr, nicht in unserer und nicht in der hier. Und was das schlimmste ist: dir ist deine Ehre und die deiner Familie egal geworden."             "Ich weiß nicht, was du mit unserer Welt meinst - und von dieser hier hast du doch gar keine Ahnung."             "Warum sagst du das?" Ghassans Gesicht verzog sich zu einer schmerzlichen Grimasse. Er drehte sich um und schaute aus dem Fenster. Ein Windstoß schüttelte die Birke im Hof.             "Und was die Ehre betrifft: Wenn du in der Welt unserer Großväter leben willst - bitte. Wenn dir das hilft zu überleben. Ich hab diesen Bullshit satt." Ghassan drehte sich um und schaute Said an. In seinen Augen war dieses dunkle Flackern, das immer in ihnen auftauchte, wenn er kurz vor einem Wutausbruch stand.             "Erzähl mir doch keinen Blödsinn, Mann! Ich bin in Schwierigkeiten. Aber ich komm schon damit klar. Ich brauch deine Hilfe nicht. Aus dir ist einfach ein Arschloch geworden, ein Feigling. Ich meine - schau dich doch um: deine blöden Geschäfte, dein blödes Büro, deine blöden Kontaktlinsen, deine Schlampen, dein BMW ..." Und mit einer einzigen  Bewegung fegte er alles was auf dem Schreibtisch war auf den Boden. Said reagierte mit keiner Mine.                         "Was ist passiert? Wer bedroht Aischa? Wer hat auf mich geschossen? Verdammt, Ghassan - du lebst nicht allein auf dieser Welt!" Said zündete sich eine Zigarette an. Ghassan hob den Aschenbecher auf und stellte ihn auf den Schreibtisch zurück.     Hunter Lee Grant  saß auf dem Beifahrersitz eines Taxis und beobachtete die schlierenden gelben und roten Reflexionen auf der regennassen Windschutzscheibe. Als sie an einer Ampel hielten projizierte Bremslicht die Schatten dreier Figuren auf die beschlagenen Heckscheibe eines Audi A3: Lachen, Küsse und Schnappen nach Luft, der zurückgeworfene Kopf eines Mädchens mit einem Pferdeschwanz - ein Quadratmeter Deutschland in Cinemascope. Karagoz Hacivat - türkisches Schattentheater.   Er stieg aus dem Taxi und ging in ein Lokal mit dem grünlich schimmernden Namen Zum Hecht, das ihm Werner als das düsterste der Stadt empfohlen hatte. Am Tresen standen zwei Männer. Einer schaute ihn an, stülpte die Lippen vor und sog mit einfallenden Wangen an seiner Zigarette; auf seiner Stirn eine Narbe, lang wie die Klinge eines Schweizer Taschenmessers. Der andere redete auf eine blondierte Frau hinterm Tresen ein, die enorme Brüste hatte, und eine fleischige Hand wie ein Schirmpilz flach auf dem Zapfhahn. Hunter bestellte ein Pils. Sie nickte ihm freundlich zu. An einem Tisch am Fenster wühlte eine junge Frau mit strähnigen Haaren in ihrer Handtasche. In der Ecke am Ende des Tresen saßen zwei Männer am Stammtisch; der eine hatte weinrote Lippen unter einem weißen Kaiser Wilhelm-Bart, der andere war jung und kaputt und seine Augen rollten nervös hinter einer sechseckigen Nickelbrille wie Kompassnadeln nach einem Polsprung. Hunter nahm sein Bier, trank und fühlte sich einen Moment lang aufgehoben in einem unzerstörbaren Bestiarium, aus dem es kein Entkommen gab. Die Tür ging auf und ein bärtiger Mann mit einem gegerbten Eskimogesicht kam herein. Sein hellblauer Anorak und die dunkelblauen Cargohosen waren regennass. Ohne seine rechte Hand aus der Tasche zu nehmen stellte er seine abgeschabte Ledertasche auf einen der Tische und nickte in die Runde. Alle grüßten ihn. Keiner sagte etwas zu ihm. Ohne dass er bestellt hatte brachte ihm die Kellnerin eine Flasche Bier. Hunter war der Älteste in diesem statisch verdüsterten hyperrealistischen Raum, dieser danteschen Vorhölle und er fühlte sich im vollen Recht, als er sein Glas in Richtung eines weiteren Monstrums hob. Der Mann zwinkerte mit den Augen und nahm einen langen gierigen Schluck. Aus seinen wirren schwarzen Haaren rollten Wassertropfen und perlten ab auf dem speckigen Stoff seines Anoraks. Alles an diesem Mann war wild und rau. Hunter raffte sein bestes Deutsch zusammen und sagte: "Lausiges Wetter, was?" Der Mann grunzte und schüttelte sich wie ein Hund der gerade aus dem Wasser gestiegen war. Hunter musste an den bärtigen Sterling Haden in Robert Altmans „The long Goodby“ denken, wie er betrunken dastand, absolut nichts begriff, bis ihm der geschniegelte Kerl dem er Geld schuldete plötzlich und vor allen Leuten ins Gesicht schlug. Zu Allem gab es ein künstliches Pendant, das das Original aufdonnerte und es fast vollständig machte. Das Wesentliche war, wie alles andere auch, eine Fata Morgana, glatt, nass, wahn- und schlangenhaft und längst aus dem Spiegel verschwunden, bevor man sich die Mühe machte hinzusehen. Die Realität war ein Spiegel in dem sich nichts abbildete, weil sich alles hinter diesem Spiegel abspielte. Der Hof der Irren. Vielleicht, dachte Hunter, bestand der Wahn der Existenz ja darin, dass man für Wahn hielt, was Wirklichkeit war. Er schloss die Augen und sah Zinaida vor sich, braun und jung wie sie damals war. Er hörte ihr raues Lachen, mit dem sie ihre Unsicherheit kaschierte, wenn sie gewusst hatte was sie von ihm wollte, lässig an diesen Holzschuppen in Montana gelehnt, und der Wind öffnete ihr Hemd und ließ ihre braune Hüfte sehen, die geschwungene Linie bis zu ihrer Achsel, ihre Haut wie dunkles Gold, unzerstörbar schön, ihr Blick stolz und jungenhaft in die Ferne gerichtet, und wie es ihm damals fast das Herz zerrissen hätte bei dem Gedanken daran, sie zu verlieren, und daran dass er sich an diesen Augenblick für immer würde erinnern müssen, dazu verdammt, sich zu erinnern. Mit den Augen der anderen zu sehen, das war Magie. Die Erinnerung war das tausendäugige Ungeheuer, die Erinnerung konnte einen Menschen mumifizieren und zu einem Schatten seiner selbst werden lassen, ein Schatten, der nur noch den Schatten des Glanzes sieht und nur den Schatten des Duftes riecht.   Als er die Augen öffnete stand der Mann direkt vor ihm und deutete auf die Zigarettenschachtel. Hunter gab ihm Feuer. Der Mann nickte. Sein rechter Ärmel war eingefallen und erst jetzt realisierte Hunter, dass er einen Einarmigen vor sich hatte, der die Zähne bleckte und einen Laut von sich gab der klang wie das Rasseln einer Klapperschlange.             "Na-na", sagte Hunter, "sind Sie das Rauchen nicht gewohnt?" Der Mann lachte ihn mit strahlenden Augen und aufgerissenem Mund an. Ein Goldzahn blinkte irgendwo in seinem Kiefer und eine rote Zunge vibrierte echsenhaft in der Rachentiefe .             "Mein Name ist Hunter, Hunter Lee Grant", und er hielt ihm die Hand hin.             "Geben Sie sich keine Mühe, mein Herr - der ist taubstumm!" schrie die Bedienung hinter der Theke. In diesem Moment ging die Tür  auf und vier lärmende junge Leute kamen, stürmten regelrecht herein; zwei Mädchen und zwei Jungen. Sie nahmen das Lokal in Beschlag als ob es ihre Stammkneipe wäre, sie überschwemmten es mit ihrer Vitalität, bestellten Jägermeister und einer der Jungen warf die Musikbox an. Die Kellnerin brachte ihnen den Schnaps auf einem Tablett. Sie kippten ihre Gläser und fingen an herumzutanzen. Der Bann war gebrochen. Das war eine andere Welt. Hunter bezahlte und ging.      Gegen Fünf wählte Harriet Saids Nummer. Er nahm nicht ab. Sie streifte durch die Wohnung, legte ihre Hand auf das Bettlaken, den Schreibtisch, den Kleiderschrank mit seinen Hemden und Anzügen. Alles blieb stumm und taub. Sie fand einen Zweitschlüssel, nahm ihre Sachen und ging. In der U-Bahn wurde ihr schwindlig und sie musste aussteigen um nicht zu kotzen. Die Gesichter der Menschen kamen ihr stupid, grausam und außergalaktisch fremd vor - jedes auf seine eigene, verbohrte Art. Sie nahm die nächste Bahn und schleppte sich in ihre Wohnung. Aischa war nicht da. Ihre Tasche stand neben dem Bett; eine halb ausgetrunkene Tasse Tee stand auf dem Tisch, daneben ein angebissenes Brötchen, Honig auf dem Porzellan wie Bernstein. Der Aschenbecher voller Kippen. Das Radio lief, Börsennachrichten. Immer wenn man das Radio anstellte kamen Börsennachrichten. Sie legte sich auf das Bett und versuchte einzuschlafen. Es war zu spät, sie hatte den Absprung verpasst. Feigheit kroch ihr unter die Haut wie ein Anästhetikum. Hau ab, vergiss ihn, lösch seine Nummer, sag ihm, dass das alles ein Versehen war, mach Schluss. Und wenn du das nicht kannst, dann ist an dir nichts mehr zu verderben. Aber es ist zu spät, dachte sie, viel zu spät. Seitdem Said sie zum ersten mal geküsst hatte wartete sie; worauf genau, das wusste sie nicht. Aber was sie wusste war, dass sie ihr ganzes Leben lang auf etwas wie dieses Warten gewartet hatte. Hunter - vielleicht konnte er sie retten. Seine Seele war so alt wie ihre. Kein unüberbrückbarer Abgrund zwischen ihm und ihr. Sie fiel in einen unruhigen Schlaf, mehr ein halbwaches Zittern als ein Schlaf. Immerhin. Lautes Pochen schreckte sie auf. Kein Klingeln - lautes Schlagen. Sie sprang auf, rannte zur Tür, fragte wer da sei. Keine Antwort. Weitere Schläge gegen die Tür. Sie schaute durch den Spion: ein Schatten, nichts zu erkennen. Die Tür zitterte in den Angeln. Das Telefon klingelte. Sie hetzte, nahm ab: Gelächter, Männerstimmen: Fotze! - wir kriegen dich, wir werden dich aufschlitzen! - deine eigene Scheiße wirst du fressen! Das Schlagen gegen die Tür hatte aufgehört. Stille. Absolute Stille. Der Spuk war so abrupt vorbei wie er angefangen hatte. Er hatte Aischa gegolten - nicht ihr. Aber das machte es auch nicht erträglicher. Harriet wählte Saids Nummer. Er ging nicht ran. Sie wählte Hunters Nummer.               "Wie geht es Ihnen?" Eine Stimme trocken, müde und fremd.             "Nehmen Sie ein Taxi und holen Sie mich ab, bitte, nichts ist wichtiger als das jetzt, fragen Sie nicht." Sie gab ihm die Adresse. Hunter versprach in zwanzig Minuten da zu sein.         9.   Said bog in eine kaum geteerte Straße, fuhr durch einen Kiefernwald, über einen Bahnübergang, schaute in eine Schneise in der Strommasten ohne Drähte standen und parkte auf einem abschüssigen klitschigen Weg vor einem alten an einem Kanal stehenden Wirtshaus mit Biergarten. Zwei Mischlingshunde bellten hinter einem Gartenzaun. Er sprach mit ihnen und sie beruhigten sich. Der Biergarten war leer. Zum Weißen Schwan , Einzelzimmer, 13 Euro.  Gab es schwarze Schwäne? Sicher gab es eine Menge Gaststätten die Zum Schwarzen Schwan hießen - die meisten sicher in England. Ein Lastschiff mit dem Namen Wrozlaw schob vorbei. Die Wellen klatschten an den Bootsteg. Said nahm einen der hochgeklappten Stühle und setzte sich. Auf der lilafarbenen Plastiktischdecke spiegelten sich in ein paar Wassertropfen die Sonnenstrahlen. Hierher fuhr er manchmal wenn er allein sein und nachdenken wollte. Er dachte an Harriet. Er wählte ihre Nummer. Es dauerte lange bis Harriet abnahm.             "Was hältst du davon wenn ich dich abhole und wir für ein paar Tage weg fahren, irgendwohin, an die Ost- oder Nordsee oder an den indischen Ozean?"             "Es geht nicht." Ihre Stimme klang flehend, mutlos, als ob eine Eisenstange quer in ihrer Brust läge.             "Warum nicht? Wo bist du?"             "Ich ruf dich an - in einer Stunde."             „Was ist passiert?“             „Nichts – mach dir keine Sorgen.“             „Hör zu...“ Sie hatte aufgelegt. Der alte schnauzbärtige brandenburgische Wirt kam herangeschlurft. Said bestellte etwas zu essen und ein Bier. Eifersucht legte sich auf die Innenseite seines Magens. Er stand auf und lief dem Wirt nach, entschuldigte sich, stieg in den Wagen. Die Hunde bellten wie verrückt. Als er durch den Kiefernwald fuhr trat er abrupt auf die Bremse. Der Wagen schleuderte, kam zum Stehen. Staub trieb die Straße entlang. Er stellte den Motor aus. Der Wind legte sich in das hohe Gras. Ein Bussard kreiste am Himmel, sein Schatten strich über die Spitzen der Fichten. Dann war er nicht mehr zu sehen. Said zündete sich eine Zigarette an. Harriet, dachte er: sie ist die Frau, der du verfallen wirst. Nach ihrem Duft wirst du dich verzehren. Vor ihr wirst du knien, als ob es keine andere mehr gäbe. Von ihr wirst du dich töten lassen, wenn sie es will. Sie wirst du vermissen während du mit ihr schläfst. Und noch während du mit ihr schläfst wirst du dir wünschen, dass du ein anderer wärst und auf dich selber eifersüchtig sein könntest. Und zum ersten mal seit langem spürte er etwas wie Wut.      Harriet öffnete die Tür. Hunter sah müde aus.              „Das ist ein Notfall“, sagte er.             „Das ist mir klar“, sagte Harriett.             „Hast du etwas zu trinken?“             „Jameson“, sagte Harriett.             „Der wird reichen.“ Hunter ging durchs Zimmer auf den Balkon wie ein Zombie. Als sie die Drinks brachte hatte er sich gerade eine Zigarre angezündet.             „Willst du auch eine?“ Sie nahm sich eine Zigarette.             „Weißt du“, sagte er, „jeder benimmt sich schlecht, wenn man ihm die Möglichkeit dazu gibt.“             „Es reicht nicht, sich schlecht zu benehmen.“             „Deswegen sind wir Amerikaner.“             „Wie sieht´s aus mit dem Film?“             „Ich würde mich freuen wenn du die Rolle übernehmen würdest.“             „Ohne Probeaufnahmen?“             „Ohne Probeaufnahmen“, sagte er.             „Wann geht´s los?“             „Das ist wie immer das Problem...“ Hunters weiße Haare flatterten im Wind. Er schaute Harriet an und sog an seiner Zigarre. Und wenn ich nicht gewusst hätte, dass er okay ist hätte ich Alarm geschlagen, das kann ich euch sagen, Leute. Aber ich mochte ihn: Hunter war erledigt, er glaubte nur noch an die Schönheit – und an die Schönheit glauben nur die, die nichts mehr erwartet.             „...nächste Woche.“ Harriet nahm einen Schluck aus ihrem Glas. Hunter brachte seines in die Nähe. Sie stießen an. Hunter lächelte sein breites texanisches Lächeln. Und Harriet fing an zu weinen. Sie konnte es nicht fassen; sie glaubte eben noch an solche Sachen. Und sie hatte recht damit.             „Weißt du, es gibt Sachen, die gemacht werden müssen“, sagte Hunter.             „Und ihr Amerikaner wisst auch immer, welche...“             „Ich würde meinen alten Arsch nicht darauf verwetten....“             „No guts - no glory.“             „Yes - Es gibt da diese Szene: sie sitzen alle an einem Tisch, sie und ihre hässliche Schwester, die ganze Familie. Und er ist entschlossen. Plötzlich geht das elektrische Licht aus. Geschrei, Verwirrung, Gläser gehen zu Bruch. Er nimmt all seinen Mut zusammen und raunt ihr seinen Heiratsantrag ins Ohr. Und sie flüstert ihr ewiges Ja. Das Licht geht wieder an. Und er realisiert, dass die Falsche war, die hässliche Schwester. Und er wiederholt vor allen was er gesagt hatte.“             „Ich hätte das gleiche gemacht“, sagte Harriet.             „Richtig.“             „Und ich bin die hässliche Schwester?“             „Nein – du bist die andere, die schöne Schwester, die bald darauf an der Basedowschen Krankheit sterben wird.“             „Dann habe ich also nicht viel zu tun?“             „Im Gegenteil: Du bist die Frau, die unser aufrichtiger Freund liebt. Mit ihrer Schwester wird er leben, und er wird lernen sie anstelle der Anderen zu lieben.“             „Einverstanden.“             „Alright. Also, was ist los? Du bist in Schwierigkeiten.“ Harriet erzählte ihm alles, alles was sie bis jetzt wusste. Und sie hatte das Gefühl, dass sie, während sie es erzählte, langsam anfing zu begreifen was vorging.             „Ich habe nicht mehr lange zu leben“, sagte Hunter, „kann sein, dass ich dir nicht mehr helfen kann.“             „Wir kämpfen alle mit Gespenstern“, sagte Harriet.             „Scheiß auf die Gespenster.“ Hunters weißes Haar flatterte nicht mehr im Wind. Er nahm einen Schluck aus seinem Glas. Er erinnerte sie an jemanden, aber sie kam nicht darauf an wen.             „Weißt du, ich hatte alles was man in diesem Scheißleben haben kann. Aber es ist nicht leicht, alles zu vergessen. Es gibt ein paar Sachen, die sollten bleiben. Ich weiß dass sie nicht bleiben können, aber sie sollten es.“ Harriet lehnte sich auf die Brüstung. Sie hatte das Gefühl dass es sich um einen sehr poetischen Moment handelte.             „Ich fühle mich in gewisser Weise verantwortlich“, sagte Hunter.             „Wofür?“             „Für das woran ich mich erinnere.“             „Niemand erinnert sich an das was niemals war – und das ist das meiste“, sagte Harriet.             „True“.             „True ist, dass niemand unsere Geschichte mehr schreiben wird.“             „Aber was hättest du davon?“             „Hast du Herodot gelesen?“             „Nein.“             „Nicht Homer, erst Herodot hat die Menschheit erfunden.“             „Irgendeiner hat sie ja wohl erfinden müssen.“ Hunter schaute sie an, als ob er noch etwas mehr erwartete. Dann fragte er: „Wer ist Said?“ Harriet lehnte sich mit dem Rücken an die Brüstung.             „Ich weiß es nicht.“             „Ein Idiot?“             „Vielleicht.“             „Die Welt ist voll von Idioten.“ Harriet ging ins Zimmer und holte die Flasche.             „Lebst du allein?“, fragte Hunter. Jetzt fiel es ihr ein: er sah aus wie Herman Melville ohne Bart.             „Als ich ihn zum ersten Mal sah war ich starr vor Schreck“, sagte sie. „Ich dachte ich werde verrückt. Dann dachte ich dass sie es war die sich in ihn verliebt hatte.“             „Wer ist sie?“             „Ach – manchmal rede ich von mir in der dritten Person.“             „Hhm“, sagte Hunter.             „Pech.“             „...und wo ist er jetzt?“             „Irgendwo in der Nähe.“             „Paß auf, Baby, ich habe nicht die Absicht mich in dein Privatleben einzumischen.“             „Mir geht´s genauso.“             „Trinken wir noch einen Schluck.“ Harriet goss nach.             „Was weg ist ist weg“, sagte er, trank aus und schmiss sein Glas in die dunstige Nacht hinaus. Sie warteten beide auf das Geräusch des Aufpralls. Aber es war nichts zu hören.             „Weißt du“, sagte er, „ein Mensch lebt immer in seiner eigenen Vergangenheit, einer vom Standpunkt der jeweiligen Gegenwart aus gesehen: vergangenen Vergangenheit, an die er sich selbst  irgendwann in seiner eigenen dramatischen Zukunft - denn diese Form von Zukunft ist immer dramatisch -  nicht mehr erinnern wird können. Eigentlich lebt er in einem Nichts, in einem von ihm selbst vollkommen unabhängigen Nichts, das seine Existenz ausmacht. Das ist ein Paradox. Das ist die Conditio Humanae. Alles was ist ist gleichzeitig nicht. Liebe war, jedenfalls für mich, die einzige Möglichkeit, dieses Paradox zu paradoxieren. So kam es mir jedenfalls vor. Das Flüchtige, das Inexistente, die Körper, die Begierde ist das einzige was uns mit dem Nichts verbindet. Menschen sind immer unfreiwillige Zyniker. Die Liebe ist eine Sache über die es nichts zu sagen gibt - deswegen reden sie soviel von ihr. Liebe ist immer eine Art von Lustmord. Das einzige was für die Liebe spricht ist dass sie das Gegenteil von Massenmord ist.“   Als Said an seinem Schreibtisch saß und die Liste der letzten Bestellungen durchging klingelte das Telefon. Ghassans Stimme klang gehetzt, der Empfang war schlecht:             „Ich hab einen von den Scheißarabern gekillt, Mann“, sagte er, „ging nicht anders, war nicht zu vermeiden.“             „Was?! – und dann rufst du hier an? Bist du wahnsinnig?“             „Schon klar – mach dir keine Sorgen.“             „Wo bist du?“             „Weiß nicht...“             „Hör mal – ich kann dir...“             „...nicht nötig“, sagte Ghassan, „ich weiß dass dir das was wir Ehre nenne nicht allzuviel bedeutet.“ Das Wort Ehre schmeckte, so wie er es aussprach, nach Blut und Eisen.             „Erinnerst du dich an den Abend im April?“ sagte Said, „wo wir nach dem Film waren, den mit Clooney, weißt du was ich meine?“             „Ja“, sagte Ghassan.             „Da bin ich heute Nacht um eins.“             „ok“, sagte Ghassan, „ich schmeiß das Handy jetzt in die Spree. Ab jetzt bin ich der Hund den sie jagen.“ Die Verbindung brach ab. Said zündete sich eine Zigarette an. Die Birke im Hof trieb im Wind. Said notierte die Nummer von der aus Ghassan angerufen hatte auf einem Zettel und löschte sie aus seinem Telefon.   In ihrer Wohnung brannte Licht. Als er klingeln wollte kam jemand aus dem Haus und ließ ihn hinein. Ein kleiner runzliger Mann in einem grauen Anzug und einem grünen Hemd stieg vor ihm im Aufzug:             „Heiß heute, was ?!“ sagte der Mann und wischte sich mit einem Taschentuch die Stirn, „schaun Sie sich bloß das Geschmiere an – diese verdammten Araber, können einfach keine saubere leere Fläche vertragen, alles müssen sie beschmieren, wie Hunde die an jede Ecke pissen.“ Said nickte und schaute auf die Stockwerksanzeige. Der kleine Mann steckte sein Taschentuch ein. Der Aufzug hielt und der Mann stieg aus. Durch die sich schließende Tür sagte er halblaut etwas das Said nicht mehr verstehen konnte. Harriet sah müde aus. Sie ließ ihn mit gesenktem Kopf an sich vorbei wie ein Tier. Er roch den Alkohol. In der Wohnung lief Musik von Johann Sebastian Bach. Hunter kam vom Balkon ins Zimmer:             „Hunter Lee Grant – Said “, sagte Harriet.             „Pleased to meet You“, sagte Hunter.             „Kann ich auch einen Drink haben?“, sagte Said.             „When it comes to lust – nothing is sacred“, sagte Hunter.             „Der Amerikaner, der den Film machen will“, sagte Harriet und gab Said ein Glas. Dann nahm sie ihm das Glas aus der Hand und küsste ihn. Hunter goß sich nach und ging auf den Balkon.             „Aischa ist verschwunden“, sagte Harriet, „sie hat mir keine Nachricht hinterlassen.“             „Ich weiß“, sagte Said. „Lass uns ein paar Tage wegfahren, das ist wichtig jetzt.“             „Ich kann nicht“, sagte Harriet, „ich habe Proben in den nächsten Tagen. Ich will die Rolle haben.“             „OK – wir müssen nicht jetzt darüber reden“. Hunter ließ sich zwischen den Vorhängen blicken.             „Bitte versteck Dich nicht“, sagte Harriet zu ihm.             „Ich sollte jetzt gehen“, sagte Hunter. „Wir sehen uns morgen.“ Er zog ein Couvert aus der Innentasche seines Jacketts und legte es auf den Tisch. Dann hob er die Hände um jeden Einwand abzuwehren: „Das ist der Text. Don´t let me down. Ich ruf dich morgen Mittag an. Entschuldigen Sie mich“, sagte er zu Said, „und passen Sie gut auf sie auf, sie ist die letzte ihrer Art – und vom Aussterben bedroht. Good night, Ladys and Gentlemen.“ Harriet brachte ihn zur Tür. Sein Blick war müde, und fand an nichts mehr Halt. Aber zum Abschied lächelte er wie niemand sonst lächeln konnte; es war ein Lächeln wie aus einer anderen Welt. Als sie ins Zimmer zurückkam saß Said auf einem Stuhl, die Ellenbogen auf den Knien, das Gesicht in den Händen vergraben:             „Diese Idioten! Diese verdammten Idioten!“ Harriet brauchte eine zeitlang um zu verstehen:             „Zieh mich da nicht in was rein womit ich nichts zu tun habe!“ Said schaute sie an und schüttelte den Kopf:             „Das beste ist, ich steh jetzt auf und gehe - und wir sehen uns nicht wieder.“             „Entschuldige bitte“, sagte sie, kniete vor ihm nieder nahm seine Hand und legte ihr Gesicht hinein. „Ich weiß ja gar nicht was du mir sagen willst. Ich bin ...“ und sie deutete vage in Richtung Tür. Dann gab sie es auf. Said nickte.             „Was ist passiert?“ fragte sie.     Hunter winkte ein Taxi heran und gab dem Fahrer eine Adresse. Der Fahrer war aus dem nahen Osten, ein Syrer wie sich herausstellte, Bürstenhaarschnitt, starker Bartwuchs, behaarte Hände, das Hemd weit offen. Alles in Allem ein gut aussehender Mann. Wenn ich mit ihm tauschen könnte, wenn ich ER sein könnte, dachte Hunter, würde ich ihm nicht zumuten ICH zu sein. Er kam leicht mit ihm ins Gespräch. Sie redeten über Damaskus, Aleppo. Damaskus, die älteste Stadt der Welt was die Kontinuität der Besiedelung betraf. Der Patriotismus dieser Leute war verständlich – und trotzdem, wie jede Form von Patriotismus, leicht abstoßend. Es war als ob an eben geschlüpften Vögeln noch Schleim und Eierschalen klebten. Stolz, der Habenichtse Edelstein, hatte Baudelaire geschrieben in seinem Gedicht Der Wein des Einsamen. Alles würde sich ändern im Lauf von zwei-drei Generationen schon. Das Leben eines Menschen war zu kurz um wesentliche Veränderungen wahrzunehmen. Die jungen Japanerinnen weigerten sich Kinder zu kriegen. Die japanische Nation würde es in hundert oder zweihundert Jahren nicht mehr geben. Chinesen werden die Inseln besiedeln. Das weiße Amerika wird verschwunden sein; es war bereits dabei seine Glorie zu verlieren. Der schwarze Kontinent würde aus seinem langen postkollonialen Albtraum erwachen. Neue Staatenkonglomerate werden auf der Haut des Planeten liegen wie Herbstlaub auf den Asphalt.  Und Zinaida, wo werden wir sein, wo bist du jetzt? Wie konnte das alles passieren? Wie konnte unser Leben so schnell vergehen? Es bleibt nicht mehr viel Zeit. Jedes menschliche Projekt war von Grund auf zum Scheitern verurteilt. In dieser Stadt lebten sie auf Ruinen, die auf Ruinen ruhten, die die Grundlagen für neue Ruinen sind. Es war nicht einmal möglich, der eigenen Spur im Nebel der Erinnerung weiter zu folgen als das ein paar dürre Fakten zuließen, Zeichen auf einer Landkarte, Orte an die man nicht mehr zurückkehren konnte. Man starb unaufhörlich, man war niemals der Selbe. In keiner Sekunde seines Lebens war man der Selbe. Ohne Gefühl für sich selbst und ohne Gefühl für die Zeit die verging gab es keine Möglichkeit, stehen zu bleiben um etwas zu erkennen. Irgendetwas zieht uns rasend vorwärts um uns zu töten und auszulöschen. Warum sollte man das alles jemandem mitteilen? Wurde es dadurch vielleicht besser, erträglicher? Es wurde zumindest klarer. Und das ist ein gewisser Trost. Das konnte niemand bestreiten. Wer das bestritt, der hörte auf Mensch zu sein. Ich habe die die ich liebte bekommen. Aber ich habe sie nicht behalten können. Eine Frau kann man nicht behalten – jedenfalls keine von Zinaidas Format. Seit fast dreißig Jahren haben wir uns nicht mehr gesehen. In meiner Erinnerung ist sie jung, wie eine die sich umgebracht hat bevor sie Gelegenheit gehabt hatte alt zu werden. Vielleicht ist sie deshalb jedem Wiedersehen aus dem Weg gegangen, und an Möglichkeiten hatte es nicht gefehlt, weil sie ein untrügliches Gespür für das Unnötige hat, dieses ihr ganz eigene Talent, niemanden ohne guten Grund zu verletzen. Der Mann mit dem sie jetzt lebt weiß vermutlich nichts von all dem. Die meisten Frauen sind in diesem Punkt absolut zuverlässig. Alles was sie einem Mann über einen Vorgänger erzählen ist entweder vollkommen wahr – und deswegen unglaubwürdig, oder man glaubt es ihnen nicht weil sie schlecht lügen. Aber in beiden Fällen geht ihnen dabei nicht um den Mann; es geht ihnen nur um sich selbst. Denn der wirkliche Grund, warum sie mit einem bestimmten Mann zusammen waren, verriet mehr über sie selbst als sie wahrhaben wollten. Und sie hüteten dieses Geheimnis nur deswegen weil sie genau wussten dass es gar keines war. Harriet war wie Ada, wie Zinaida: sie hatte einen eisernen Willen und einen ungeheuren Respekt vor sich selbst. In ihr war etwas aufgeblüht das suchte und das bereit war sich finden zu lassen. Alias Zeno Cosini, alias Italo Svevo, alias Hunter Lee Grant. Es war alles umsonst. Der Syrer hatte die ganze Zeit geredet und schaute Hunter jetzt fassungslos an. Hunter lächelte, er hatte nichts gehört.             „Ist alles in Ordnung mit Ihnen?“ fragte der Syrer.             „Ich wünschte es wäre so“, sagte Hunter.             „Sie sind Amerikaner?“             „Yes, Sir“, sagte Hunter, „aber es fällt mir nicht mehr so leicht wie früher, das zu sagen.“ Der Syrer nickte mit dieser für Orientalen so typischen Mischung aus Verständnis und Wut und sagte nichts mehr. Die Stadt driftete vorbei wie ein ungeschnittener Film.   Ghassan nippte an seinem Tee und zündete sich eine Zigarette an. Er behielt die Tür im Auge und wartete auf nichts. Die russischen Kellnerinnen unterhielten sich über Drinks, eine holte eine Flasche Jack Daniels aus dem Regal und schaukelte sie wie ein Baby vor ihrem Bauch. In dem Overheadscreen in der Ecke des Raums lief ein Rap-video: ein Schwarzer kam in eine Wohnung, suchte nach etwas, fand es nicht und fing an alles zu zertrümmern. Dabei schaut er in die Kamera und schaukelte seine Schultern. Wie fremd war Said ihm geworden, so fremd wie dieser Rapper. Er liebte Said, aber diese Liebe war mit Wut getränkt und mit Neid untermischt, Wut darüber dass Said sich derart unabhängig gemacht hatte, dass er sein Aussehen so verändert hatte, diese blauen Augen, das akzentfreie Deutsch das er sprach, zudem perfektes Englisch und Französisch, dass er Erfolg hatte mit seinem Business, ohne kriminell geworden zu sein, dass sein Vater immer stolz auf ihn war und es immer noch wäre, wenn er noch leben würde, dass er es mit westlichen Frauen trieb, diese phantastische Wohnung hatte, nicht mehr in die Moschee ging, vielleicht nicht einmal mehr betete, sich an keinem Gespräch über Religion mehr beteiligte, so kalt und arrogant mit der Familie umging, jeden engen Kontakt mied, außer zu Aischa, die er wahrscheinlich auch noch anstecken würde mit seiner Abtrünnigkeit. Wie eng waren wir beieinander, damals in Beirut, die verbotenen Spiele in den Gassen, die Witze die nur wir verstanden und über die niemand sonst lachen konnte, die Ferien am Meer als wir noch alle zusammen waren, die Duftschwaden des Grills auf der Terrasse unseres Bungalows von der aus man den Sonnenuntergang sehen konnte. Wie offen damals alles war, wie glücklich. Wie sehr hatte sich alles geändert. Wie lange war das her? Ghassan rechnete die Jahre zusammen. Die Jahre der Kindheit, die Jahre des Krieges, die Jahre in Deutschland. Er hatte es zu nichts gebracht. Er war das schwarze Schaf der Familie geworden. Irgendwann hatten sie damit angefangen ihn vor zu schicken wenn ein Streit geschlichtet werden musste; er hatte so etwas wie natürliche Autorität. Und die brachte ihm dann auch die Türsteherjobs ein. Er trennte die Spreu vom Weizen. Er kam in Kontakt mit den großen Dealern. Alles lief prächtig, bis ihm dieser Idiot in den Weg trat. Er hatte versucht mit ihm zu reden, aber der Typ war zu stur. Sie waren im selben Viertel von Beirut aufgewachsen, sie waren auf derselben Schule – und sie hatten sich von Anfang an nicht gemocht. Und plötzlich stand dieser Typ vor ihm und drohte, das ganze schöne Geschäft auffliegen zu lassen – wenn er, Ghassan, ihn nicht beteiligen würde. Als er ihm das Messer zwischen die Rippen schob, war das wie wenn er eine Mücke an der Wand zerdrückte. Er hatte ihn nicht töten wollen; er musste ihn nur irgendwie loswerden. Und jetzt – jetzt war er selber der Gejagte. Sie würden ihn finden und sie würden ihn töten. Und wenn nicht ihn – dann Said, vielleicht sogar Aischa. Alles war auf diesen Punkt zugesteuert. Und nichts und niemand hatte es aufhalten oder verhindern können. Es war etwas in der Welt, das es eigentlich nicht geben sollte, etwas das im toten Winkel lauerte und plötzlich alles verfinsterte.   Am Fenster saß ein Mann mit langen strähnigen Haaren und einem Raubvogelgesicht, neben ihm eine Frau, blond, billig und nervös. Er trug einen dreiteiligen Anzug und eine silberfarbene Krawatte. Der Mann redete auf das Mädchen ein, lächelte und zog seinen rechten Schuh aus. Das Mädchen saugte nervös an einer Zigarette und beugte sich vor. Der Mann strich sich über sein Haar, sein Kopf kippte nach hinten und er lachte. Das Mädchen legte die Hand auf seinen Schenkel. Der Mann fingerte ohne hinzuschauen etwas aus dem Schuh, ließ es zwischen zwei Fingern zittern und legte es auf den Tisch. Das Mädchen küsste ihn auf den Hals. Der Mann im Anzug zog seinen Schuh wieder an und das Mädchen legte mit zitternden bleichen Fingern eine Line auf einen Taschenspiegel den sie aus ihrer schwarzen Lacklederhandtasche gezogen hatte. Der Typ lehnte sich zurück und schloss die Augen. Seine rechte Hand tastete nach dem Nacken des Mädchens. Sie schüttelte sich wie ein Seehund, worauf hin er abrupt aufstand, Ghassan mit blutunterlaufenen Augen fixierte, auf ihn zukam, plötzlich abschwenkte und der Kellnerin die Flasche Whiskey aus der Hand winden wollte. Das Mädchen am Tisch rollte einen Geldschein und sniffte das Zeug. Die Kellnerinnen fingen an zu kreischen. Zwei bullige Typen, die in der Ecke gesessen hatten, sprangen auf und gingen dazwischen. Der langhaarige Mann bekam etwas ab und stürzte. Einer der Typen trat ihm in den Bauch. Das Mädchen am Tisch raffte ihre Tasche und das Päckchen zusammen und rannte raus. Der Typ krümmte sich am Boden und kreischte vor Lachen. Die beiden Männer glotzen sich einen Moment lang ratlos an. Aber der Typ war gespenstisch schnell wieder auf den Beinen, wirbelte um die eigene Achse und verpasste den beiden derart heftige Schläge, dass sie taumelten und in die Tische krachten. Dann warf er den Kopf in den Nacken, richtete sein Jackett und seine Krawatte und ging langsam mit durchgedrückten Knien aus der Bar. Draußen erwartete ihn das Mädchen im grellblauen Neonlicht durch das der Regen schlierte. Und die Beiden zogen ab. Ghassan schaute auf seine Armbanduhr, machte einer der Kellnerinnen, die verschreckt hinterm Tresen kauerten, ein Zeichen, dass er noch etwas bestellen wollte. Der Rapper hatte endlich gefunden was er gesucht hatte: ein Foto auf dem er selbst und ein weißes Mädchen zu sehen war. Er nahm es und zerschmetterte es an der Wand.   Auf der Zimmerdecke wanderten die Schatten der Jalousie. Harriet atmete ruhig. Von irgendwoher Polizeisirenen und das dumpfe Schleifen des Aufzugs. Sie schlief. Said stand auf, ging ans Fenster, schob den Vorhang zur Seite und schaute in das dichte Netz des rauschenden Regens.   Ghassan stand im Schatten einer Säule der Hochbahn. Said erkannte ihn an seiner unverwechselbaren Art wie er sich mit der Schulter abstieß und langsam mit wiegenden Schritten auf ihn zukam.             „Endlich“, sagte Ghassan. Said schaute sich um. Vor einem bunkerartigen Gebäude auf der gegenüber liegenden Seite der Straße standen Leute, paarweise und in größeren Trauben und warteten. Eine schwerflügellige Eisentür ging von Zeit zu Zeit auf, laute elektronische Beats dröhnten heraus, ein schwarz gekleideter Hüne winkte ein paar Leute an sich vorbei, Qualm wehte heraus, wurde von vorbeifahrenden Autos verwirbelt – und die Tür fiel wieder zu.               „Gehen wir ein paar Schritte“, sagte Ghassan. Sein Blick scannte die Gegend ab. Er zündete sich eine Zigarette an und rauchte gierig.             „Gibst du mir auch eine?“ fragte Said. Das Streichholz zitterten in Ghassans Fingern.             „Erinnerst du dich an den Abend als wir raus schwammen,“ fragte Ghassan, „und dieser kleine Hai auftauchte, der anfing mit uns zu spielen?“             „...und mir die Beine zitterten, am Strand,“, sagte Said, „und ich mich hinlegen musste....“             „Exakt -  und wie du dann beim Essen erzählt hast, dass ich den Hai bei den Kiemen gepackt habe und er abdrehte....“             „Und wie Aischas Augen geleuchtet haben....“             „Und jetzt musst du den Hai bei den Kiemen packen.“             „Wie ist die Sache passiert?“             „Das ist doch vollkommen egal, Mann.“             „Warum hast du den Typen erledigt?“ Ghassan blieb an einer Säule stehen und schaute Said an. Sein Gesicht war so bleich wie die Taubenscheiße die an dem schwarzen Metall der Säulen klebte, und seine Augen waren schwarz und glänzend wie Teer.             „Weil er den Propheten beleidigte, Mann: er hat den Propheten beleidigt, dieses kleine schwule Schwein! Ein Moslem der den Propheten beleidigt – das muss man sich mal vorstellen! Und das Arschloch war ein Moslem – genau wie ich! Und er war schwul – und drittens stand er mir einfach im Weg. Und ich sag dir: als ich ihm das Messer zwischen die Rippen steckte, da war das Weiß seiner Augen plötzlich so weiß wie seine Unschuld nie gewesen war, ein einziges Mal in seinem verschissenen Leben.“             „Sein Name?“             „Ein Typ wie der hat keinen Namen. Der hat nicht mal einen Körper, der hat keine Identität.“             „Gehörte er zu der Familie?“             „Na und?!“             „Bruder – ich bin raus aus diesen Sachen.“             „Willst du Kokain?“             „Her damit.“             „Ich hab auch Ketamin – hast du das schon mal probiert?“ Ghassan schüttete Said das Pulver in die hohle Hand. Said schnupfte es auf und leckte den Rest ab. Ghassan legte ihm den Arm um die Schulter. Er fühlte sich groß wie in alten Zeiten. Er hatte einen Mann getötet – und seinem großen Bruder Kokain gegeben. Einen Moment lang strahlte sein bleiches Gesicht im Dunkeln auf und ein entspanntes Grinsen machte sich auf seinen Lippen breit:             „Du bist mein Bruder.“             „Klar.“             „Du musst mir helfen.“             „Wie kann ich dir helfen, Bruder?“             „Wir legen sie um. Sie werden kommen um mich umzulegen. Und dann legen wir sie um. Ganz einfach.“ Saids Handy klingelte. Er holte es aus der Tasche und nahm den Akku raus. Ein Krankenwagen fuhr mit heulenden Sirenen vorbei. Das gleißende Blau seiner Lampen peitschte über die Fensterscheiben der Häuser.             „Gib mir noch was“, sagte Said.             „Gern, Bruder“, sagte Ghassan, „ich hab soviel von dem Stoff wie der Weihnachtsmann der Christen.“     Hunter fragte den Taxifahrer ob er ihn auf einen Drink einladen dürfte. Der Taxifahrer parkte den Wagen. Die Beiden gingen in eine Bar und bestellten Bier. Es war gut mit jemandem zu reden den man nie wieder sehen würde. Der Junge war mit den Nerven runter. Seine Freundin hatte ihn verlassen und er war an diesem Abend drauf und dran gewesen sich mit seinem Taxi in einen Kanal zu stürzen, was er offensichtlich nicht getan hatte.             „Warum?“ fragte Hunter.             „Weil ich ein Feigling bin“, sagte der Taxifahrer.             „Man ist kein Feigling nur weil man sich nicht umbringt“, sagte Hunter.             „Das sagt sich so leicht wenn man so alt ist wie Sie.“             „Ich bin so alt – dass ich nicht mehr so genau weiß was Mut ist“, sagte Hunter. Der Taxifahrer lächelte. Seine Augen passten nicht zu seinem Gesicht. Sie waren wie Sterne einer fernen Galaxie. Er drehte einen Joint.             „Du hättest dich mit mir in den Kanal stürzen können“, sagte Hunter.             „So ist es besser“, sagte der Taxifahrer. Sie rauchten den Joint.   Hunter sagte dem Taxifahrer dass er warten solle. Er stieg aus und ging ein paar Schritte ins Gebüsch. Er übergab sich und hielt sich dabei an einem Baum fest, und er redete mit dem Baum: „Es ist vorbei, mein Freund – und du wirst mich überleben – das ist dein gutes Recht – deine Wurzeln gehen tiefer als meine – deine Blätter sind der Sonne näher als meine Lungen – ich werde es nicht mehr schaffen – see You later.“ Und er tätschelte den Baumstamm. Als er sich umdrehte sah er dass ein Polizeiwagen neben dem Taxi stand.             „Sie sehen doch, dass es meinem Fahrgast nicht besonders gut geht“, sagte der Syrer. Der Polizist stieg aus und beugte sich runter zum Fenster des Taxis. Dann tauchte das Gesicht des Polizisten wieder auf und er sagte:             „Aber Sie können hier nicht stehen bleiben, ist das klar?“             „Selbstverständlich bleibe ich hier nicht stehen“, sagte der Taxifahrer, „da kommt er schon.“ Hunter wuchtete sich aus dem Gebüsch und stützte sich auf das Dach des Taxis. Der Polizist schaute ihn mit kalten Eidechsenaugen an und sagte:             „Fahren Sie also bitte weiter. Und gute Besserung.“             „Alles in Ordnung?!“ fragte der Taxifahrer. Er kaute an etwas das aussah wie ein kleiner Brickett.             „Warum sollte irgendetwas nicht in Ordnung sein“, sagte Hunter und stieg ein.             „Ich habe einen großen Teil meiner goldenen Jahre damit verbracht darauf zu lauern, die Frau zu lieben die ich begehrte“, sagte Hunter.             „Etwas besseres kann einem gar nicht passieren“, sagte der Taxifahrer und fuhr langsam los.             „Auch wenn ich nicht immer zum Zug kam ....“             „Was meinen Sie werden Sie im Augenblick Ihres Todes vom Leben denken?“ fragte der Taxifahrer.             „Dass ich sie nicht oft genug geliebt habe.“ Der Taxifahrer bog in die Straße des 17. Juni ein.             „Ich werde das Gleiche denken.“             „Und Sie werden sich nicht mehr umbringen?“             „Vorläufig nicht“, sagte der Taxifahrer und zündete sich eine Zigarette an.             „Erzählen Sie mir von ihr“, sagte Hunter.             „Das kann ich nicht.“             „Warum nicht?“             „Weil ich nichts über sie weiß.“             „Das glaube ich Ihnen nicht.“             „Ihre Art zu gehen....“             „Kenne Sie die Geschichte vom Wilczitzer Rabbi?“ fragte Hunter. „Der konnte nämlich, jedenfalls behauptete man das, Blinde sehend machen. Eines Tages ging ein Jud, eine grüne Sonnenbrille auf den Augen und einen Taststock in der Hand, auf der Landstraße nach Wilczitz. Da kam ihm ein andere Jude entgegen: Was ist denn geschehn mit deinem Augenlicht?, fragt der. Ich geh nach Wilczitz zum Rabbi, sagte der Jud. Was! – bist du geworden blind? fragte der andere. Ich bin nicht geworden blind, sagte der Jud. Wenn du nicht geworden bist blind – warum gehst du dann zum Rabbi? fragte der andere. Vor ihm werde ich blind sein, sagte der Jud.“             „Wo soll ich Sie jetzt hinfahren?“, fragte der Taxifahrer, nach einiger Zeit.              „Nach Hause“, sagte Hunter.             „Nach Hause gehen kann man immer, sag ich Ihnen – aber es lohnt nicht.“     Eine Horde von Bar-Crawlern kam aus dem Dunkeln, wälzte sich unentschlossen über die Straßenkreuzung, sammelte sich vor dem Eingang eines Clubs und sickerte das schwarze Haus ein. Es saugte sie auf wie ein Schwamm. Ein paar von ihnen blieb vor der Tür. Sie tranken ihre Flaschen leer, stellten sie säuberlich an der Hauswand ab und gingen, einer nach dem andern, auch hinein. Harriet saß auf einer Bank auf der gegenüberliegenden Straßenseite und schaute zu. Sie hatte den ganzen Abend versucht Said zu erreichen. Jetzt stellte sie ihr Handy ab und steckte es in die Tasche. Der Sommer ging zuende. Ein leichter Nebel hing um die Lichter und die Scheiben der Straßenbahnen waren von innen schon beschlagen. Es war, wie immer, zu früh zum Schlafen und zu spät für jede Konzentration. An einer Ampel staute sich die gleichmäßig strömende Menge der Passanten. Ein paar von ihnen bewegte sich schneller, obwohl niemand über die Straße ging. Schreie gellten herüber. Leute machten schneller Schritte von eine, turbulenten Zentrum weg und gaben den Blick frei auf zwei Hunde die sich ineinander verbissen hatten, ein gescheckter Yorkshire-Terrier hielt den Vorderlauf einer kleinen Bulldogge zwischen seinen Kiefern und ließ nicht mehr los. Die kleine Dogge jaulte und stemmte sich gegen den Terrier, aber sie hatte keine Chance. Die Halter der Hunde zerrten an den Leinen, schrieen aufeinander ein und versuchten vergeblich die Tiere auseinander zu kriegen. Der unterlegene Hund heulte ganz fürchterlich. Einige Passanten gingen weiter und schauten sich noch ein paar mal um. Ein Motorradfahrer hielt, stieg ab, bahnte sich, ohne seinen schwarzen Spacehelm abzunehmen einen Weg zu den Hunden, packte mit seinen behandschuhten Hände die Kiefer des Terriers und stemmte sie langsam auseinander bis der Vorderlauf der Dogge frei war. Dann ging er ohne ein einziges Wort zu seiner Maschine zurück und fuhr weg. Harriet stellte das Handy wieder an, ging über den Platz, vorbei an der Gruppe, die weiter keifte. Die kleine Dogge hielt ihren blutigen Lauf eng an den zusammengekrümmten Körper gezogen und schaute mit panisch herausgedrehten Augen in die Runde. Harriet bog in einen blau beleuchteten Hauseingang über einen Hinterhof, entlang einer Lichtgirlande, in einen zweiten Hinterhof, eine kleine Treppe hinauf und klingelte. Dir Tür ging einen spaltbreit auf und ein langhaariger Mann starrte sie aus tief liegenden schwarzumränderten Augen an.             „Komm rein“, sagt er und machte ihr Platz. Sie setzte sich auf einen Barhocker und bestellte einen Martini. Sie wartete und sah diesen Mann, der in Begleitung zweier Mädchen in der Ecke neben einer Vitrine mit einem in einer galertige Flüssigkeit eingelegten periodisch zuckenden Monster saß und sie anschaute wie ein Baby seine Mutter nach seiner Geburt. Es gab keine Möglichkeit diesem Blick auszuweichen, er war diskreter als der Blick eines Gottes vor der Kreation der Welt – und desillusionierender als der Blick eine Gottes nachdem der das Interesse an seinem gescheiterten Zeitvertreib verloren hat. Harriet sah zu dem Mädchen, das mit ihm zu tun hatte. Aber es war nichts neben ihm. Die Banalität ihres Gesichts war erschreckend brutal und tückisch. Er musste seine Gründe haben mit einem Monstrum wie ihr aufzutreten. Er lehnte sich zurück, klappte seinen schwarzen Ledermantel  auf, ließ seine silberne Gürtelschnalle sehen und ignorierte Harriet. Sie nahm einen Schluck von ihrem Martini und dachte an Said, den sie für den hielt, den sie liebte. Er war es der sie jederzeit und überall haben und sie bestellen konnte wohin auch immer. Aber er war nicht da und seine Abwesendheit sprach gegen ihn. Während der Typ mit den beiden Mädchen sie hypnotisch fixierte als ob sie seine Lieblingsserie im TV wäre. Harriet ignorierte ihn und fing ein Gespräch mit dem tschechischen Kellner über Franz Kafka an; es gab jetzt die erste Gesamtausgabe in tschechischer Sprache. Harriet fragte sich ob Kafka tatsächlich eine Rolle in ihrem Leben spielte und kam zu dem Schluss dass das nicht eigentlich der Fall war. Aber genau genommen gab es auch keinen sonst, der diese Rolle übernehmen konnte.             „Wartest du auf jemanden?“ fragte der Kellner.             „Könnte schon sein“, sagte Harriet, holte ihr Handy aus der Tasche und stellte es wieder an. Ein paar Touristen kamen herein und bestellten Caipirinhas. Der Tscheche bediente sie von oben herab und ausgesprochen höflich. Der Typ mit den Mädchen stand auf und kam zu ihr. Das erste was sagte war Hey.             „Tun Sie mir den Gefallen“, sagte der Kellner bevor Harriet reagieren konnte, „und lassen Sie das, sie gehört nämlich zur denkenden Klasse - im Gegensatz zu Ihnen, wenn Sie verstehen was ich meine.“             „Kann mich nicht erinnern dich nach deiner Meinung gefragt zu haben“, sagte der Typ.             „Kann ich auch nicht“, sagte der Kellner, „aber woran ich mich erinnere ist dass Ihre Girls dort auf Sie warten.“             „Halt dich da raus wie aus einer Sache die dich absolut nichts angeht“, sagte der Typ.             „Sie verstehen mich falsch“, sagte der Kellner, „ich misch mich nicht ein, ich stelle nur ein paar Tatsachen fest, die ich in meiner Eigenschaft als Barkeeper nicht übersehen darf.“             „Darf ich Dich zu einem Drink einladen?“ sagte der Typ zu Harriet und ignorierte den Kellner.             „Ich werde das entscheiden“, sagte Harriet, „wenn ich meinen ausgetrunken habe.“             „Ok – und wenn du den dann ausgetrunken hast, überleg dir ob du zu uns rüberkommen willst – oder dich weiter mit diesem Haremswächter langweilen willst. Ich heiße James, James Yillah.“             „Mein Name ist 11“, sagte Harriet, „-4711.“ James lachte – und es war nicht zu erkennen ob aus Ver- oder aus Überlegenheit, verbeugte sich, machte kehrt und ging zu den Mädchen zurück. Als er sich setzte schwang sein schwarzer Ledermantel um ihn wie die Flügel eines Rochens. Harriet zündete sich eine Zigarette an und schaute in ihr Glas. In diesem Moment surrte ihr Telefon: Aischa.             „Weißt du wo Said ist?“ ihre Stimme klang wie von sehr weit her, weiter weg als jeder vorstellbarer Ort.             „Das würde ich auch gern wissen“, sagte Harriet.             „Weißt du was passiert ist?“             „Sag´s mir.“             „Wo bist du?“             „Nicht da wo er ist.“             „Wo ist er?“             „Ich weiß es nicht.“             „Was ist passiert?“             „Ghassan hat mich angerufen und mir gesagt dass er einen umgebracht hat.“             „Wer – wer hat einen umgebracht?“             „Ghassan.“             „Wo ist Said!?“             „Bei Ghassan.“             „Und wo ist Ghassan?“             „Bei Said.“             „Und was machen die beiden?!“             „Scheiße!“             „Was soll das heißen – Scheiße?!“ In diesem Moment kam James an die Theke. Er bestellte Drinks. Eine seiner Freundinnen kam ihm nach und fing an zu tanzen. James reichte ihr ein Glas. Sie schlug es ihm aus der Hand. Der Kellner hob seine tschechischen Augenbrauen und warf sein Wischtuch nonchalant über die Schulter.             „Wo bist du?“ fragte Harriet.             „Wo bist du?“ fragte Aischa.             „Eschloraque – eine Bar, weißt du wo das ist?“             „Am Hackeschen Markt?“             „Komm her!“             „In zehn Minuten bin ich da.“             „Beeil dich!“ sagte Harriet und legte auf. Jim stand neben ihr:             „Ich weiß nicht mit wem du sprichst“, sagte er, „ aber ich weiß, dass ich mit dir sprechen wollte seitdem ich auf dieser Welt bin.“             „Sprich“, sagte Harriet. Jims Gesicht war das eines jungen Römers. Seine schwarzen Locken hingen in seine Stirn wie ein Baldachin, seine Haut war weiß von einem gespenstischen Blau unterspült und seine Lippen waren zu einem Kuss geladen. Und das schlimmste war: er meinte es ernst.             „Nicht wir finden den Sex“, sagte er, „der Sex findet uns.“ Der tschechische Kellner stellte den Mixer an, der eine Unterhaltung fast unmöglich machte. Das zweite Mädchen im Hintergrund stand auf und warf sich seine Militaryjacke über die Schulter. Jim drehte sich um, zischte etwas in ihre Richtung – und das Mädchen sackte in ihren Sessel zurück.             „Das klingt doch viel zu gut um von dir zu sein“, sagte Harriet, „too cheap to be true. Hör mal zu: ich liebe die Frauen, verstehst du? Mich machen auf diesem Planeten nur Frauen an – und ich warte gerade auf ein außerordentlich reizendes Exemplar.“ Jim verbeugte sich wie ein Gentleman und zog sich zurück.   Sie waren weit gegangen, fast bis zum Kottbusser-Tor. Ghassan schaute sich immer wieder um ob sie nicht verfolgt würden. Sie rauchten Zigaretten und redeten und manchmal kam es Said vor als ob sie über die Hafenpromenade von Beirut gingen, damals als sie sich abends davongestohlen hatten und erst spät nach Mitternacht nach Hause gekommen waren. Said versuchte zu rekonstruieren wann er sich von Ghassan entfernt hatte, wann sie sich aus den Augen verloren hatten und ihm wurde plötzlich klar wie sehr sein kleiner Bruder darunter gelitten hatte. Es war immer das Gleiche, man wandte sich von jemandem ab und behielt ihn in Erinnerung so wie er war als man das Interesse an ihm verloren hatte. Später dann, sehr viel später, war es dann zu spät. Zu viele Ressentiments hatten sich im Lauf der Jahre aufgestaut, und der Bruch der damals nicht stattgefunden hatte knallte plötzlich wie ein Peitschenschlag.             „Was rätst du mir?“ fragte Ghassan. Said zögerte, aber es gab keinen Grund zu zögern. Er wusste dass es für Ghassan ein vollkommenes Scheitern bedeute. Er hatte versucht in Deutschland Fuß zu fassen. Und es wäre ihm fast gelungen. Aber sein Temperament war mit ihm durchgegangen.             „Geh zurück nach Beirut und tauch unter. Hier bist du geliefert. Wenn dich die Polizei nicht auftreibt, dann werden es seine Leute sein, die Leute von dem Mann den du gekillt hast – und die werden dich erledigen, das weißt du genau so gut wie ich.“             „Und wenn sie mich nicht schnappen – dann dich“, sagte Ghassan mit trockener Stimme.             „Und wenn nicht mich – dann Aischa.“ Eine zeitlang gingen sie schweigend nebeneinander her. Ghassan wechselte abrupt die Richtung und ging auf die Straße. Reifen kreischten, Hupen schrillten. Ghassan stand mitten auf der Straße mit erhobenen Armen, sein Gesicht zum Himmel gereckt. Ein Fahrer stieg aus seinem Wagen und kam auf Ghassan zu. Ghassan wich ihm aus, sprang auf das Dach seines Autos und brüllte wie ein Stier in den Nachthimmel. Dann sprang er katzenartig geschickt auf das Dach eines anderen Wagens, federte auf einem dritten ab und verschwand im Dunkeln. Said ging weiter als ob nichts passiert wäre. Er bog in die Dresdener  Straße und wartete an einer Dönerbude ob Ghassan sich wieder sehen ließ. Aber er wartete umsonst.   Als Aischa hereinkam kickte der tschechische Kellner gerade die Glasscherben weg. Aischa nahm eine Blume aus der Vase die auf der Theke stand, umarmte Harriet, hielt die Blume vor ihr Gesicht und drückte ihre Stirn an die Harriets. Der bittere Duft der Blume war zwischen ihnen. James saß zwischen seinen beiden Freundinnen und behielt Harriet im Auge.             „Wo ist Said?“ fragte Harriet.             „Er hat sich mit Ghassan getroffen – und dann den Akku aus seinem Handy genommen.“             „Wen hat Ghassan umgebracht?“             „Ich weiß es nicht“, sagte Aischa und kämpfte mit den Tränen, „irgend einen Idioten der sich mit ihm angelegt hat.“             „Und Said soll ihm jetzt helfen...“             „Said hilft immer allen...“, sagte Aischa, „und das ist sein Fehler.“             „Trink was“, sagte Harriet. Aischa bestellt sich einen Tee. Und erst jetzt bekam Harriet Angst um Said, eine Angst die sie fast zusammenbrechen ließ. Said war wie ein Kiesel am Grund eines Baches: das Wasser rieselte über ihn weg, aber er war immer zu sehen. Sie sah sein Gesicht vor sich in den Zügen Aischas und es war etwas in dem Gesicht seiner Schwester das sich davon abhob wie ein geisterhaftes Grinsen das sie abstieß und anlockte.             „Kann ich irgendetwas tun?“, fragte sie. Aischa zuckte mit den Schultern und starrte ins Leere.             „Ich war den beiden immer ausgeliefert. Ich wusste nie was sie wirklich dachten. Aber ich wusste dass es irgendwann genau darauf hinauslaufen würde“, sagte Aischa. „Wenn der den Ghassan getötet hat der Familie angehört mit der unsere Familie seit Ewigkeiten, seit zwei Generationen, im Streit liegt – dann ist er verloren, dann werden sie ihn finden und töten. Und wenn sie ihn nicht finden, dann werden sie einen anderen von uns umbringen. Die zweite Wahl ist der Bruder. Die dritte – come on.“             „Aber Said hat mit der ganzen Sache doch gar nichts zu tun“, sagte Harriet und wusste sofort wie idiotisch es war so etwas auch nur zu denken. Aischa schaute sie an und nahm einen Schluck von ihrem Tee:             „Das spielt keine Rolle.“   Said ging unter der Hochbahn zurück zu seinem Wagen. Es hatte angefangen zu nieseln. Vor dem Club standen immer noch eine Menge Leute. Die Eisentür stand jetzt offen und der schwarz gekleidete Hüne rauchte und redete mit einem kahl rasierten hochgewachsenen Mädchen das sich an ihn schmiegte und an seinem Joint saugte. Said ging über die Straße. Der Hüne stellte sich ihm schwerfällig in den Weg und war kurz davor, ihm an die Schulter zu tippen. Er trug schwere Silberringe mit stilisierten Totenschädeln. Said schaute ihm direkt in die Augen ohne zu lächeln. Das breite flächige Gesicht des Hünen spannte sich und bekam einen suchenden Blick der auf schnelle Entscheidungen trainiert war: er ließ Said mit einem unmerklichen Nicken an sich vorbei. Er hatte das Pistolenhalfter unter Saids Jackett nicht bemerkt. Said ging durch einen feuchtwarmen mit Plakaten beklebten Gang. Im Halbdunkel standen ein paar erschöpft aussehende Mädchen mit bleichen Gesichtern herum und saugten an Plastikflaschen. Dumpfe massive Beats dröhnten wie von weit her aus dem Inneren Kern des Gebäudes. Jemand machte eine Tür vor ihm auf und die schiere Wucht der Musik penetrierte ihn wie eine Infusion. Said ging eine kleine Metalltreppe hinauf, über eine Balustrade aus schweren Eisenrosten und schaute hinunter in die von grauen und weißen Laserstrahlen gepiercte Tanzfläche. Die Musik kam aus enormen Lautsprechern die an schwarzen Eisenträgern von der hohen Decke hingen. Der würfelförmige Raum hatte schwarze Wände und war kaum beleuchtet. Auf einem Gerüst, vielleicht einen halben Meter über den Köpfen der Tanzenden stand der DJ, eine hochgewachsene schlanke Frau mit kurzem blondem Haar, verkabelt mit ihren Maschinen. Die Musik war kalt und repetitiv, ein hämmernder Beat in endlosem loop in dem undeutlich eine melodiöse Frauenstimme schlierte. Auch auf der gegenüberliegenden Balustrade tanzten sie und es lösten sich immer wieder einzelne ab, tanzten die Treppe hinunter und verloren sich in der frenetisch zuckenden und pumpenden Menge im achromatischen Laserlicht. Diese Musik war nervtötend in ihrer maschinenhaften Härte. Aber sie ging einem ins Blut, ins innerste Mark der Knochen – und dort schien es Rezeptoren zu geben die solche Musik brauchten und sie vermissen würden, sollte sie jemals wieder aufhören. Aber diese Musik war nicht auf ein Ende hin konzipiert. Sie dehnte die Wahrnehmung in die Unendlichkeit aus, exzerpierte das Bewusstsein und ließ es in sich selbst pulsieren, wie ein Vampyr das dich aussaugte und selbst immer größer wurde und dich auf ihm reiten ließ in strahlendem unsichtbarem Licht. Er konnte die Leidenschaft des Körpers spüren, seinen gefräßigen Drive, verloren in geologischen Zeit, die Poesie und die Chemie seines Anfangs im glühenden Staub alter explodierender Sterne. Ghassan würde sich wieder bei ihm melden. Und dann musste er sich entscheiden. Er fühlte sich seltsam frei jetzt, da ihm diese Entscheidung aufgezwungen war.     Hunter stand am Fenster seines Hotelzimmers. Er war an einem spirituellen Nullpunkt; aber der Nullpunkt war der Anfang von allem. Nur, für einen Neuanfang war es zu spät. Werner hatte angerufen und sich nach seinem Gesundheitszustand erkundigt. Hunter hatte ihn angelogen. Die Finanzierung des Films stand. Werner wollte die Probeaufnahmen mit Harriet sobald wie möglich sehen. Er war natürlich skeptisch eine derart wichtige Rolle mit einer völlig unerfahrene Schauspielerin – sie war noch nicht einmal das in seinen Augen – zu besetzen. Aber er hatte sich von Hunter überzeugen lassen. Hunter konnte sehr überzeugend sein in solchen Sachen. Aber er traute seinem Instinkt, der ihn sein Leben lang nie verlassen hatte, nicht mehr auf der ganzen Linie. Es war erbärmlich – der körperliche showdown relativierte selbst die verlässlichsten Charaktereigenschaften eines Menschen. Hunter zündete sich eine Rothmanns an und schaute auf die Stadt. Dieser junge Araber für den Harriet offenbar entbrannt war spielte sie ihm in die Hände; er versetzte sie in diesen kritischen illuminierten Zustand der sie für die Rolle prädestinierte, mehr als das irgendein Star jemals sein konnte – und sie waren bereits in Verhandlung mit Scarlett Johannson – oder vollkommen unbrauchbar machen würde. Harriet hatte vom ersten Moment an dieses Sie-und-keine-Andere-Gefühl in ihm ausgelöst. Sie hatte ihm einen schockartig tiefen Blick für diese Story verschafft, für das was man das unbeschreibliche Fluoreszieren nennen konnte, das eine Frau für einen Mann der wie Zeno Cosini ein Gefangener seiner infantilen Sensibilität war unwiderstehlich machte. Es war – und darüber täuschte er sich wie über so vieles andere nicht mehr hinweg – eine späte Liebe die er in diesen Film der sein letzter sein würde hinein retten musste. Billy Wilder hatte in dieser Stadt gedreht als sie am Boden zerstört war. Er, Hunter Lee Grant, würde in diesem Berlin 2008 drehen wenn er selbst am Boden zerstört sein würde. Werner wusste das und vertraute ihm. Er widerstand der Versuchung ihn noch einmal anzurufen und ihm für dieses Vertrauen zu danken. Werner hatte eine Neigung dazu früh schlafen zu gehen, wie alle Produzenten. Aus irgendeinem Grund dachte er daran wie er vor fast vierzig Jahren als junger Mann auf dem Balkon eines kleinen Hotels in einem Bergdorf auf Naxos gesessen und die gellenden Schreie der jungen Leute vom Dorfplatz gehört hatte, die als Echo von den Bergen zurückhallten als wildes unsterbliches Leben. Während Zinaidas leises braunes usbekisches Schnarchen mit dem Zirpen der Grillen eins wurde. Zinaida, die wenn sie noch lebte, irgendwo in den Weiten Asiens in ihren verflatternden Träumen vielleicht noch manchmal an ihn dachte wie an eine alte fast schon vergessene Melodie die einmal der gellende Hymnus der Liebe gewesen war. Und einen Moment lang phantasierte sein Hirn über das Thema der Möglichkeit sie ausfindig zu machen, sofort einen Flug im Internet zu buchen, ein Taxi zu nehmen, an ihrer Tür zu klopfen, vor ihren alten erschrockenen Augen in die Knie zu gehen und mit ihr zu Staub zu zerfallen. Es gab eine alte Geschichte von einem deutschen Schriftsteller, Herder vielleicht. Da ging ein junger Bergmann morgens von seiner Geliebten weg zur Schicht in den Schacht. Und sie hatte ihm ein rotes Halstuch umgebunden und zum Abschied geküsst, denn an diesem Tag sollten sie heiraten - und an diesem Tag ging er in einem schlagenden Wetter verschütt. Und sechzig Jahre später stießen sie in einem toten Flöz auf den damals Verschütteten. Und er war in tonsaurer Erde konserviert und jung wie am Tag seines Todes. Und ächzend kniete sich seine alte Geliebte nieder und löste das rote Halstuch vom Hals und küsste ihn auf den süßesten Mund. Drunten auf der Kreuzung am Potsdamer Platz wälzte sich der Verkehr. Ahnungslos die Menschen in den Autos und auf den Gehsteigen, keiner von ihnen würde jemals etwas wissen von diesen Dingen. Das war der einzige Sinn von Dichtung: der Spiegel des Spiegels endgültigen finalen Verlustes. Wie diese andere von der Harriet gesprochen hatte, die sie die dritte Person genannt hatte – so war Aischa für ihn: sein anderes Ich, das verlorengegangen war.   Der Wecker riss Harriet aus dem Schlaf. Sie tastete neben sich, ihre Finger streichelten ein Gesicht das ihr vertraut war. Sie lächelte, mit geschlossenen Augen. Aber die plötzlich einsetzende Erinnerung stellte alles klar. Aischa wachte auf und schaute sie aus nachtschwarzen Augen an. Auch sie war verwirrt, lächelte verlegen und zog das Laken über ihre Brüste. Wie gerne dachte Harriet, würde ich noch einmal neben Julia aufwachen und sie auf den noch schlafwarmen Mund küssen und auf der Partitur ihrer Träume hinunter wandern zu ihrem sanftesten Traum. Harriet stand auf und machte Tee für Aischa. Sie musste sich beeilen um rechtzeitig im Studio zu sein. Sie brachte Aischa den Tee ans Bett und bat sie in der Wohnung zu bleiben und ihr Handy angeschaltet zu lassen. Dann ließ sie ihr ein Bad einlaufen und ging. In der U-Bahn studierte sie die Szene die gedreht werden sollte: Sie war mit Zeno allein im Zimmer, sie warteten auf ihre Schwester. Sie wollten zu dritt ausgehen, ins Kino und dann auf einen Drink in die Paris-Bar. Augusta brauchte, wie immer sehr lange um sich zurecht zu machen. Zeno wich ihrem Blick aus und suchte ihn doch verstolhen. Er erzählte die Geschichte von seinem misslungenen Entzug. Aber es war als ob sie ein anderer erzählte – und er wie im Schlaf ununterbrochen murmelte: ich liebe dich, ich liebe dich. Sie hätte ihn gerne getröstet, ihn aufgeweckt und ihm gesagt wie sinnlos die Szene war, wie absurd, anzunehmen dass sie es wäre die er meinte. Aber die Unwirklichkeit der Szene machte ihr Angst. Zeno erzählte von Krankenschwestern und abgesperrten Türen – während der Unterstrom seines notorischen Liebesgemurmels sie tiefer und tiefer einlullte und hinunter zog zu seinem verrückten Herz in dem ein Bild von ihr delirierte und sich langsam materialisierte wie der Geist eines Zombies. Sie ging auf und ab, schaute aus dem Fenster, bog ihren Ringfinger bis er knackte und sagte schließlich: „Wann kommst du denn endlich! Verdammt nochmal – wir warten, Alberta!“ Der Junge mit der Baseballkappe der ihr gegenübersaß nahm seinen Ohrhörer ab und schaute sie mit einem schrägen Grinsen an: „Wat ham´se jesacht?! Wat soll ich machen, hey?“ Harriet stand auf und stellte sich an die Tür. In dem Moment klingelte ihr Telefon: Hunter.             „Bin in zehn Minuten im Studio, bin unterwegs“, sagte sie.             „Alright.“ Seine Stimme klang wie eine gestrichene Basssaite. Harriet dachte an einen hellbraun gerösteten Toast mit Butter und Ahornsirup. Der Junge mit der Baseballmütze stöpselte sich den Kopfhörer wieder rein und deutete ein paar Wichsbewegungen an. Ein zweiter Anruf. Aber zu hören war nur ein Rauschen und Stimmen in einer Sprache die arabisch klang. Die Nummer war unterdrückt.   Said zog seine Schuhe aus und stellte sie in ein Holzregal. Das kalte Neonlicht, die grellbunten industriell gefertigten Devotionalien, die ganze künstliche Atmosphäre spiritueller Heimat in der Diaspora. Das war exakt die Situation die er, seitdem aus Beirut weggegangen war, gefürchtet hatte: in einer Zwangslage mit einem dieser sogenannten heiligen Männern reden zu müssen. Ghassan hatte ihm den Namen und die Adresse des Shaikhs genannt und ihn gebeten bei ihm vorzusprechen. Said wurde erwartet. Ein Junge mit kahl rasiertem Schädel und blutroten Lippen in einem schwarzen kragenlosen Hemd das ihm bis zu den Fußknöcheln reichte begrüßte ihn mit der unverwechselbar lässigen Arroganz mit der der gescheiterte verlorene Sohn in Empfang genommen wird. Said folgte ihm durch ein Zimmer in dem Matten und Kissen am Boden arrangiert waren, die Abdrücke von eben Gegangenen waren noch zu sehen, zwei halb ausgetrunkene Teegläser standen auf einem Aluminiumtisch. In der Ecke lief ein Fernseher ohne Ton. Der Junge ließ ihn mit einer Verbeugung an sich vorbei in ein Zimmer, in dem eine blaue Glühbirne von der Decke hing. Said brauchte einige Zeit bis sich seine Augen an die Dunkelheit gewöhnten. Der Geruch von Zitronenwasser hing in der abgestandenen Luft. In der Mitte des Raums direkt unter der blauen Glühbirne saß ein Mann an einem niedrigen Tisch, die rechte Hand auf seinem Knie, die Linke auf einem Kissen neben sich, den Kopf zwischen den Schultern eingesunken, wie ein Raubvogel schlafend in seinem Nest: ein Greis der das Ei des Todes ausbrütete. Said wollte sich eben umdrehen und gehen um den Schlafenden nicht zu stören, als der den Kopf hob, seinen Oberkörper straffte und, ohne den Anschein einen Überraschungseffekt machen zu wollen seinen Gast mit einer eleganten Geste zum Platznehmen aufforderte. Das alles konnte eine kalkulierte Pose sein, aber die so plötzlich wache und straffe Physis dieses Mannes manifestierte einen Ernst der jede Schauspielerei ausschloss.             „Dein Bruder Ghassan ist da in eine schlimme Sache verwickelt...“, sagte er mit einer weichen melodischen Stimme, die für die Rezitation von Ghazelen und Koranversen gemacht war. Said überraschte die Jugendlichkeit dieses Gesichts. Dieser Mann war noch keine dreißig. Seine starken Augenbrauen würden in weiteren dreißig Jahren buschig sein und ein dann vielleicht nicht mehr existierendes Feuer überschatten. Sein hageres Gesicht mit den hohen Wangenknochen und den weit auseinander stehenden großen Augen von undefinierbarer Farbe war gierig und wach wie das eines Junkies der dringend einen Schuss brauchte. Kindlich entzückt schaute er Said an wie einen lange erwarteten Freund. Und wenn seine Hand mit den gepflegten Fingernägeln näher gelegen hätte – Said hätte sie genommen und sie geküsst.             „Er hat mich gebeten“, sagte Said,“ mit dir zu reden. Ich muss zugeben, ich weiß nicht warum.“             „Seit wann lebst du in Deutschland?“             „Seit fast fünfzehn Jahren.“             „Lebst du allein?“             „Ja.“             „Womit verdienst du dein Geld?“             „Ich bin ein Geschäftsmann.“             „Welches Business?“             „Kommunikation.“ Der Shaikh ließ den Kopf sinken und schwieg. Durch das offene Fenster waren Stimmen von der Straße zu hören, Lachen, Geschrei. Eine Aura von unheilbarer Depression ging von diesem Mann aus. Minuten vergingen und er regte sich nicht. Said wollte schon aufstehen und wortlos gehen, als der Shaikh plötzlich fragte:             „Was versteht man hier im Westen unter Kommunikation - die Technologie oder die Botschaft?“ Said war so überrascht dass er sekundenlang keinen klaren Gedanken fassen konnte.             „Hat Gott“, sagte der Shaikh und legte seine beiden hageren Hände flach auf den Tisch, „hatte Gott diese Technologie nötig um in die Herzen der Menschen schauen zu können?“             „Er nicht – aber die Menschen“, sagte Said – und kam sich vor wie ein Schuljunge, der eine ausweichende Antwort auf eine Frage gibt, die er nicht ganz verstanden hat.             „Richtig – sie brauchen Hilfe, sie haben all diese Hochtechnologie nötig um ihre elementarsten Bedürfnisse zu befriedigen. Aber was sind ihre elementaren Bedürfnisse eigentlich?“             „Liebe“, sagte Said, „sie wollen geliebt werden. Und sie haben all diese Präzisionsinstrumente erfunden um besser navigieren und an Orten nach Liebe zu suchen zu können die ihnen vorher unerreichbar waren.“             „Gut“, sagte der Shaikh, „aber abgesehen davon dass all diese wunderbaren Präzisionsinstrumente, wie du die nennst, im Anfangsstadium Entwicklungen der Militärtechnologie waren – haben sie die Menschen wirklich einander näher gebracht? Ich meine, ist es wirklich einfacher geworden, den Schmerz und die Einsamkeit eines Menschen zu verstehen?“             „Ich habe mich von Anfang an einsam und verloren gefühlt wie ein verwundetes Tier“, sagte Said, fast gegen seinen Willen.             „Und du handelst mit der Droge Kommunikation“, sagte der Shaikh. Said sagte nichts. Was sollte man darauf schon sagen.             „Ich bin keine drei Kilometer Luftlinie vom Haus deiner Eltern geboren“, sagte der Shaikh. „Wir dürften uns als Kinder nicht selten über den Weg gelaufen sein.“ Said dachte an die verworrenen Szenen seiner Kindheit. Seine Eltern gehörten zu den besseren Kreisen. Er sah andere Kinder wie Staub in seiner Erinnerung verwehen. Aus diesem Staub war dieser Mann gekommen, der ihm jetzt gegenüber saß und ihn in ein Gespräch gezogen hatte, dessen Richtung er bestimmte. Ihm zu widersprechen schien Said aus irgendeinem Grund unmöglich.             „Es gibt nur zwei Möglichkeiten“, sagte der Shaikh: „entweder du lebst nach den Gesetzen Gottes – oder du lehnst dich gegen sie auf. Unglaube, Atheismus – das ist etwas ganz Unmögliches. Das wäre wie wenn ein Mensch die Bedeutung von Wasser und Luft für seinen Organismus anzweifeln würde. Atheismus ist nur eine weiter Erscheinungsform Gottes in den Herzen der Menschen. Keine schlechtere aber auch keine bessere als der Glaube.“             „Wozu dann all diese Gesetze und Gebote?“ fragte Said, „wozu dann die Strafe und die Verdammung, der Haß auf die Ungläubigen?“             „Der Mensch wird geboren und stirbt.“ Said wartete. Aber der Shaikh ließ sich Zeit. Said sah ihm in die Augen und hatte eine kindliche Angst dass dieser Mann im etwas sagen könnte, das alles zunichte machen würde das seinem Leben bisher eine gewisse Form gegeben hatte. Er dachte noch darüber nach was das war was er im nächsten Augenblick für immer verlieren würde, als der Shaikh lächelte wie er vielleicht in seiner Kindheit in den Gassen von Beirut gelächelt hatte, lange bevor er zu dem geworden war, der hier in Berlin in diesem Hinterzimmer saß und ihn, Said, der sich äonenweit von einem solchen Gespräch, wenn man es Gespräch nennen konnte, entfernt hatte, umschlich wie ein Schakal – und gleichzeitig in seinem Schoß zu schnurren schien wie ein Katze.             „Gott“, sagte der Shaikh und ließ ein paar dramatische Sekunden verstreichen, „hat einen Bund mit dem noch unerschaffenen Menschen geschlossen. Und dieser Bund, wir nennen ihn Mithaq, und das bedeutet, wie aus der Sure 7, Vers 171 hervorgeht, dass Gott vor der Schöpfung die zukünftige Menschheit aus den Lenden des noch noch nicht erschaffenem Adam gerufen hat und sie anredete: alastu bi-rabbikum? Bin ich nicht euer Herr? Und sie antworteten: Ja! Wir bezeugen es! bala shahidna. Und das bedeutet dass der Mensch und Gott Eines sind, und dass es dem Menschen nicht möglich ist verloren zu gehen, ganz gleich was er tut, glaubt oder nicht glaubt. Wie Gott sich selbst nicht verloren gehen kann – so kann der Mensch Gott nicht verloren gehen. Die Gesetze sind für die Menschen gemacht. Es gibt kein Gesetz das zwischen Mensch und Gott steht. Die Menschen sind wilde Tiere. Sie brauchen die Illusion des Glaubens wie sie die Illusion des Unglaubens brauchen, damit sie sich selbst nicht verloren gehen.“             „Aber warum dann die Welt?“ fragte Said.             „Die Welt ist das Nest Gottes.“             „Und warum braucht Gott ein Nest?“             „Warum braucht der Mond das Licht der Sonne?“             „Braucht die Sonne den Mond?“ fragte Said. Der Shaikh lachte wie ein Junge der gerade einen guten Witz gehört hat, aber einen besseren kennt: „Wozu braucht eine schöne Frau einen Spiegel?“             „Um ihre Schönheit zu sehen.“             „Nein – um sich noch schöner zu machen.“             „Ist Gott also gefallsüchtig und eitel?             „Vor wem sollte er das sein - wenn es nichts gibt außer ihn?“             „Vielleicht weil er einsam ist.“             „Einsam ist nur wer weiß, dass es Andere gibt.“             „Nein“, sagte Said, „es gibt eine Einsamkeit die nicht die Existenz Anderer zur Voraussetzung hat. Und diese Einsamkeit ist die Einsamkeit Gottes.“             „Gott ist kein ICH wie das ICH eines einsamen Menschen. Gott ist die Bedingung der Möglichkeit aller Welten.“             „Aber es gibt diese Welt“, sagte Said.             „Daran besteht kein Zweifel.“             „Wenn diese Welt und Gott ein und dasselbe sind: wozu dann der Spiegel?“             „In ihm sieht der Mensch Gott.“             „Warum sollte Gott wollen dass der Mensch sich in ihm sieht?“             „Will die Sonne dass der Mond leuchtet?“             „Mein Bruder Ghassan hat einen Mann getötet“, sagte Said. Der Shaikh zog seine Hände zurück wie Spielkarten aus einem Spiel. Said hörte einen Hund in einem gottverlassenen Bergtal sein Echo anbellen.“             „Finde denjenigen der deinen Bruder Ghassan töten soll – und schick ihn zu mir“, sagte der Shaikh.   Harriet kam in das Studio. Der Pförtner wusste nicht wo Hunter die Probeaufnahmen machen wollte. Harriet rief Hunter an. Er nahm nicht ab. Der Pförtner telefonierte. Harriet ging in die Cafeteria und bestellte sich einen doppelten Espresso. Sie hatte Lampenfieber. Sie wählte die Nummer Hunters.             „Wo bist du, Baby? Ich komm runter zu dir“, sagt er. In dem grellen Morgenlicht sah er aus wie seine eigene Leiche. Er nahm auch einen doppelten Espresso und ein Glas Brandy.             „Glaubst du an Gott?“ fragte er.             „Ja“, sagte sie.             „Ich auch“, sagte er. Der Kellner brachte den Kaffee und den Brandy.             „Wir leben in einem Traum – und ich hoffe dass es der Traum eines Gottes ist. Denn wenn er es nicht ist, dann leben wir in der Hölle.“ Hunter trank seinen Brandy und spülte mit dem Café nach. Und wenn ich mich nicht täusche, dann schaute er Harriet dabei mit einem Blick an, den man nur an als liebevoll bezeichnen kann – als ob er eine andere in ihr sah, eine die er sehr sehr verehrte.             „Erschrick nicht, Harriet, wenn ich dich jetzt mit jemandem konfrontiere den du kennst: er ist trotz allem ein sehr netter Junge. Er ist schon ein bisschen länger dabei als du. Aber das hat nichts zu bedeuten.“ Hunter stellte sie ihrer Garderobiere und Maskenbildnerin vor, einer zarten alterslosen Frau von der eine überirdische Ruhe ausging. Sie half Harriet in ihr Kostüm und schminkte sie so raffiniert und kunstvoll dass Harriet die Veränderung kaum bemerkte – und sich doch im Spiegel seltsam fremd vorkam. Als Hunter sie schließlich abholte und sie in das Studio kamen waren die Beleuchter gerade mit dem Einrichten des Führungslichts fertig. Sie räumten die Szene. Es gingen noch ein paar Rufe hin und her. Dann wurde es still. Der Set bestand aus einem großen Zimmer, karg aber sehr stilvoll eingerichtet. Durch die Fenster fiel künstliches Sonnenlicht. Die Vorhänge bauschten sich im simulierten Sommerwind. Hunter ging durch diese Szenario wie ein Bauer durch sein Weizenfeld.             „Du stehst hier am Fenster“, sagte er, „und Zeno sitzt in diesem Sessel. Wo bleibt der Junge eigentlich? Wir wollen anfangen!“ Eine Tür in der Kulisse ging auf und George Clooney kam herein. Er lächelte Harriet nonchalant zu. Er sah prima aus in seinem sandbraunen Anzug, seinem eierschalenfarbenen Hemd und dazu eine dunkelrote Krawatte.             „Well“, sagte er, „let´s do it.“ Hunter zeigte auf den Sessel und sagte:             „Harriet.“             „She is she“, sagte Clooney. Er setzte sich und legte ein Bein übers andere. Sekundenlang schauten er und Harriet sich in die Augen. Und Harriet machte keinen Fehler: Sie zwinkerte ihm zu. Dann nickten sie synchron und senkten die Blicke. Hunter stand bei seinen Kameraleuten. Der Tonmann schwenkte sein Mikrophon. Hunter straffte sich, verschaffte sich Augenkontakt mit allen maßgeblichen Leuten am Set und sagte: „Baby mellow my mind: Action!“ Harriet strich den Vorhang zurück und schaute in den Sonnenuntergang. Zeno fing an zu reden. Und dabei zogen sie seine Augen aus, bis auf die Schuhe. Er erzählte als ob er nie angefangen hätte zu erzählen, von seinem Entzug, der Klinik, Schwester Giovanna, dem Regen in der Nacht vor seinem Balkon, dem Kognak und den Zigaretten und den Zigaretten die Giovanna, nachdem er sie betrunken gemacht hatte, ins Zimmer warf. Harriet fing an auf und ab zu gehen, und sie konnte den Liebesgesang hören, den er unter seine Erzählung legte, schwer und reich und unwiderstehlich: ein tiefes raunendes, rhapsodisches ich liebe dich, ich liebe dich, sei ganz mein, mein, mein, ich brauche nur dich und keine andere außer dir. Und die Lider seiner Augen senkten sich wie im Schlaf und sein Blick darunter senkten sich auf ihre Brüsten, ihre Hüften, ihre Schuhe. Und sie konnte diesen Blick auf sich spüren wie eine weiche warme Hand.             „... und außerdem ist ja die Zeit für mich nicht dieses Unbegreifliche“, sagte er, „das niemals stehen bleibt. Zu mir, zu mir allein kommt sie zurück...“     Said fuhr die Oranienstraße entlang. Ein Gewitter ging über der Stadt nieder wie er noch nie eines gesehen hatte. In den Kneipen und Bars drängten sich die Leute zusammen. Der Regen peitschte auf den Asphalt und ließ einen Bodennebel aufsteigen, der bis an die Windschutzscheiben reichte. Ein Mann in Frauenkleidern rannte mit seinen 5 Windhunden über die Straße. Schminke lief ihm übers Gesicht wie Tinte. An einer Straßenkreuzung blies einer eine Trompete in die Nacht. Ein Betrunkener warf mit einer Bierflasche nach einer Überwachungskamera – und traf sie nicht. Said hatte die zerschossene Scheibe des BMWs  ersetzen lassen. Die Straße war von der Feuerwehr blockiert. Said fuhr durch zwei Seitenstraßen, parkte den Wagen am Heinrichplatz und ging in eine der letzten öffentlichen Telefonzellen. Harriets Stimme klang müde:             „Wo bist du denn? Ich hab zigmal versucht dich anzurufen.“             „Ganz in der Nähe“, sagte Said, „können wir uns treffen?“             „Ich bin zuhause – komm zu mir.“             „Es ist besser wenn wir uns woanders treffen. Ich erklär dir dann warum.“ Harriet atmete hörbar.             „Im der Bar in der Dresdner Straße“, sagte Said, „neben dem Kino.“             „Ich bin in einer halben Stunde dort – und noch was...“             „Ja?“             „Das sag ich dir dann.“   Said bestellte einen Manhattan und zündete sich eine Zigarette an. Das Gewitter hatte sich gelegt. Wasserdampf trieb über das Pflaster und die wenigen Autos schienen in Zeitlupe vorbei zu fahren. Die Tür zur Straße war offen und vor der Bar standen Leute und konnten sich nicht entschließen zu gehen. Es war eine dieser Sommernächte in denen keiner allein sein wollte, weil allein sein gleichbedeutend war mit sterben. Als Harriet hereinkam war sie kaum wiederzuerkennen. Sie trug ein weit ausgeschnittenes, eng anliegendes rosengemustertes Kleid, schwarze Pumps und einen roten Seidenschal. Ihre Augen strahlten und sie warf sich Said an den Hals und küsste ihn zweimal auf die Stirn. Ein Duft war an ihr den er nicht kannte. Sie setzte sich auf den Barhocker, schlug ihre schönen braungebrannten Beine übereinander, ließ einen Fuß baumeln und bestellte sich ein Glas Weißwein. Auf der Innenseite ihres Knies war eine fingerlange Narbe die Said zum ersten Mal bemerkte. Sie sah dass er sie sah.             „Schlimm?“ fragte sie und strich mit dem Handrücken über die Narbe.             „Halb so schlimm“, sagte er.             „Ein schlimmer Autounfall in grauer Vorzeit.... Wir können von Glück reden dass es mich noch gibt.“             „Wenn es dich nicht gäbe – wär´ ich jetzt mehr als allein.“ Sie trank einen Schluck Wein und schaute Said unter ihren Wimpern an:             „Wo warst du die ganze Zeit?“             „Wo ist Aischa?“             „Sie war letzte Nacht bei mir. Heute Abend ist sie weggegangen. Sie hat mir nicht gesagt wohin.“             „Kann sie noch ein paar Tage bei dir bleiben?“             „Warum nicht. Sie ist ein sehr nettes Mädchen.“ Said bemerkte dass der südländisch aussehende Barkeeper sie beobachtete.             „Warum erzählst du mir nicht was passiert ist, Said”, sagte Harriet.             “Weil das was passiert ist nicht hätte passieren dürfen – und weil es auch dich betrifft, beziehungsweise uns.”             “Und findest du nicht dass ich es gerade deswegen auch wissen müsste?” Said nickte. Aber er zögerte noch.             “Vertraust du mir nicht?” fragte Harriet.             “Als du mich zum ersten Mal gesehen hast – hast du mich da für einen Araber gehalten?”             “Nein, aber du hast dir ja auch alle Mühe gegeben.”             “Ich hab mir nicht nur Mühe gegeben es mir nicht ansehen zu lassen, sondern es auch nicht mehr zu sein.” Harriet legte ihm ihre Hand aufs Knie:             “Und weiter.”             “Ich hab eine Menge Geld verdient. Und je mehr Geld ich verdiente umso weiter habe ich mich von meiner Familie und allem was damit zu tun hat entfernt. Ich habe mich von allem losgesagt, vom Glauben, ich meine den Islam, den Traditionen, dem Lebensstil, von allem was mit meinem Herkommen zu tun hatte. Aber eine arabische Familie ist nicht das was eine deutsche Familie ist. Ein arabischer Familienclan kann aus bis zu Hundert Leuten bestehen. Und alle diese Leute behalten sich gegenseitig mehr oder weniger im Auge, lebenslang. Nun – sie haben mich im Auge behalten, sie haben meine Art zu leben zwar missbilligt, aber sie haben sich nicht in mein Leben eingemischt. Und der Grund ist: ich bin erfolgreich, ich bin absolut unabhängig und ich bin reich. Ich habe mal einer entfernten Verwandten eine teure Zahnbehandlung bezahlt, ich habe meiner Schwester das Studium finanziert, ich habe meinen Eltern Geld gegeben – und ich habe gelegentlich auch meinem Bruder Ghassan unter die Arme gegriffen. Ich bin sogar an Bauprojekten im Libanon beteiligt, sozialer Wohnungsbau, wie man das hier vielleicht nennen würde. Ich bin also, wenn du so willst, immer noch durch unendliche viele Fäden mit dieser weit gefächerten und verstreuten Familie verbunden. Es ist mir gelungen diese Verbindungen aufrecht zu erhalten, ohne dass irgendwer irgendwelche Ansprüche an mich stellen konnte. Ich habe abgegeben wie es sich gehört, nicht zuwenig aber auch nicht zuviel. Ich war nicht erpressbar. Niemand ist mir je zu nahe getreten. Weil es eine Apostasie im Islam nicht gibt nahmen wohl alle an dass ich weiter meine Gebete verrichte, wenn auch auf eine diskrete Art. Die ganzen Jahre über habe ich mich gegenüber dem Clan verhalten wie sich ein frommer familiensinniger Moslem zu verhalten hat. Und alles ging gut. Bis jetzt. Denn da gibt es diesen anderen Clan. Ich hab dir davon schon erzählt, dem alten Streit wegen eines Neubaus und einer genommene Aussicht. Aber auch das hielt sich in Grenzen. Zumindest stellte ich klar dass ich mich aus diesen Querelen heraus halten würde, was nicht immer leicht war. Ich fühle mich eher als Deutscher, ich meine ich fühle mich hier wohler als in dem ewig von Krisen gebeutelten Libanon. Ich bin hier aufgewachsen, habe hier studiert, habe einen deutschen Pass, ich lebe die meiste Zeit des Jahres hier - und ich habe dich hier kennengelernt.“             „Nicht ganz“, sagte Harriet, „wir haben uns in einem Flugzeug, einer Lufthansamaschine, zum ersten Mal gesehen. Und die Maschine stand zu diesem Zeitpunkt ...“             „...auf dem Flughafen in Dubai, richtig. Aber das tut jetzt nichts zur Sache. Ich will dass du das alles weißt, damit du verstehst was passiert ist. Ich wollte raus aus dem ganzen Chaos. Und wenn du Araber bist, dann bist du dem Chaos immer ganz nah. Es war mir egal. Es ist mir egal welche Nationalität ich habe. Ich bin kein Patriot. Wäre ich ein Patriot, ich meine ein libanesischer Patriot, wie man es stillschweigend von mir erwartete, dann wäre mein Stolz ein knechtischer und selbst meine Erniedrigung wäre knechtisch. Erscheint ein neuer Herr am politischen Horizont des nahen Ostens – dann heißt es: nieder mit dem alten. So sind alle Patrioten schon immer gewesen, und das wird auch nie aufhören, wenigstens in dieser Region. Dieses Wort Zivilisation ist verständlich, rein und unantastbar. Während Volkstum, heiliger Glaube, Ruhm und Ehre nach Blut riechen. Ein Patriot ist ein Mensch der mindestens zweimal am Tag auf den Boden seines geheiligten Vaterlandes scheißt, das stammt von René Magritte – und ich finde er hat vollkommen recht. Ich dachte mir, wenn ich so denke, dann habe ich für jemanden der aus dem Libanon kommt schon eine Menge erreicht.“ Harriet nahm eine von Saids Zigaretten.             „Ab ersten Januar“, sagte sie, „werden wir hier nicht mehr rauchen dürfen.“ Said schaute sie an als ob er nicht verstanden hätte.             „Mein Bruder Ghassan hat mich immer bewundert. Aber er hat nie kapiert warum ich meine Kontakte zur Peripherie der Familie auf das absolute Minimum beschränkte. Ich wollte nie mit ihm über Religion diskutieren. Auch das konnte er nie verstehen. Und ich konnte es ihm nicht erklären. Wie hätte ich ihm auch sagen können dass ich längst aufgehört hatte Moslem zu sein – wo das doch für einen Moslem ein Ding der Unmöglichkeit ist. Aber seine Bewunderung war mit Neid untermischt, Neid auf ein Leben wie es nur einer führen konnte der kein Moslem ist. Es ist immer die alte Geschichte: was man sich selbst nicht erlaubt .... “             „Wo ist dein Bruder jetzt?“ Said nahm einen Schluck. Leute kamen herein, lärmten beratschlagten sich und gingen wieder. Ein Mädchen drehte sich nach Said um und warf einen abschätzenden Blick auf Harriet.             „Er hat einen umgebracht, einen Libanesen irakischer Abstammung, ein Türsteher wie er selber. Ghassan kam zu mir ins Büro und hat mir alles erzählt. Ich hab ihn heut abend noch einmal getroffen. Er erwartet von mir dass ich ihm helfe. Ich habe ihm geraten irgendwo im nahen Osten abzutauchen. Hier werden sie ihn finden und töten – und wenn nicht ihn, dann mich. Und das Dumme ist: der Typ den er erledigt hat der gehörte auch noch dieser anderen Familie an mit der unsere schon seit Jahren in Streit liegt. Vendetta transversale.“ Harriet stand auf und stellt sich an die Bar. Sie schien ihm größer jetzt als er sie in Erinnerung hatte. Sie spielten jetzt „Good morning little schoolgirl“ von Jonny Winter. In dieser Bar konnte das schon mal passieren. Aber diese erzamerikanische Musik hatte ihre Wirkung. Diese ganze bluttriefende und wenig verheißungsvolle Geschichte die Said da am Halse hatte schreckte Harriet nicht. Sie rieb sich, wie immer in heiklen Situationen, die rechte Augenbraue, denn in einer kaum sichtbaren Narbe steckte noch immer ein winziger Splitter Glas von diesem langvergangenen Crash.             „Wir werden uns doch von so einem Scheiß nicht aus der Bahn werfen lassen, oder?“ Said lächelte.             „Wie waren die Probeaufnahmen?“ fragte er nach einer Weile. Mit plötzlichem Lächeln das die Linien ihres Gesichts, und sogar das Licht ihrer Augen leicht veränderte, richtete sie sich auf und sagte:             „Phantastisch! Ich glaube ich hab meine Sache ganz gut gemacht – und rate mal wer Zeno spielt?“     Ghassan wartete in einer Kneipe am Stuttgarter Platz. Der Typ den er gefragt hatte war nach hinten verschwunden und Ghassan hatte das Gefühl dass sich durch eine Spiegelglasscheibe hinter der Bar Augen auf ihn richteten. Der Tee den er sich bestellt hatte war so heiß dass er sich die Lippen daran verbrannte. Nach fünf Minuten kam der Typ zurück und schickte ihn in eine andere Bar, ein paar Häuser weiter: Café Venezia; er sollte dort nach Rhashid fragen und sagen dass er von Charlie geschickt worden sei. Ghassan bedankte sich, ließ den Tee stehen und ging. Zwei thailändische Nutten in glitzernden Pettycoats standen in der Tür eines Clubs und musterten ihn verächtlich. Rhashid war nicht da; er würde in einer knappen Stunde kommen. Ghassan wartete und rauchte. Das musste früher mal ein italienisches Restaurant gewesen sein. Sie hatten alles rausgeschmissen, nur ein Teil der Bar und ein paar lose im Raum herumstehende Tische und Stühle waren geblieben. Neben ihm am Tresen saß ein junger Mann in einem roten Holzfällerhemd. Sein Gesicht war weiß als ob es nie die Sonne gesehen hatte und seine Haut uneben, von Blattern imprägniert. Die Farbe seines gut geschnittenen Haars war irgendwo zwischen blond und grau. Er trank langsam von seinem Bier und starrte mit einem gespenstisches Lächeln auf den Lippen ins Leere. Der Typ konnte aus der Psychiatrie abgehauen sein, vielleicht ein Killer, ein Zombie, für ein paar Stunden noch einmal ins Leben entlassen. Wie ein Zivilbulle jedenfalls sah er nicht aus. Seine sparsamen Bewegungen waren langsam als ob sie ihn schmerzten – oder als ob er sie tief genoß. Ghassan bestellte sich gegen seine Überzeugung ein Bier. Der Typ drehte seinen Kopf wie an einem Scharnier und sagte: „Du rauchst zuviel.“ Seine Augen waren absolut farb- und ausdruckslos und schauten aus der ewig starr lächelnden Maske des Gesichts. Unter seinem Kehlkopf am Ansatz des Schlüsselbeins war eine kreisrunde Narbe so groß wie ein 20-Centstück. Ghassan hob die Brauen und schwieg. Eine blondierte Russin mit rotbraun geschminkten Lippen telefonierte leise und zapfte Ghassans Bier. Ihre künstlichen Fingernägel waren zu lang und einer davon abgeknickt. Ghassan wurde plötzlich schlecht, er wollte aufstehen und gehen.             „Reg dich ab“, sagte der Typ im Holzfällerhemd.             „Was geht´n dich das an?!“             „Nichts.“             „Dann halt die Fresse! Arschloch.“ Die Russin hörte auf zu telefonieren und stellte Ghassan das Bier hin. Er zögerte, dann nahm er einen Schluck und setzte sich wieder. Erst jetzt sah er dass in allen Ecken des Lokals Kameras installiert waren.             „Allah wird dich schützen“, sagte der Typ. Ghassan schaute ihn an und seine Hand zuckte um dieses bleiche Monstrum zu erwürgen. Aber das magische Wort war ausgesprochen.             „Mein Name ist Rhashid – womit kann ich dir helfen, Bruder?“             „Mit einer Walther PPS, inklusive Munition.“     Hunter wartete auf  Werner und kaute am ersten Bissen eines der unsäglich zähen Steaks die man in diesem Lokal, das sich Grill Royal nannte kriegte. Er war kurz davor es zurückgehen zu lassen, aber Reza, der persische Kellner, der es ihm serviert hatte schaute ihn so mitfühlend an dass er sich in sein Schicksal ergab. Er hatte Steaks gegessen, T-Bone-Steaks, die so zart waren dass sie einem auf der Zunge zergingen. Steaks wie man sie in  den Filmen von Whyler und John Houston gegessen hatte. Er hatte immer das Gefühl alles über seine Zunge gleiten lassen zu müssen um sich seiner Realität zu versichern. Er war ein Karnivor. Das Fleisch hatte ihn aufgebaut und das Fleisch hatte ihn vermutlich getötete. Aber der Geschmack des Fleisches war der Geschmack des Lebens. In diesem Moment kam Werner herein. Er sah müde aus; er hatte schon geschlafen als Hunter ihn anrief. Aber er war gekommen. Hunter legte das Besteck zur Seite und bestellte ein zweites Glas. Werner setzte sich.             „Wie geht es dir?“             „Bis auf das Steak – ganz gut.“             „Und – wie waren die Probeaufnahmen?“ fragte Werner.             „Ich nehme die Szene so wie ich sie gedreht habe.“             „Du meinst...?“             „Yes - Ich habe heiß gedreht. Es gibt keine Bessere als sie. Und es gibt keinen Besseren als ihn. Das ist meine Meinung.“ Werner lehnte sich zurück. Reza schenkte ihm ein und zeigte ihm das Etikett. Werner nickte und nahm einen Schluck.             „Verflucht gut, was?“ sagte Hunter.             „The Production-company will pay out for the wine“, sagte Werner.             „Clooney hat sie sofort gemocht.“             „Dann ist sie unter Vertrag?“             „Schau dir die Szene an. Jammerschade dass es keine Liebesszene mit ihr geben wird....“             „Wusste sie dass du heiß drehst?“             „Natürlich nicht“, sagte Hunter und lachte.             „Und Clooney?“             „Vor dem kann man nichts verbergen.“ Werner lachte mit. Und er sah wieder aus wie damals in New York, als er noch ein Niemand war, der auf Partys herumstand und darauf wartete dass jemand mit ihm über Murnau und Sternberg redete, damals als Hunter ihn in sein Herz geschlossen hatte.             „Morgen werde ich sie mit den anderen Schwestern bekannt machen“, sagte Hunter und zermalmte einen neuen zähen Bissen. Ein junges Pärchen kam herein und setzte sich an den Nachbartisch. Sie trug Sachen im Stil von Vivian Westwood, war eine souverän düstere, übernächtige Schönheit, wie die magersüchtigen Modells von vor fünf Jahren. Er machte den Eindruck eines italienischen Stardesigners, langes schwarzes Haar, weißer Anzug, schwarzes Hemd: beide entspannt, wie ein altes perfekt aufeinander eingespieltes Ehepaar. Trotzdem war etwas absolut Explosives an diesem Pärchen, eine Unbeherrschtheit, eine Extrovertiertheit die nur auf einen Anlass wartete auszubrechen. Hunter machte Werner auf sie aufmerksam. Werner sah kurz zu den Beiden und schüttelte den Kopf als ob sie ihn nicht im geringsten interessierten.             „... ich lass mich auf so was gar nicht ein“, sagte der Typ im weißen Anzug. „Ich spiele nur auf einem Flügel den noch keiner angefasst hat, einem jungfräulichen Flügel, einem schwarzen jungfräulichen Pechsteinflügel – ist das klar?! Sonst kannst du die Sache vergessen!“             „Aber wo ist denn der Unterschied?...“ bettelte das Mädchen.             „Der Unterschied?! Scheiße!“, schrie der Typ, „ich will dass der Flügel mich spielt – verstehst du: MICH – und nicht ich ihn! Und wenn da schon mal einer drauf rumgesaut hat – dann geht diese Scheiße durch mich durch – verstehst du das – geht das in dein verdammtes Mäusehirn!?“ Das Mädchen riss die Augen auf wie Shelley Duvall in Kubriks Shining, als Jack mit der Axt ins Badezimmer einbricht. Andere Gäste hoben die Köpfe, Angst und Neugier, wie immer wenn einer schrie. Die Kellner drängten sich an der Bar zusammen.             „Was glotzt ihr so blöd?“ schrie der Typ, „Jungfrauen könntet ihr gut gebrauchen, oder?!  Hah! – aber die werdet ihr auch in eurem Scheißhausquallenparadies niemals kriegen!“ Er stand auf und warf dabei den Tisch um. Sein Mädchen riss die Augen noch weiter auf, und bekam einen Lachanfall. Der Typ schleifte sie an ihren Haaren mit sich aus dem Lokal. Ihr Lachen ging in Kreischen über und verebbte draußen auf der Straße wie ein Spuk.             „Die Frau eures Friedrich Schiller muss eine gewesen sein wie die...“ sagte Hunter.             „Hunter – wie du dich drehst und wendest, es kostet mich Tausende von Dollars“, sagte Werner.             „Rechnen wir Filme wirklich immer noch in Dollars ab – wie jedes einzelne Barrel Öl?“ Werner nahm sich eine von Hunters Marlboros. Hunter gab ihm Feuer.             „Aber es ist mir egal“, sagt er, „ich will diesen Film machen – ich will dass wir diesen Film zusammen machen. Und zwar genau so wie du das willst.“             „Und wenn es das letzte ist was du für mich tun kannst – wolltest du damit sagen ...“             „Genau das.“             „Werner, wir kennen uns jetzt seit über zwanzig Jahren, richtig? Und ich verspreche dir dass ich das Budget nicht nennenswert überziehen werde. Ich brauche keine Gage für meinen letzten Film.“             „Und wenn es nicht dein letzter ist?“             „Dann nehm ich eben keine Gage für den vorletzten.“ Er legte seine Hand auf Werners Arm:             „Ist dir schon mal aufgefallen, dass alle Leute schon immer in dem Alter gewesen zu sein scheinen in dem sie gerade sind?“             „Bei ganz wenigen kann ich mir vorstellen, dass sie einmal jung gewesen sind, Kinder, royal babys - oder noch schlimmer.“             „Ewigkeit ist nicht, wie man denken könnte, anfangs- und -endlose Zeit, sondern Essenz des Augenblicks. Jeder treibt auf seiner Zeit wie auf einem Floß einen immer breiteren Strom hinunter. Die Ufer wechseln langsam, so langsam dass man es kaum bemerkt. Und plötzlich ist man im Delta, es gibt plötzlich keine Ufer mehr – und dann siehst du das Meer.“             „Weißt du wer der Typ war der da eben Krawall gemacht hat?“ fragte Werner nach einer Weile. Hunter wusste es nicht. „Das war ein Filmkomponist – ich denke der beste den man zur Zeit kriegen kann. Ein absoluter Choleriker, wahrscheinlich ein Genie. Er nennt sich Belaqua. Keiner dieser Bastler die in ihren Studios steriles Zeug fabrizieren das du keine zehn Sekunden mit geschlossenen Augen hören kannst. Aber eben ein verrückter Hund der sich nicht an die Leine nehmen lässt.“             „Erinnerst du dich an Program Open: America von Simon & Garfunkel?“ fragte Hunter. Werner erinnerte sich nicht. „Die meisten Regisseure setzen heute die Kamera nicht mehr ein um etwas zu sehen was man sonst nicht zu sehen bekommt. Sie benutzen die Filme die sie drehen nur um sich zu bestätigen was sie sowieso schon wissen – und die Leute die diese Filme sehen wissen das auch schon längst. Komisch dass das kaum noch jemand bemerkt – und dass das kaum noch jemanden stört, falls er es bemerkt.“     Harriet und Said gingen über den Heinrichplatz. Nach dem Regen kamen die Leute auf die Straßen. Es war tropisch warm. Mädchen liefen, ihre Schuhe in der Hand, durch große flache Wasserpfützen. Ein Betrunkener fiel vom Fahrrad und jemand half ihm auf. Es war eine dieser Nächte die kein Ende nehmen – und keinen Anfang hatten. Said hielt Harriet fest. Erschrocken schaute sie ihn an. Und die Überraschtheit in ihren Augen löste sich langsam auf wie Salz im Wasser.             „Said – was liebst du an mir? Wenn du sagst dass du mich liebst?“ Er küsste sie und schmeckte den Alkohol in ihrem Atem, vermischt mit ihrer Süße. Er hob sie auf den Bordstein und schaute ihr von unten in die Augen. Ihre Augen irrten kindisch über die Szene.             „Wo geh´n wir hin?“             „Hier rein“. sagte er. Sie ließ sich in einen Sessel fallen und lachte.             „Warum lachst du?“ fragte Said.             „Weil ich daran denken musste wie die alten Scholastiker ernsthaft darüber debattierte, wie viele Engel auf die Spitze einer Nadel passten – und wie Jesus Christus uns das Heil gebracht hätte, wenn er als Erbse geboren worden wäre. Das war im zwölften Jahrhundert.“             „Solche Späße haben sich meine Glaubensgenossen nie erlaubt.“             „Sag mal ehrlich, Said: glaubst du den ganzen Scheiß?“ Harriet war beschwipst, ihre Augen flackerten und ihre Lippen waren gespitzt - aber sie erwartete eine ernsthafte Antwort.             „Ich wollte Mohammed wäre als Erbse geboren worden, und Jesus auch - und alle diese Leute die nichts anderes im Sinn hatten als das Spotlight auf sich zu richten und sich als unumgängliche Stationen auf dem Weg zu Gott zu machen.“             „Dann glaubst du also doch an Gott – ich habe es gewusst, ich hab´s gewusst!“ Die Kellnerin kam und sie bestellten Drinks.             „Ich tu´s nicht – leider“, sagte Said.             „Ach mein kleiner gottloser kleiner Junge“, sagte Harriet und legte ihre Hand auf Saids Nacken, „wie bist du doch verloren.“             „Warum treibst du es so weit?“             „Warum treiben wir es nicht weiter?“ Sie hatte sich selbst überrascht und ließ ihre Hand verlegen an seiner Schulter abgleiten. Er stand auf und ging zu den Toiletten. Die Kellnerin schaute ihn an. Er winkte mit den Augen zum Tisch. Im Spiegel über dem Waschbecken sah er Harriet hereinkommen. Sie schlossen sich in einer Kabine ein. Ihre Stirn an seiner Schulter fragte sie:             „Liebst du mich?“             „Nein – bist du glücklich?“             „Nein“, sagte sie.     Die Pistole war in kariertes dunkelblaues Wachspapier eingewickelt. Ghassan steckte sie ein. Sie beulte seine Jacke aus. Er spürte ihr Gewicht wie etwas das von jetzt an zu seinem Körper gehörte wie ein Organ an das sich gewöhnen musste.             „Mach keinen Blödsinn damit!“, sagte Rhashid und lächelte süßlich. Er sah aus wie ein Mann der seine Liebste gehen ließ und nicht mehr hoffte, sie in diesem Leben jemals wieder zu sehen.             „Werd nur auf Spatzen schießen damit“, sagte Ghassan und wollte gehen. Dann drehte er sich noch einmal um: „Warum bist du eigentlich Moslem geworden, du Arschloch?“             „Weil ich mit Leuten zu tun haben wollte denen ich trauen kann“, sagte Raschid und das süßliche Lächeln war von seinen Lippen weggewischt. Draußen auf dem Platz manövrierten Taxis und die thailändischen Nutten patroullierten vor ihren Bars. Es gab nicht den geringsten Grund irgendwoanders hinzugehn. Ghassan setzte sich vor ein Café und bestellte sich eine Cola. Eine langbeinige Asiatin in einem smaragdfarbenen Bikini, in High Heels lehnte an der Klinkermauer des Starlight-Clubs und der Rauch ihrer Zigarette hielt sich vor ihrem Gesicht als ob er darauf wartete wieder von ihr eingeatmet zu werden. Er wäre gern dieser Rauch gewesen. Sie merkte dass er sie beobachtete und lächelte ihm schräg zu. Asiatinnen hatten keine besondere Vorliebe für Araber. Und das beruhte wohl auf Gegenseitigkeit. Aber die Art wie sie dastand und dem Rauch nachsah rührte Ghassan. Er versuchte sich vorzustellen woran sie dachte. Es musste etwas sein zu dem er keinen Zutritt hatte, etwas das absolut nichts mit ihm zu tun hatte. So waren sie alle, ob Nutten oder nicht: alle machten sie einen Scheißjob und hingen ihren Träumen nach. Es gab nicht viele Menschen in deren Gedanken er manchmal vorkam. Said war die Ausnahme. Er wusste dass Said an ihn dachte, und ihn liebte, ja, auch das. Und plötzlich überkam ihn ein unaussprechliches Mitleid: Said war nicht glücklich, Said hatte sich abgespalten und war allein, so allein wie diese thailändische Nutte. Was sollte aus ihnen werden? Es war wie es war. Und sie waren die Verlierer. Die Mutter dieses Typen der jetzt in einem Zinksarg in einem Regal lag, seine Haut wächsern und kalt, die Augen halb geschlossen, kein dreckiges Wort mehr auf den blauschwarzen Lippen - sie heulte wahrscheinlich noch vor Schmerz wie eine Wölfin die ihr Junges verloren hatte. Aber das war nicht zu ändern. Sie kannte ihren eigenen Sohn nicht. Keine Mutter hatte auch nur die geringste Ahnung von ihrem Sohn; sie wussten nur dass sie geliebt wurden, sonst nichts. So waren die Mütter. Aber die Brüder dieses kleinen toten Idioten saßen jetzt irgendwo, nur ein paar Kilometer weiter und wetzten ihre Messer und leckten schon sein Blut. Er konnte sie sehen, er kannte sie alle, sie saßen in irgendeinem schäbigen Hinterzimmer, saugten an ihrer Wasserpfeife, im Licht ihrer Handys, im Dunkel ihrer Gottverlassenheit. Ghassan tastete nach der Pistole und ein warmes flüssiges Gefühl von Sicherheit spülte jeden Zweifel in seinen Hirnwindungen weg, und seine Muskeln strafften sich wie Schlangen unter seiner Haut. Er stand auf und ging zu ihr hin.             „Ich bin Moslem, klar? – und bist wahrscheinlich eine verdammte Buddhistin. Aber auch wir werden eines Tages zusammen ficken.“ Das Mädchen nahm einen tiefen Zug und blies ihm den Rauch direkt ins Gesicht.             „Never“, sagte sie, ließ ihre Kippe direkt vor seine Schuhe fallen, drehte sich auf dem Absatz um und er sah nur noch ihre S-förmig geschwungene Rückenlinie, bevor sie hinter dem roten Vorhang verschwand. Er wollte eben die Kippe austreten als sich ein Hand auf seine Schulter legte. Ein Quadratschädel mit fein rasiertem Schnurrbart glänzte vor ihm wie ein Mond:             „Hau bloß ab, Mann – aber´n bisschen plötzlich!“             „Mach ich, Mann, mach ich – war gar nicht hier“, sagte Ghassan und versuchte das Strahlen in seinen Augen zu kontrollieren.             „Geh heim zu deinen verschleierten Schlampen - und lass dich hier bloß nicht wieder blicken!“ Ghassan tastete noch einmal nach der Pistole und drehte sich nicht noch mal um. Langsam ging er in den Abend hinein, der so verdunstet und verwischt war, dass ihm schien, niemand könnte ihn je finden. Er schlenderte die Kantstraße entlang Richtung Zoo, vorbei an den Import-Export-Läden seiner Landsleute. Immer mehr von ihnen hatten in letzter Zeit an Russen verkaufen müssen. Russen hatten überall ihre Finger im Spiel heutzutage, an beiden Enden der Parabel. Reiche Russen waren an ihm vorbei in den Clubs verschwunden ohne ihn eines Blickes zu würdigen. Ihre Frauen, parfümierte Wunderwerke der Technik, zwinkerten ihm manchmal zu wie man Soldaten zuzwinkerte auf die man, vielleicht, irgendwann zurück kommen müsste. Diese Frauen schienen zu allem bereit, manche von ihnen waren außergewöhnlich schön, kalt und geschmeidig wie gottlose Reptilien. Vodka und Kokain waren ihre Hauptnahrungsmittel. Und ihre Haut war weiß wie Schnee. Ihretwegen rafften die Männer das Geld zusammen und ihretwegen gaben sie es rücksichtslos aus. Sie hatten keine Religion, sie brauchten keine. Sie machten was sie wollten - anders als die Deutschen, die meistens das machten was sie nicht wollten. Es war seltsam, aber ihnen gegenüber fühlte er sich manchmal unterlegen. Er beneidete sie. Sie schienen wie gemacht für diese Welt in der nichts anderes mehr zählte als Geld. Und selbst das Geld schienen sie zu verachten, so sehr dass es schließlich schwach wurde und zu ihnen kam. So war das Geld. Das Geld war ein Gott der zu denen gekrochen kam die ihn beschimpften und auf ihn schissen. Ein paar von diesen Mädchen hatten die arktischblauen eisigen Augen von Huskies in denen nichts weiter war als Kälte, aber ihre dünnen langen Arme und ihre weißen schmalen Schultern machten ihn träumen. Wie gern wäre er neben einer von ihnen aufgewacht, auf einem fremden Planeten unter einer kalten unbekannten Sonne. Der Wind jagte die vertrockneten gelben Blätter des Sommers über den Teer wie eine neue Spezies von unheimlich schnellen formlosen Nagetieren die so taten als ob sie vertrocknete Blätter wären. Alle waren andere. Café Venezia – die blondierte Russin hinterm Tresen telefonierte und feilte sich ihre Fingernägel. Sie sah ihn und wendete sich ab als ob sie sich vor ihm ekelte. Im Fenster eines iranischen Bookshops lag ein Buch, halbverdeckt von einem Aschenbecher voller Kippen: auf einem Cover langte ein schwarzhaariges Mädchen nach der Sichel eines Mondes die ihr die Hand zerschnitt. In einem mexikanischen Imbiss saßen zwei Männer und beide bissen in gegrillten Maiskolben. Aus einem Kino kamen Leute die wie mit Mehlstaub überzogen waren und auf der Stelle traten wie Idioten. An einer roten Ampel blieb er stehen und schaute einem alten Mann in einem knallroten Cabriolet zu, der den Gang nicht reinkriegte und fluchte und auf das Lenkrad einschlug. An einer Tankstelle in der Unterführung eines Geschäftshauses standen zwei Taxifahrer und spielten Schach auf einer Motorhaube. Sie lehnten an dem Mercedes wie tausend andere an anderen Orten. Sinnlos – aber sie waren da. Orte die es immer geben würde. Ein chinesischer Imbiss in dem uniformierte Mädchen mit roten Schirmkäppchen hinter großen Woks über irgendetwas lachten das er nie verstehen würde. Dunkle Schaufenster in denen übergroße Flakons von gefälschten Parfüms in standen wie in den billigen Basaren von Beirut. Orientalische Restaurants in denen junge Männer arbeiteten die es nur bis dahin geschafft hatten. Asiatische Restaurants mit großen Aquarien und offenen Küchen und schwarz gekleideten Kellnern die zwischen den Gästen herumliefen wie Gespenster. Ein bärtiger altersloser Mann, der einen Einkaufswagen mit all seinen Sachen vor sich her schob und plötzlich stehen blieb und zu Boden schaute, als ob da unterm Pflaster etwas wäre das ihn überraschte wie ein aus der Tiefe auftauchender Fisch. Ghassan drehte sich um, der Mann stand immer noch da wie versteinert. Ein schwarzer Porsche Cayenne hielt in zweiter Reihe. Ein Typ stieg aus und verschwand in einem Sex-Laden. Neben der Tür ein großes Bild auf dem drei nackte athletisch gebaute Männer posierten, man konnte den Sack des einen sehen, kaum verdeckt vom Schenkel des anderen. An einer Bushaltestelle am Savingyplatz standen zwei verschleierte Mädchen und ein junger schwarzbärtiger Mann der eine Zigarette rauchte und mit ihnen redete ohne sie anzusehen. Es sah aus als ob er betete. Drüben die Paris-Bar, weiß gedeckte Tische, arabische Kellner, vor der Tür stand ein alter Mann in einem dunklen Anzug, eine Zigarre zwischen den Lippen, und redete mit einem anderen Mann. Ghassan wechselte die Straßenseite, ging an einem wartenden Taxi und den beiden Männern vorbei. Der Alte schaute ihn einen Moment lang an und blies den Rauch mit vorgeschobener Unterlippe in die Luft.   Henry kam in sein Hotelzimmer, hängte sein Jackett auf einen Bügel, holte sich die Flasche Stolitschnaja aus dem Eisschrank, trank den Rest runter, stellte sie auf den Schreibtisch neben seine Sonnenbrille, die mit den Gläsern nach außen kippte, ging auf den Balkon und versuchte zu weinen. „Und was das Beste ist...“, er lachte in sich hinein, „das Beste ist, ich werde diesen Job nicht mehr machen. Ich ziehe mich aus diesem Projekt zurück. Das muss man sich mal vorstellen: ein Großinvestor, ein Scheich aus Dubai, Mohammed bin Rashid Al Maktoum, lässt sich jetzt eine Kopie von Lyon, ja L-y-on, die Stadt an der Rhone und Saone, er lässt sie sich nachbauen, dieses superreiche wahabitische Arschloch das sich an seinen Sklaven gemästet hat, ja, da drunten in der Wüste, inklusive Fußballrekordmeister Olympique Lyon, Universität, Textilmuseum, Bars und Bistros. Ich werde die Universität von Lyon NICHT in der Wüste Dubais bauen, ich nicht!“ Unten auf der Straße standen eine Frau und ein Mann und stritten sich, schrieen sich an, gingen in entgegen gesetzte Richtungen weg und wieder aufeinander zu – und keiften weiter. Henry ging zurück ins Zimmer, nahm eine Banane vom Obstteller und schmiss sie mit aller Wucht auf die beiden runter. Sie klatschte auf das Trottoir. Die Frau schaute zu ihm rauf und lachte hysterisch und irgendwie erlöst. Der Mann merkte nichts, brüllte weiter – und knallte ihr eine. Henry wendete sich langsam ab und wusste nicht mehr wer er war, wusste plötzlich absolut nichts mehr - nur noch dass er nie mehr irgendetwas wissen wollte. Er knöpfte den letzten Knopf an seinem Hemd zu, leckte sich die Lippen wie eine Katze, dachte an nichts mehr, wuchtete sich über die Balkonbrüstung, quetschte sich seine edlen Eier - und hörte das Telefon im Zimmer klingeln.             „Ich bin´s.“             „Und?“             „Was ist los mit dir?“             „Was soll mit mir los sein?“             „Du bist so ....“             „Wie?“             „So – so entrückt.“             „Da ist was dran....“             „Ich hab die Rolle.“             „Welche Rolle?“             „In dem Film, verdammt noch mal! Was ist denn mit dir los? Bist du betrunken?“             „Ja.“             „Geht es dir gut? Ist alles in Ordnung?“             „Mach dir keine Sorgen, Kleines. Nur, dein Papa muss jetzt schlafen gehen.“             „Okay, okay – aber ich muss mit dir reden, sobald wie möglich.“             „Worüber?“             „Treffen wir uns zum Mittagessen, im Odenthal?“             „Einverstanden.“             „Um Eins?“             „Um Eins.“             „Ist wirklich alles in Ordnung mit dir?“             „Absolut. Ich bin nur ein bisschen betrunken und sehr sehr furchtbar müde.“ Henry hörte leise Musik aus dem Hörer.             „Okay – dann bis um Eins, schlaf gut“, sagte sie.             „Und noch was....“             „Was?“             „Hör nie auf deine innere Stimme – es ist immer die Stimme der anderen.“             „Wird ich mir merken.“             „Dann ist´s ja gut.“             „Trink nichts mehr, bitte.“             „Versprochen.“             „Leg dich hin.“             „Mach ich.“             „Versprochen?“             „Ich versprech´s dir.“             „Alles andere besprechen wir morgen.“             „Ja, das machen wir.“             „Ich muss echt mit dir reden.“             „Ich weiss.“             „Ich lass dich jetzt schlafen.“             „Es ist etwas passiert was ich nicht versteh.“             „Darüber wollen wir morgen reden.“             „Du meinst: heute.“             „Ich meine heute, ja.“             „Bist du OK?“             „Darüber reden wir morgen.“   Said setzte sich an den Küchentisch und zündete sich eine Zigarette an. Seine Haut schien das Licht zu absorbieren. Der Rauch seiner Zigarette stieg senkrecht auf, verlor seine Linie und verwischte. Harriet stand an den Türrahmen gelehnt und schaute ihn an:             „Und was willst du jetzt machen?“             „Ich werde warten. Bis es etwas zu tun gibt“, sagte er und schaute sie an und in seinem Gesicht war etwas das sie sowenig kannte wie die Rückseite des Mondes. Sie ging ins Schlafzimmer und legte sich aufs Bett. Sie hörte Said in der Küche auf und ab gehen und wusste nicht ob sie Mitleid oder Bewunderung für ihn haben sollte.             „Bis es zu spät ist...“, sagte sie. Er konnte sie nicht hören. Sie wartete. Aber sie war zu müde und schlief ein. Dunkel erinnerte sie sich dass er sich irgendwann auf sie schob und sie sehr langsam fickte. Tief und lange waren sie ineinander geschmolzen. Und sie wusste die ganze Zeit über nicht wirklich, wer da auf ihr lag. Männer die sie gekannt hatte wechselten sich ab, nach einer unbekannten Ordnung. Auch Männer die sie nicht nie gesehen hatte, Wellen von Stimmen, gemurmelte, gestammelte, geflüsterte, erstickte Worte, in Sprachen die sie nicht verstand, aber kannte als ob es ihre eigene wären. Ihre Augen waren offen ohne etwas zu sehen. Ihre Hände tasteten über Haut und Muskeln, Lippen küssten ihre Lippen, Zungen stießen an ihre Zunge wie Schwimmer an Bojen in der Nacht, und Samen pumpte in sie hinein, ein endloser Strom von Sternen, der nie abriss und durch sie hindurch floss und irgendwo im Nichts verloren ging.             „Ich kenn nur dich, Geliebter, nur dich und keinen sonst.“             „Die Zeit ist das erste und letzte Problem der Philosophie“, sagte Hunter und lachte als ob er versuchte, einen Nagel in etwas sehr Glitschiges einzuschlagen. Clooneys rechte Augenbraue schnellte hoch, er nahm einen Schluck von seinem Mineralwasser und sagte: „denk dran - Journalist fängt mit einem J an, genau wie das Wort Justiz - sag das deinem Studioboss. Aischa strich ihr über die schweißnasse Stirn und blinzelte mit pupillenlosen, von Angst geweiteten Augen einem jungen Mann in Hip-Hop-Montur zu, der grinste und sich seinen dunkelhäutigen beschnittenen Schwanz wichste. Said stand als tätowierter haitianischer Priester neben einem bärtigen Imam und wedelte ihm mit einem Surfbrett Luft zu. Und als sie aufstehen wollte und schreien, drückte Henry sie sanft auf das Kissen zurück und sagte: „ Darüber sprechen wir morgen, Darling, morgen, nicht jetzt.“   Der halbe Mond hing schräg im Fenster als Ghassan in seine Wohnung kam. Er machte kein Licht an, stand in der Tür zu seinem Schlafzimmer und sah den Anrufbeantworter blinken wie ein kleines bösartiges Tier, das auf ihn gewartet hatte, um ihn zu stechen:             „Wir machen dich fertig – und zwar so, dass deine verfickte Mutter sich schämen wird, dich geboren zu haben.“ Er löschte die Nachricht und ging auf den Balkon. Er dachte, sie dachten dass er es nicht riskieren würde in seine Wohnung zurück zu kommen. Er grinste und zündete sich eine Zigarette an. Im grellen Schein des aufflammenden Streichholzes sah er nicht wie sich aus der dämmrigen Ecke des Balkons eine Gestalt löste und ihm eine Klinge in die Brust steckte, so selbstverständlich wie man eine Checkkarte in einen Automaten steckt.             „Das ist für meinen Bruder Khalid!“ Diese Stimme – Ghassan erkannte sie, aber er hatte keine Zeit mehr zu wissen zu wem sie gehörte. Er spürte nur wie sich das Messer in seinem Herzen umdrehte - wie ein Toter in seinem Grab. Khalid hatte das gespürt als er ihm das Messer in die Brust gesteckt hatte. Totale Symmetrie: Blutrache, das Gesetz der Familie, das einzige Gesetz das es gab, kein anderes Gesetz. Letzter Gedanke, dem kein anderer jemals überlegen war. Der Tod war süß, viel süßer als das Leben.   Aischa saß in der S-Bahn und hatte das Gefühl dass Alles zum Teufel ging. Sie schloss die Augen und wartete darauf dass ihr Handy klingelte und sie die Stimme Ghassans hören konnte. Aber sie hörte nur die Durchsage: Nächster Halt Tiergarten. Sie stieg aus, und ging Richtung Technische Universität. Eine Prüfung stand an - sie war nicht vorbereitet. Es war sinnlos hinzugehen. Sie ging in die Cafeteria und setzte sich an einen Tisch am Fenster. Die Morgensonne war unerträglich grell. Ein Typ in Motorradmontur setzte sich mit einem Becher Kaffee an den Tisch nebenan, legte seinen schwarzen Helm auf den Tisch und klappte sein Notebook auf. Aischa nippte an ihrem Pfefferminztee und konnte sich nicht mehr zusammenreißen. Das zu lange aufgestaute Schluchzen brach aus ihr heraus.             „Hey – was ist denn los?“ fragte der Typ und klappte sein Notebook zu. Aischa schaute ihn an und trocknete sich die Augen mit einer Serviette. Der Typ kam und setzte sich neben sie an den Tisch. „Es ist nie zu Ende bevor´s nicht zu Ende ist. Komm – ich hol dir einen Kaffee, das Zeug da kann doch keiner trinken.“ Aischa winkte ab, aber er war schon unterwegs zum Kaffeeautomaten. Aischa wählte die Nummer Saids – und hatte ihre Stimme nicht genügend unter Kontrolle um etwas auf die Mailbox zu sprechen.             „Also: wenn du mir sagen willst warum du weinst, dann sag´s mir – wenn du´s nicht willst, dann trink wenigstens den Kaffee, bitte.“ Sie nahm einen Schluck.             „Weißt du“, sagte er, „heute früh ist mein Hund überfahren worden. Ich wollte mit ihm rüber in den Park, wie jeden Morgen, da haut er plötzlich ab, hat eine Hündin gesehen auf die er´s schon seit Tagen abgesehen hatte, die stand drüben auf der anderen Seite der Straße und wedelte mit dem Schwanz. Er rennt los – er hat so was nie gemacht vorher, nie. Und da hat´s ihn erwischt.“ Der Typ fing an zu weinen, und nahm einen Schluck von seinem Kaffee. Seine Hand zitterte. „Ramsi war sein Name – ein kleiner Münsterländer, wenn du weißt was ich meine. Ein verdammter Idiot. Und das Miststück da drüben auf der anderen Seite der Straße setzte sich auf ihren Arsch und schaut zu wie ihr Lover daliegt und verreckt – und wedelt nicht mehr mit dem Schwanz.“ Aischa legte ihre Hand auf seine. Dann stand sie auf und ging.   Das Licht der Scheinwerfer brannte auf Ihrer Haut. Jugend, was war das: Jugend? Ein ungehörter Schrei in gellend bleierner Stille, und der ihn hört hält sich die Ohren zu und wartet bis er wieder die dröhnende vertraute Stille des Lebens hört. Harriet drehte sich um. Clooney schaute ihr in die Augen. Sie gefiel ihm, das sah sie in seinem Blick. Aber seine Professionalität war stärker als er.             „Buchhalter“, sagte er, „ sind von Natur aus Lebewesen, die stark zur Ironie neigen. Heirate mich – und ich werde ein ernsthafter Mensch werden, das verspreche ich dir.“ Und jetzt verstand sie auch den Schmerz der Tiere: diese Hast in den Tod zu stürzen war wie ein einziger gellender Schrei. Und die erste Wirkung weiblicher Schönheit auf den Willen eines Mannes war der Sieg über seinen Geiz. Das waren die Worte Italo Svevos.             „Nimm mich mit“, sagte sie, „fick mich und gib mir alles was du hast.“ Und sie verlor die Nerven und brach aus in ein hysterisches Lachen. Hunter schrie: „Stopp! Pause!“ Ein Scheinwerfer schwenkte von ihr weg, torkelte in die Kulissen und ging aus.              „Schluss für heute!“, sagte Hunter, „das war’s für heute.“   Harriet war den Tränen nah. Hunter goss ihr etwas Whisky aus seiner silbernen Taschenflasche in einen Plastikbecher und nahm selbst einen Schluck.             „Halb so schlimm, Baby: das ist schon vielen passiert“, dachte sie, „er wird dir gleich etwas ähnliches sagen – und du wirst es ihm glauben müssen. Da warten wir jahrelang auf die große Chance – und wenn sie dann da ist schlottern uns die Knie. Aber du warst nicht schlecht, wirklich – sahst aus wie ein Schmetterling der sich aus seinem Kokon schält. Aber ich sag dir: alle haben gesehen wie schön du sein wirst. Reiß dich zusammen und schau ihm in die Augen. Er wartet. Na los – mach schon!“             „Das kann jedem mal passieren, Baby“, sagte Hunter und prostete ihr zu. „George ist einfach ein harter Hund. Aber du wirst schon mit ihm zurecht kommen. Er erwartet von dir dass du nicht aufgibst – genau wie ich.“             „Ich, ich weiß nicht wie das passieren konnte“, sagte Harriet, „ich weiß wirklich nicht wie...“             „Aber ich weiß es“, sagte Hunter, „wir warten alle auf die große Chance. Und wenn sie dann da ist rutscht uns das Herz in die Hose. Wir machen einfach morgen weiter. Und jetzt erzähl ich dir mal eine Geschichte: Ein alter jüdischer Rabbi aus Ostgallizien, der träumte eines Tages, dass unter der Wenzelsbrücke in Prag ein Schatz für ihn vergraben läge. Weil er arm ist und sich keine Zugfahrkarte leisten kann, macht er sich also zu Fuß auf den langen Weg nach Prag ...“ Harriet riss sich zusammen, nahm einen Schluck von dem fürchterlichen Zeug das ihr Hunter eingeschenkt hatte und hörte ihm zu. Er wollte es weiter mit ihr versuchen. Sie sei eben keine professionelle Schauspielerin, aber sie sei die perfekte Besetzung und er wolle keine andere haben. Auch George möge sie. Alles brauche eben jetzt etwas Zeit. Hunter wollte schon morgen weiter machen. Dann fragte er nach Said. Harriet war überrascht.             „Du hast ihn einmal Said genannt“, sagte Hunter, „während die Kamera lief.“   Hunter schaffte es nicht mehr seinen Schlafanzug anzuziehen. Wie ein hinduistischer Götze lag er auf dem Bett, halbnackt, halbtot. Er sah eine Zeichnung Hokusais vor sich. Auf der Zeichnung war der Schlaf zu sehen: ein riesiger Krake, der sich langsam auf ein schlafendes nacktes Mädchen schob. Er konnte nicht einschlafen. Berlin war eine laute Stadt. Das Leben machte Lärm. Der Lärm war das einzige was niemals aufhören würde. Auch wen niemand mehr da sein würde, der Lärm machen konnte, der Lärm würde einfach weiter gehen – auch wenn ihn keiner mehr hörte. Lärm war dazu gemacht weiterzugehen.   Harriet kämpfte um ihr großes Leben. Nach dem Fiasko im Studio und dem Gespräch mit Hunter rannte sie doch tatsächlich in die nächste Bar und fing an zu trinken. Sie hielt das heilige Ritual der Retrospektive, sie rechnete ab und war entschlossen, schlecht, sehr schlecht dabei weg zu kommen. Und so kam es dann auch. Said war genauso durchgedreht wie sie, das begriff sie jetzt, wenn auch aus ganz anderen Gründen. Aber in der bodenlosen Tiefe ihrer Durchgedrehtheit begriff Harriet auch, dass sie Said liebte. Und sie hatte, so würde es ihr später, wenn sie sich daran erinnerte, aber das war unwahrscheinlich, denn sie war vergesslich, das heißt sie erinnerte sich gern, das heißt schlecht, sie hatte eine höllische Angst ihn zu verlieren. Ein Mann neben ihr am Tresen lächelte sie an. Das einzige was sie an diesem Mann störte, der gut roch, gut sprach, gut aussah und gut trank, war, dass er nicht Said war. Und das Beste war, dass er das zu verstehen schien. Sie stieß mit ihm an und er schmiegte sich in ihren guten Willen.   Said krümmte sich ohne zu wissen warum. Ghassan, dachte er: sie haben ihn erwischt. Der Schmerz ließ nach, aber die Gewissheit dass sein Bruder in Schwierigkeiten war blieb. Er zahlte die Rechnung, ging in die Toilette und wusch sich das Gesicht. Dann wählte er Ghassans Nummer; die Nummer war tot. Said rief Harriet an und sagte ihr dass er jetzt in die Wohnung seines Bruders gehen würde. Danach könnten sie sich sehen. Er wollte sie wieder anrufen.             „Ja!“, sagte Harriet, „ja – und noch mal ja.“ Der Mann am Tresen neben ihr lächelte und nahm einen Schluck von seinem Drink.   Said steckte den Schlüssel ins Türschloss. Ghassan hatte ihm diesen Zweitschlüssel gegeben als er damals die Wohnung genommen hatte. Said sah die Sachen seines Bruders an der Garderobe hängen, die Base-Ball-Kappe, die enge Lederjacke die er getragen hatte, und er roch diesen unverwechselbaren Duft den sein kleiner Bruder von Anfang an sich gehabt hatte: ein Geruch nach schmutzigem Leder. Said witterte das Blut bevor er es sah. Ghassan lag in einer Ecke des Zimmers, zusammengekauert, die Augen weit aufgerissen, roter Schaum auf den Lippen, eine Blutspur vom Balkon über die Dielen, seine rechte Hand ausgestreckt wie zu einem Handschlag, neben seinem Kopf ein Zettel auf dem in fahrigem Arabisch stand: Das ist für dich, Said. Bruder eines Schweins.   Said war bleich, Schweiß auf seiner Stirn wie Firniss. Seine Augen starrten ins Leere. An seiner rechten Hand war Blut. Auf seiner Hose klebte Blut. Er lies seine Zigarette fallen und trat sie aus. Dann ging er in die Knie und weinte.      © Thomas Findeiß